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Wie ein Gebet

· Isabella Ducrot zum Thema der Wiederholung in ihren »Heiligen Stoffstreifen« ·

Sie sind Malerin, tragen einen französischen Namen, sind aber Italienerin: Was sind Ihre Inspirationsquellen?

Ich bin Italienerin, in erster Linie aber Neapolitanerin, das ist ein großer Unterschied. Für mich heißt das, das ich dem Schicksal große Bedeutung zumesse. Das heißt auch, dass die Ereignisse auf natürliche Weise eintreten und nicht wie bei einem ganz präzisen Programm von uns abhängen. Wenn ich also von Inspiration sprechen soll, so habe ich keine gehabt. Bei mir hat sich alles auf ganz natürliche Art und Weise ergeben: ich habe keine Zeichenkurse belegt und auch nicht Kunst studiert. Ich wusste nicht, dass ich zeichnen konnte. Das Außergewöhnlichste hierbei ist, dass ich mir dieser Begabung erst bewusst geworden bin, als ich die Fünfzig bereits überschritten hatte. Vorher habe ich nicht wirklich gedacht, dass ich für die Malerei geschaffen wäre, und noch viel weniger, dass irgend jemand meine Werke schätzen könnte. Es war undenkbar für mich, dass ich eines Tages hätte Bücher veröffentlichen können, vor allem aber, dass ich meine Bilder in einer Kunstgalerie ausstellen könnte. Das alles war völlig unerhört, unerwartet, unglaublich!

Erinnern Sie sich an eine Begebenheit, die Ihren neuen Weg in Gang gesetzt haben könnten?

Das war schlicht und einfach das Leben. Nach meinem 50. Geburtstag hat das zufällige Zusammenfallen verschiedener Ereignisse dazu geführt, dass sich alles ganz natürlich ergeben hat. Die außergewöhnlichste Tatsache besteht darin, dass die Menschen meine Bilder mochten und mir das auch gesagt haben – das kam mir so unglaublich vor!

Welchen Themen waren Ihre ersten Bilder gewidmet?

Ich habe schon früh damit begonnen, Gewebe einzusetzen, weil ich schon seit Jahren Stoffe gesammelt hatte, die eine Leidenschaft von mir sind. Anfangs haben mich ihre Farben interessiert, dann bin ich mir aber bald bewusst geworden, dass es die Gewebestrukturen waren, die mich faszinierten. Tatsächlich birgt jedes Gewebe einen »verborgenen Geist«.

Was ist mit »verborgener Geist« gemeint?

Wir alle tragen Kleidung, die aus Geweben gemacht ist, und denken nie über deren Struktur nach. Der Stoff selbst verbirgt sie. So bleibt etwa im Fall von Samt, Atlas oder Seidenstoffen die Struktur verborgen, aber wenn es sie nicht gäbe, dann gäbe es auch kein Gewebe. Ich habe nur ganz allmählich die Symbolik des Gewebes verstanden: als altes und urtümliches Werk des Menschen. Und ich habe die Symbolik des Gewebes und das Leben, das Denken, miteinander vereint, damit sie eins werden könnten. Das alles ist mir ganz unabsichtlich aufgegangen und ich bin darüber selbst heute noch überrascht und verwundert.

Sie sind viel gereist, in den Orient und in den Fernen Osten, und es wird behauptet, dass Ihre Kunst eine Art von Religion darstelle: können Sie mir das erläutern?

Ich habe für meine neue Ausstellung »buddhistische Gewebe« benutzt: das sind Stoffe, die die Pilger kaufen, um damit die heiligen Statuen zu bekleiden. Es sind also religiöse Objekte, die Gebetscharakter besitzen. In Tibet gibt es weniger Blumen als in Indien, deshalb opfern die Tibetaner ihren Gottheiten eher handgewebte Stoffe als Blumen. Diese Gewebe tragen das religiöse Denken der Menschen in sich, die sie darbringen. Ich habe mich also dieser Sicht der Dinge bedient und habe sie mit einer Darstellungsweise in Verbindung gebracht, die für mich ein Gebet darstellt, und zwar der Wiederholung. In der Tat bin ich überzeugt, dass alle Religionen der Welt die Wiederholung kennen: in den Litaneien, in den Fürbitten. Ich habe also versucht, diese Wiederholungen, die integraler Bestandteil aller Gebete der Welt sind, in Malerei auf das tibetanischen Gewebe zu übertragen, das in gewissem Sinne heilig ist.

Worauf spielt die Wiederholung in Ihrer Kunst an?

Auf die Schönheit. Als ich im Orient war, habe ich eingesehen, dass diese ständig wiederholten Motive keine bloße Verzierung waren wie bei uns im Westen, sondern ich habe sie als ein geistliche Hymne verstanden, als eine tönende Musik. Die Wiederholung der Motive auf diesen Geweben hat mich vollkommen überwältigt. Und so habe ich angefangen, eine rote Kugel nach der anderen zu malen, und das hat ein ungeheures Freudengefühl in mir ausgelöst, denn diese Art zu malen folgt keinem logischen Diskurs. Man könnte sagen, dass die in diesem Sinne verstandene Wiederholung einer Form des Gebets gleicht.

War die Wiederholung der Ausgangspunkt Ihrer Entdeckung des Gebets?

Ja, ganz sicher, weil ich sie mit dem assoziiert habe, was das Gebet auf der ganzen Welt ist. In der Tat gibt es viele Gebete, die nicht dialektisch angelegt sind. Ich habe versucht, nachzudenken und mir vorzustellen, wie die Urmenschen damit angefangen haben, ihre Gewebe zu benutzen, was der eigentliche und grundlegende Grund dafür war, dass sie eine so komplizierte Webtechnik entwickelt haben, als sie dazu übergingen, sesshaft zu werden. Und ich habe mir gesagt, dass das weit über die simple Tatsache hinausging, dass sie sich vor der Kälte schützen wollten, und dass es auch mit der Religion zu tun hatte. Ja, man kann so weit gehen zu sagen, dass das Gewebe im Verlauf des Webens, wenn es »steigt« und auf dem Webstuhl Gestalt annimmt, auch den Geist mit sich reißt. In diesem Kontext meine ich mit Geist etwas, das dank des Gewebes existiert, und das ist der entscheidende Unterschied zum Papier. Das Papier akzeptiert den Geist dann, wenn jemand es mit einem Gedicht oder etwas anderem beschreibt, während das Gewebe die Materie, die Faser, die Beschaffenheit verändert: man kann sagen, dass das Gewebe eine Art von Seele besitzt. Ich habe in Tibet ein richtiges Gebet gefunden: ein Dankgebet, das von einer zweifellos sehr reichen Familie stammt, da es aus Seide ist, die wunderschön aussieht. Und da lag ein Zusammenwirken vor, eine Verflechtung zwischen der Herstellung des Gewebes, das auf dem Webstuhl sozusagen »stieg«, und dem Gebet, das auch seinerseits nach oben steigt. Die beiden entstanden gleichzeitig: ich habe eine wahre Verbindung zwischen dem Wort und dem gewebten Stoff gesehen. In einem gewissen Sinne ist das Gewebe das, was uns Menschen am nächsten kommt: Körper und Geist.

Von Catherine Aubin

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17. September 2019

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