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Vergessene Frauen

Die Griechen nannten sie Mnemosyne. Sie war die Göttin der Erinnerung, die Gottheit, die in den Menschen die Erinnerung wach hielt, indem sie sie das Andenken an alles, was sie wollte, bewahren ließ. Wir hingegen haben beschlossen, diese Nummer von »Frauen – Kirche – Welt« dem genauen Gegenteil dessen zu widmen, was Mnemosynes Aufgabe war: der unschönen Kunst des Vergessens in seiner im Lauf der Geschichte am meisten praktizierten Form, also der, die Frauen zu vergessen.

Eine absolut transversale Verhaltensweise: ob es nun um Literatur, Mystik, Geschichte, Wissenschaft, Politik, Religion oder Religionen geht, um Frauen aus dem Laienstand oder um Ordensfrauen, Frauen der Vergangenheit oder Frauen unserer Zeit, Europäerinnen oder Amerikanerinnen: der entscheidende und anregende Beitrag, den zahlreiche Frauen geleistet haben, ist verheimlicht bzw. vergessen worden, ist verloren gegangen. Als hätten ihre Stimmen nie gesprochen, wurde ihr Beitrag mitunter von Männern für sich beansprucht, mitunter verflüchtigte er sich, ohne Eingang in unsere Denkweise und Lebensart zu finden, und andere Male wurde er ganz bewusst zerfleddert und niedergemacht, um entschärft zu werden. Denn wie ein Spiegelbild der Kunst des Erinnerns war auch die Kunst des Vergessens einer unendlichen Zahl von Varianten und Nuancen fähig, wie die Beiträge in dieser Nummer demonstrieren.

Nicht nur die Frauen, von denen hier die Rede ist, sind auf der Abbildung auf unserem Titelblatt dargestellt, sondern allgemeiner gefasst alle Frauen, die von der Geschichte vergessen wurden. Hübsche Püppchen, die auf den höchsten Ästen hindrapiert und sozusagen einbalsamiert werden: formell oft mit großer Sorgfalt hindrapiert und einbalsamiert, im Grunde aber ganz absichtlich dort ihrem Schicksal überlassen, sei es nun aus Berechnung, Opportunismus, Neid oder auch nur Ignoranz. Ein erster Schritt, sie aus der ihnen aufgezwungenen Lethargie zu wecken, besteht darin, sich ihrer zu erinnern: Es ist ein schüchterner Versuch, sie wieder aufzutauen und wiederzubeleben, damit sie beginnen können, unser Dasein zu befruchten. Wir können hier natürlich nur ein kleines Auswahlsortiment vorführen: die Zahl der der Vergessenheit anheimgefallenen Frauen ist sehr viel höher, wir sollten ihnen künftig also noch weitere Nummern unserer Beilage widmen. (Giulia Galeotti)

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18. Januar 2020

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