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Wer großzügig ist, urteilt nicht

· ​Messe in Santa Marta ·

Zu richten und zu verurteilen, als ob wir »alle verhinderte Richter« wären, und dabei immer die Vergebung zu vergessen, ist eine Gewohnheit, die man nicht einmal mehr wahrnimmt. Die Fastenzeit könnte jedoch die Gelegenheit sein, eine neue Methode in den Beziehungen zu den anderen zu leben, die Barmherzigkeit und Großzügigkeit voll begünstigt. Dies ist der konkrete Vorschlag, den Papst Franziskus während der Messe am Montag, 18. März, in Santa Marta unterbreitete.

»Als Abraham Gott um einen Rat bittet, wie er im Leben vorangehen solle, um keine Fehler zu machen, sagt der Herr: ›Geh vor mir und sei untadelig!‹«, rief der Papst am Anfang der Predigt in Erinnerung. Deshalb »muss man im Leben vor Gott gehen, und das ist ein Rat, der uns sehr hilft: vor den Augen des Vaters zu gehen, den Vater nachzuahmen, Gott nachzuahmen«.

Franziskus bezog sich auf den von der Liturgie vorgeschlagenen Abschnitt aus dem Lukasevangelium (6, 36-38) und wies darauf hin, dass »es sozusagen ein Gebot von Jesus gibt, einen Rat, aber einen Rat, der so schwer zu erfüllen ist: ›Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!‹« Denn »Gott ist ganz Barmherzigkeit, ganz Erbarmen». Doch »jemand könnte sagen: ›Pater, ist er gerecht?‹ – ›Ja, aber seine Gerechtigkeit ist eins mit seiner Barmherzigkeit‹«. Deshalb, so der Papst eindringlich, »kannst du im Leben auch die hässlichsten Dinge tun, aber wenn du dich Gott näherst und ihn ansiehst, vergibt er dir mit seiner Barmherzigkeit, er nimmt dich auf«.

»Die Barmherzigkeit Gottes«, insistierte der Papst, »ist so groß, so groß. Vergessen wir das nicht«. Aber: »Wie viele Leute sagen« in Wirklichkeit: »›Ich habe so schlechte Dinge getan; ich habe mir meinen Platz in der Hölle gekauft, ich kann nicht umkehren‹«. Diese Leute müssten »an Gottes Barmherzigkeit« denken. Und Franziskus lud ein, sich an diese Geschichte der armen Witwe zu erinnern, die zum Pfarrer von Ars gegangen sei, um zu beichten. Ihr Mann hätte Selbstmord begangen, er hätte sich von der Brücke in den Fluss gestürzt. Und »sie weinte. Sie sagte: ›Ich bin eine Sünderin, eine arme Frau. Aber mein armer Mann! Er ist in der Hölle! Er hat Selbstmord begangen und Selbstmord ist eine Todsünde. Er ist in der Hölle‹. Und der Pfarrer von Ars sagte: ›Halten Sie ein, Frau, denn da ist die Barmherzigkeit Gottes‹«. In der Tat, so der Papst erneut, »bis zum Ende ist da die Barmherzigkeit Gottes. Sie ist so groß! Und Jesus sagte: »›Seid barmherzig wie er‹. Immer mit dieser Einstellung«.

Der Abschnitt aus dem Lukasevangelium, erklärte der Papst, »sagt uns dann drei Dinge, um gut zu verstehen, wie man barmherzig ist oder um uns auf den Weg zu bringen, um barmherzig zu sein«. Und so »sagt es uns zuallererst: ›Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden‹. Das scheint uns nicht schlecht zu sein – andere zu richten –, aber es ist eine schlechte Angewohnheit. Es ist eine Gewohnheit, die sich in unser Leben einmischt, ohne dass wir es merken. Immer! Auch um ein Gespräch zu beginnen: ›Hast du gesehen, was er getan hat?‹« Hier hätten wir also »das Urteil über den anderen«.

Franziskus forderte dazu auf, zu überlegen, »wie oft wir am Tag urteilen. Wir sehen alle wie verhinderte Richter aus! Alle! Um ein Gespräch zu beginnen, immer ein Kommentar zu einem anderen: ›Da schau her, sie hat eine Schönheitsoperation machen lassen! Sie ist hässlicher als vorher‹. Ich weiß, dass ihr diese Dinge nicht macht; andere tun sie, immer das Urteil und sofort«. Zum Beispiel: »Sie haben ein neues Haus gekauft. Sie gaben so viel Geld aus. Es wäre besser, wenn sie es für andere Dinge ausgeben würden«. Und so weiter, fuhr der Papst fort: »Immer, immer, immer über andere urteilen: denken wir an die Male, in denen wir urteilen, ohne es zu merken. Es ist wie eine Angewohnheit: es kommt von selbst, sogar ganz unbewusst«.

