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Unter dem Klavier versteckt

· Interview mit Elisabeth Sombart ·

»Als ich als Kind unter dem Klavier versteckt Musik hörte, da überkam mich Staunen. Ich hatte den Eindruck, selbst Musik zu sein«, versichert Elisabeth Sombart im Gespräch darüber, wie es zu ihrer Berufung kam. »Man wird nicht Musiker, man kommt als Musiker zur Welt«: die weltberühmte Pianistin spricht also über die Kunst der Musik in denselben Begriffen wie die großen Künstler, für die »die Emotion nicht ›ich‹ sagt«, wie Gilles Deleuze betont. Eine der wichtigsten Begegnungen in Elisabeth Sombarts Leben war diejenige mit dem Dirigenten Sergiù Celibidache: Elisabeth studierte ungefähr zehn Jahre lang Phänomenologie der Musik, die dieser an der Universität Mainz lehrte. Diese Lehre erschließt ihr den Weg zu einer neuen Erfahrung der Musik, die sie als »ein bewegliches Bild der unbeweglichen Ewigkeit« erlebt. Sie baut diese Lehre weiter aus und gründet »Pédagogie Rèsonnance«, die auf dem Prinzip der Reduzierung der Vielfalt der Klangphänomene zur Einheit basiert. Parallel dazu setzt die Pianistin eine internationale Karriere in den prestigeträchtigsten Konzertsälen der Welt fort: dem Théatre des Champs-Elysées in Paris, der Carnegie-Hall in New York, der Wigmore Hall in London, dem Concertgebouw in Amsterdam, Suntory Hall in Tokyo und Victoria Hall in Genf. Sie spielt auch eine bedeutende Diskographie von Bach bis Bartok ein. Im Jahr 1990 ruft sie in der Schweiz die Stiftung Résonnance ins Leben, die dann auch in sechs weiteren Ländern Fuß fasst und deren Zweck es ist, die Musik an Orte der Solidarität zu tragen. Die Musik ist für Elisabeth Sombart Freude, Atem, Gemeinschaft, die weit über alles Wissen, alle Kultur und jede Form der gesellschaftlichen und religiösen Zugehörigkeit hinausgeht.

Der Schriftsteller Christian Bobin hat, nachdem er Sie gehört hatte, gesagt: » Ihre Art, jede einzelne Note mit einem kleinen Pinsel des Schweigens zu säubern, ist für mich erleuchtend.« Was bedeutet das Schweigen für Sie?

Nur die Gleichzeitigkeit der Töne und des Schweigens ermöglicht es, im Mittelpunkt der Musik zu sein. Jede einzelne Note, die wir anschlagen, zeugt für ein ursprüngliches Schweigen. Deshalb muss jeder Interpret als erstes ein Gelübde des Schweigens abgelegt haben. Zwischen einer Note und der anderen und in jeder Note liegt Schweigen. Zwischen einer Note und der anderen liegt der Raum für die Innerlichkeit. Es muss erwähnt werden, dass alle musikalischen Werke damit beginnen, dass ausgeatmet wird. Im Verlauf des Werkes passt sich unsere Atmung einer Phrase nach der anderen an, um sie zu erkennen und untereinander zu verbinden. Jede musikalische Phrase hat folglich ihren Ursprung in einer inneren Entwicklung da, wo die Seele des Interpreten atmet. Der Interpret findet gerade in dem Schweigen, in dem der Atem seinen Ausgang nimmt, den Weg seines Herzens, der zur Sphäre der Seele der Musik hinführt, dahin, wo die Töne zur Musik werden.

Führt uns die Musik demnach in eine andere Dimension von Raum und Zeit?

Am Ende eines Konzertes drücken es die Menschen auf eine großartige Weise aus: »Ich bin im Paradies gewesen!« Diese Begeisterung ist zugleich eine geistige Erhebung. Der heilige Hieronymus legt dar, dass es hier auf Erden die Musiker gibt, um die Leere zu füllen, die die Engel im Himmel hinterlassen haben, als sie mit Luzifer weggingen. Der Musiker tritt in der Tat in eine andere Zeitdimension ein, und mit ihm zusammen auch alle seine Zuhörer. Die Zeit der Musik ist nicht identisch mit der chronologischen Zeit oder jener der Uhren. Sie ist vielmehr eine Zeit, die außerhalb der Zeit liegt, eine Zeit, die in den Intervallen zwischen den einzelnen Tönen liegt, wo sich Vergangenheit und Zukunft durchdringen.

