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Vom Haaransatz bis mitten ins Herz

Wir befinden uns in La Sentinelle, einer kleinen Gemeinde im Norden Frankreichs, im Großraum von Valenciennes. Die Passanten eilen durch die Straßen, um Weihnachtsgeschenke zu kaufen und ihren Alltagsbeschäftigungen nachzugehen. In den Bars werden Schwätzchen gehalten. In den Spielzeugläden steht man, die Arme voller Geschenke, in der Schlange. Hinter einem unauffälligen, von einem halbdurchsichtigen Vorhang geschützten Fenster ist der Sozialfriseur der Vereinigung Bien être pour la beauté des femmes vor neugierigen Blicken geschützt. Die Frauen, die zu ihm kommen, werden von im sozialen Bereich aktiven Vereinigungen und Gemeindezentren hergeschickt. Die Mehrheit von ihnen lebt von Sozialhilfe, einem Einkommen, das von 520 Euro für alleinstehende Frauen bis zu einem Maximum von 1100 Euro pro Monat für Paare mit zwei Kindern beträgt. Für diese Frauen, deren Priorität es ist, ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen zu haben, ist die Schönheitspflege zu einem unerschwinglichen Luxus geworden. Nun, da man sich bei einem Vorstellungsgespräch ja nicht mit einem ungepflegten Aussehen präsentieren kann, ist der Teufelskreis bald geschlossen. Hier ist weder das Rascheln von Banknoten noch das gedämpfte Klappern mit Kreditkarten zu hören. Man zahlt in Münzen, drei Euro pro Frisur, ein Euro pro Gesichtsbehandlung.

Berthe Morisot, »La Coiffure« (1894)

Die Geschichten hier hinterlassen einen tiefen Eindruck. Eines Tages kommt eine Frau herein und nimmt Platz. Aber sie dreht sich um und bittet darum, mit dem Rücken zum Spiegel frisiert zu werden. Sie bringt es nicht mehr über sich, ihr Spiegelbild zu betrachten. Vincent, der Friseur, verpasst ihr einen Schnitt und färbt ihr die Haare. Er fängt ein Gespräch an, an das sich alle noch erinnern. »Möchten Sie nicht sehen, wie schön Sie aussehen?« »Nein.« »Aber woher wollen Sie wissen, wie schön Sie sind, wenn Sie sich nicht im Spiegel betrachten?« »Wenn ich schön bin, dann werden meine Kinder es mir sagen.« Es braucht Zeit, zu lernen, wieder wie normale Menschen angeschaut zu werden und wieder das Haupt zu heben, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, mit Füßen getreten zu werden. Bevor Vincent anfing, in diesem Laden zu arbeiten, hatte er mit Flitter, mit Stars und Schönheitsköniginnen zu tun. Er fing mit 16 seine Lehre an und spezialisierte sich anschließend auf Morpho-Visagismus (die typgerechte Behandlungsgestaltung des Gesichts), eine Technik, die es ermöglicht, diejenige Frisur zu finden, die das Gesicht am vorteilhaftesten erscheinen lässt. Anschließend wurde er im Salon einer wichtigen Marke Geschäftsführer. Er geht nach Paris, um weitere Kurse zu absolvieren. Seine Firma wählt ihn als Friseur für die Miss-Frankreich-Wahlen aus. Aber er merkt, dass ihm etwas fehlt.

»Ich hatte wirklich alles gesehen«, so erklärt dieser heute 39-Jährige, »vom Glamour bis hin zu Pailletten, aber ich brauchte ein Projekt, etwas, das mir das Gefühl geben konnte, nützlich zu sein. Die Frauen, die hierher kommen, brauchen wirklich eine Veränderung. Sich frisieren zu lassen ist für sie keine banale Selbstverständlichkeit, sie sind nicht daran gewöhnt, sie sind ernüchtert… Ich erwarte mir keinen Dank, darum geht es nicht. Aber wenn ich sehe, dass sie sich besser fühlen, dann fühle auch ich mich gut.« Dank seiner Arbeit als Friseur hat er gelernt, innerhalb weniger Minuten die Persönlichkeit einer Kundin richtig einzuschätzen, um ihr dadurch jene Produkte empfehlen zu können, die am besten zu ihr passen. Angefangen bei der Art, wie sie hereinkommt, über ihr Verhalten bis hin zu ihren Gesten kann er so schon in den Grundzügen einschätzen, wie sie ist: ein emotionaler, ein intuitiver oder ein eher kopfgesteuerter Typ. »Heutzutage bediene ich mich dieser Techniken, um den Ansatz, den ich diesen Frauen gegenüber, die schon viel durchgemacht haben, einsetze, an ihren Charakter anzupassen.« Eine Herzensläuterung. Auf Gewinn ausgerichtete List, die er in ein Werkzeug des Wiederaufbaus des Selbstrespekts umgemodelt hat.