»In dieser Fastenzeit wollen wir darauf achten«, so der Vorschlag des Papstes: »Wenn ich barmherzig sein will wie der Vater, wie Jesus mir sagt, muss ich denken: wie oft am Tag urteile ich? Und ihr werdet nicht gerichtet werden. Was ich mit den anderen mache, werden die anderen mit mir machen! Und am Ende wird der Herr es mit mir machen«. Gewiss »ist es eine schöne Übung für die Fastenzeit, nicht zu urteilen, aber vor allem diese ›Methode‹ bei den täglichen Gesprächen wahrzunehmen, immer über jemanden zu urteilen«.

Der zweite Ausdruck, der sich im Tagesevangelium finde, laute: »Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden!« Im Übrigen, so Franziskus, »gehen wir oft noch über das Urteil hinaus: ›Das ist eine Person, die meinen Gruß nicht verdient‹. Und ich verurteile, ich verurteile und verurteile. Auch wir verurteilen viel. Und diese Gewohnheit des Verurteilens kommt immer von selbst. Es ist eine schlechte Sache«.

Angesichts dieser Vorgehensweise fragte sich der Papst: »Was sagt uns Jesus? Wenn du diese Angewohnheit hast, zu verurteilen, dann denk daran, dass du verurteilt werden wirst, denn mit dieser Angewohnheit zeigst du dem Herrn, wie er sich mit dir verhalten soll«.

Dann sei da noch ein dritter Ausdruck, den das Evangelium vorschlage: »Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden«. Der Papst erkannte zwar an: »Es ist so schwer zu vergeben. Doch es ist auch ein Gebot, das uns vor dem Altar aufhält, vor der Kommunion«. Denn »Jesus sagt uns: ›Wenn du etwas mit deinem Bruder hast, dann versöhne dich mit ihm, bevor du zum Altar trittst‹. Vergeben«.

»Auch im Vaterunser«, sagte der Papst, »lehrte Jesus uns, dass dies eine Voraussetzung für Gottes Vergebung ist. ›Vergib uns, wie auch wir vergeben‹. Wir geben Gott das Maß vor, wie er mit uns vorgehen muss«.

»Richtet nicht, verurteilt nicht, vergebt und so werdet ihr barmherzig sein wie der Vater: das ist der heutige Rat des Evangeliums«, wiederholte Franziskus. Aber »es ist nicht einfach, denn im täglichen Geschwätz urteilen wir ständig, wir verurteilen und vergeben selten: ›Pater, wie stellt man es an, diese so großherzige Haltung zu haben, nicht zu urteilen, nicht zu verurteilen und zu vergeben? Wie macht man das?‹« Der Vorschlag des Papstes lautete folgendermaßen: »Der Herr lehrt uns: ›Gebt‹. ›Gebt, und es wird euch gegeben werden‹: Seid großzügig beim Geben. Seid keine ›geschlossenen Taschen‹; seid großzügig darin, den Armen, den Bedürftigen zu geben und auch viele Dinge zu geben: Rat zu geben, den Menschen ein Lächeln zu schenken, zu lächeln. Immer geben, geben«.

»Gebt, dann wird auch euch gegeben werden« ist also die Haltung, die der Papst vorschlug. Und gewiss »›wird man euch ein gutes, volles, gehäuftes, überfließendes Maß in den Schoß legen‹, denn der Herr wird großzügig sein: wir geben eins und er gibt uns hundert von allem, was wir geben. Das ist die Haltung, die davor schützt, zu urteilen, zu verurteilen, und die Vergebung sichert«. Hier also »die Bedeutung des Almosengebens, aber nicht nur materielle Almosen, sondern auch geistliches Almosengeben: Zeit mit jemand anderem in Not verbringen, einen kranken Menschen besuchen, lächeln. Viele Dinge. Das ist das geistliche Almosen«.

»Wir wollen in dieser Fastenzeit wenigstens damit vorangehen«, regte Franziskus erneut , »andere in unseren Gesprächen nicht zu verurteilen, nicht zu richten und zu vergeben, und dass der Herr uns diese Gnade schenke, denn es ist eine Gnade, die der Herr uns geben wird, wenn wir um sie bitten und uns bemühen, mit anderen großzügig zu sein«. Und so »mit den Almosen großzügig sein, mit der Zeit großzügig sein, mit der Haltung großzügig sein, immer großzügig mit anderen sein: zuerst die anderen, dann ich«. Abschließend äußerte der Papst seine Hoffnung, dass »der Herr uns diese Weisheit lehre, die nicht einfach ist, aber mit seiner Gnade werden wir sie weiterbringen können«.

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12. Dezember 2019

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