Der Schönheitssalon in La Sentinelle

Neben ihm arbeitet Beatrice, eine Sozio-Kosmetikerin. Sie macht hier ein Praktikum, nachdem sie zuvor mit behinderten und alten Menschen gearbeitet hat. »Wenn ich die Menschen berühre, spüre ich ihre Gefühle, wie angespannt sie sind, wie negativ. Ich bemühe mich, all das in etwas Positives zu überführen.« Mit Fingerspitzen. Tastend hilft sie ihnen dabei, ihr Image wieder zu rekonstruieren. »In der Gesellschaft herrschen bestimmte Kleidungsregeln. Wer darauf keine Rücksicht nimmt, macht einen schlechten Eindruck. Manche Frauen fühlen sich in ihrem Körper so unwohl, dass sie ihn unter der Kleidung verstecken wollen. Sie ziehen mehrere Schichten übereinander an, um sich zu verhüllen, tragen hohe Stiefel zu Trainingshosen und darüber mehrere Pullover. Ich versuche, ihnen dabei zu helfen, ihr Erscheinungsbild zu verbessern, weil das alte vor allem aussagt, dass sie sich in ihrer Haut äußerst unwohl fühlen.« Ihr Ansatz ist progressiver Art. Im Gegensatz zu jenem, der den Erfolg von Fernsehsendungen ausmacht, die auf ein relooking abzielen, geht es hier weder darum, »Wunder« zu vollbringen, noch darum, alles »total umzukrempeln«, sondern darum, den Menschen dabei zu helfen, wieder auf die Beine zu kommen. Manchmal vergehen vierzehn Tage zwischen einer Anregung und deren Umsetzung. Die Zeit, um der Idee, eine Veränderung vorzunehmen, zu gestatten, sich durchzusetzen.«

»Die Haare einer Person zu berühren«, bemerkt Vincent, »heißt bereits, dass man ihre Intimsphäre betritt. Alles fängt damit an, dass sich die Blicke kreuzen, dann höre ich sie an, spreche mit ihr, bemühe mich um einen beruhigenden Tonfall. Nach und nach wird Vertrauen gefasst, aber das braucht Zeit. Und man braucht dafür auch sehr viel Humor.« Nach und nach fangen die Worte wieder an zu sprudeln. Manchmal bricht auch der Schmerz aus ihnen heraus. Einige sind Opfer physischer Gewaltanwendung. Wie in allen Friseursalons der Welt, vertrauen sich die Frauen ihm an. Der Friseur nimmt sich zurück, damit sie sich ihm anvertrauen. »Wenn ich hereinkomme«, berichtet Vincent, »dann lasse ich meine Probleme außen vor. Die Kundinnen sind nicht ihretwegen da. Ich bemühe mich auch um die passende Distanz, um nicht selbst von all diesen Geschichten zerfressen zu werden, aber wenn ich nach Hause komme, denke ich manchmal an das zurück, was sie mir im Lauf des Tages erzählt haben, an diese Menschen, die sich außer mit der Armut auch mit ernsthaften gesundheitlichen Problemen herumschlagen müssen. Aber wenn ich am nächsten Morgen dann aufstehe, um hierher zu kommen, habe ich nicht das Gefühl, zur Arbeit zu gehen. Das ist, woher ich meine Kraft beziehe.«

Eine Kraft, die er mit Annie Degroisse, der Urheberin dieses Projekts, gemein hat. Auch diese gut aussehende blonde Sechzigjährige, die Älteste von acht Geschwistern und Mutter von fünf Kindern, hat eine Zeit der Krise durchgemacht. Arbeitslosigkeit, fünf Kinder, für deren Unterhalt gesorgt werden musste. »Unser Leben kann sich von einem Augenblick auf den anderen ändern. Aber dann dachte ich an eine Mutter, die ihre drei Kinder verloren hatte, die ein Jahr zuvor von einem Lastwagen totgefahren worden waren, und sagte mir: Du hast kein Recht, dich zu beschweren, jeder kann in Armut geraten.« An diesem Morgen wartete bereits eine Kundin, die ihre Haare färben lassen wollte. Die Sechzigjährige ist bereit, dynamisch und mit einem Lächeln auf den Lippen. Zuvor war sie die Geschäftsführerin eines solidarischen Lebensmittelladens gewesen. Aber dann kündigte sie, weil sie nicht akzeptieren konnte, dass die unverkauft gebliebenen Lebensmittel weggeworfen wurden, statt sie unter die Armen zu verteilen.

Dieser Tage leitet sie eine Vereinigung, aber sie verdient wenig. Diese Frau, die immer den anderen geholfen hatte, musste nun ihrerseits um Hilfe bitten. In Frankreich hat der Anstieg der Zahl armer Arbeitnehmer die traditionellen Kanäle der Solidarität in Trümmer gelegt. Die Sozialarbeiterinnen der Frauen, die in den Laden kommen, sind ebenso arm wie sie selbst.

Anfangs dachte Annie, sie würde sich eines Tages um Kinder und ältere Mitbürger kümmern. Aber als sie erfuhr, dass in Paris ein sozialer Schönheitssalon eingerichtet wurde, zweifelte sie keinen Augenblick. Da sie interessiert war, setzte sie sich mit dem Projektleiter in Verbindung. Nach einigen Monaten, in denen große Anstrengungen unternommen worden waren, löste sich das Projekt in Wohlgefallen auf. Also sucht und findet sie öffentliche Zuschüsse. Aber leider reichen sie nicht aus. Aber Annie insistiert: Der Laden wird eine Zeit lang Part-Time arbeiten. Die Zuschüsse werden größer und der Laden kann zur Vollzeitarbeit zurückkehren. Ein Friseur – Vincent – wird eingestellt, ebenso wie eine Sozio-Kosmetikerin, Sabine. Im Lauf von vier Jahren hat keiner der beiden ein einziges Mal gefehlt. Aber es gibt keine Sicherheit. Jedes Jahr schwebt ein Damoklesschwert über ihrer Vereinigung. Kurz vor Weihnachten des vergangenen Jahres erfuhr Annie, dass die Gelder aus den Töpfen der Europäischen Gemeinschaft ausbleiben würden. Ein Finanzloch in Höhe von 30.000 Euro. Eine Prüfung, von der sie ihren Mitarbeitern erst nach den Feiertagen erzählte, um »ihnen nicht das Fest zu verderben«. Die großen Marken, die manchmal dazu bereit sind, ihre Produkte gratis zu liefern, um ihr Image aufzupolieren, halten ihre Versprechen nicht immer ein: La Sentinelle liegt fern von Paris und taucht nicht auf den Titelseiten der Zeitungen auf. Und trotzdem arbeitet Annies Laden für 83 Gemeinden. Manchmal schickt ihnen ein ganz normaler Durchschnittsbürger eine Schachtel von Kosmetika zu. Manchmal gelingt es ihr, eine Partnerschaft einzugehen, so etwa mit der Firma Kiabi, die rund fünfzig Frauen einkleidet und berät, die sich zu einem Vorstellungsgespräch präsentieren müssen.

Auch dieses Jahr fragt sie sich, ob sie es fertigbringen wird, weiterzumachen. Es mangelt keineswegs an Motiven, den Mut sinken zu lassen. Neben der Ungewissheit im Hinblick auf die Jahr für Jahr zu bestätigenden Finanzspritzen gibt es auch Probleme mit der öffentlichen Verwaltung. So etwa im Fall einer Frau, die zu einem Vorstellungsgespräch als Zahnarzthelferin einbestellt war und sich, um die Stelle zu bekommen, mit einem gepflegten Äußeren präsentieren wollte. Aber um ihren Anspruch, sich im sozialen Salon frisieren zu lassen, anzuerkennen, verlangte das Rathaus, das für sie zuständig war, eine Bescheinigung darüber, dass sie tatsächlich zu diesem Vorstellungsgespräch eingeladen worden war… und es hätte von ihrem eventuellen künftigen Arbeitgeber ausgefüllt werden müssen. Also verzichtete die Frau darauf, sich frisieren zu lassen. »Unser Schicksal hängt manchmal vom guten Willen eines einzigen Menschen ab.« Annie gibt aber keineswegs auf, sondern macht beharrlich weiter, mit einem Glauben, der Berge versetzen könnte. Sie liest noch einmal durch, was ihr eine Frau geschrieben hat: »Ich bin auf Arbeitssuche und habe bereits mehrere Termine bei der Verwaltung und berufliche Termine. Der Salon hat es mir ermöglicht, präsentabel zu sein. Und das hat mir sehr geholfen.« Annie bezieht Kraft aus diesen Worten, die in ihrem Gästebuch stehen. Sie denkt an diese Kundin zurück, die sie so fest umarmt hat. Sie erinnert sich an diese Sechzigjährige, die einen großen Chignon getragen hatte. Sie hatte ihn gelöst, die Haare hatten bis zum Boden gereicht. Sie war noch nie in ihrem Leben beim Friseur gewesen.

Von Marie-Lucile Kubacki de Guitaut

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23. Mai 2019

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