Liegt das griechische Wort »katechein« – wörtlich bedeutet das »erklingen lassen«, das Wort »Katechismus« (lehren, vermitteln) ist davon abgeleitet – der Stiftung zugrunde, die Sie ins Leben gerufen haben?

Die Stiftung Résonnance hat eine doppelte Berufung. Ihr Ziel besteht einerseits darin, die Klavierschulen »Résonnance« zu gründen und zu leiten, deren zugrunde liegende Kriterien lauten: Unentgeltlichkeit, keine Examen und kein Wettbewerb, Unterricht in der Résonnance-Pädagogik, keine Altersgrenze. Ein anderes Ziel besteht darin, in Krankenhäusern, Altersheimen, in medizinisch-sozialen Strukturen, in Behindertenheimen, Strafanstalten usw. Konzerte zu geben.

Wie ist die Reaktion dieses Publikums?

Ein Strafgefangener ist am Ende eines Konzertes, das ich im Gefängnis »Regina Coeli« in Rom gegeben habe, in Tränen zu mir gekommen. Er hatte noch nie klassische Musik gehört und sagte zu mir: »Im tiefsten Inneren meines Herzens bin ich aus der Höhe ausgebrochen.«

In den Briefen, die sie 1942-1943 aus dem Lager Westerbork schrieb, sprach Etty Hillesum über das schriftstellerische Werk, das »wie Balsam über so viele Wunden ausgegossen werden will«. Auch Sie sprechen von einer Form des Apostolats des Trostes durch die Musik. Gibt es da eine Verbindung zum Evangelium?

Die Aktionen der Stiftung nehmen die Botschaft des Matthäusevangeliums wieder auf: »Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen« (Mt 25,35-36). Die anderen auf diese Weise zu ernähren ist mir zur Pflicht geworden.

Im Grunde stehen Sie auch der neuplatonischen Sicht des mittelalterlichen Denkens nahe, das in dem unendlich Kleinen den Abdruck des unendlich Großen sah?

Diesem Prinzip zufolge könnte jede erschaffene Form auf eine vollkommene Einheit zurückgeführt werden, da sie ein Modell des Originals ist. Die ganze Pädagogik, die ich umzusetzen versuche, gründet auf dieser Beziehung zwischen dem, was die sichtbare Welt ausmacht, und dem, was man als die unsichtbare Welt bezeichnen kann und die Beethoven die »Welt der Musik« nannte.

Sind Sie für eine Selbstverleugnung des Künstlers?

Es geht darum, sich selbst zu vergessen, um der Musik zu dienen, statt sich der Musik zu bedienen, um sich selbst zu dienen: das ist die conditio sine qua non, die Grundvoraussetzung dafür, dass die kommunizierenden Töne zu Tönen werden können, die Gemeinschaft erzeugen. Dann drückt sich die Musik selbst aus, mit ihren Fingerspitzen, in einer Gegenwart, in der alle geheimen Ängste überwunden wurden. Dann rührt sie die Herzen der Zuhörer an, verschmilzt mit ihnen zu einem einzigen Herzen. Die Hände des Interpreten verwandeln ihn in einen Vermittler der Gnade. In einer epiphanischen Geste, in der seine hingegebenen Hände die Seele der Musik offenbaren, gelingt es ihm, einen spirituellen Anschlag zu erreichen. Die Schönheit ist das, was dann erscheint, wenn man sich selbst aus dem Blick verliert, wenn man über sich selbst hinausgeht.

Ist die Musik dann also eine Gabe?

In der Kunst ist eine Form der Unentgeltlichkeit enthalten. Die Musik kann nicht umhin, sich zu schenken, und das setzt voraus, dass sie nicht von kommerziellen Werten gestützt wird. Nun, heutzutage neigt die Verbraucher-orientierte Gesellschaft in zunehmendem Maße dazu, die Musik mit dem Kommerz in Verbindung zu bringen. Der Berufsmusiker wird daher auf eine harte Probe gestellt: Wettbewerbsdenken, das Gesetz des Marktes, die Rentabilität der Konzerte, der Einspielungen etc. Ich denke hingegen, dass die Musik eher ein »Opfer« bleiben sollte, kein Räderwerk.

Ohne Wortspiele treiben zu wollen: ist das der Grund dafür, dass die »Pédagogie Résonnance« keine Preise vergibt?

Die Musik lehrt uns, dass die einzige Form der Belohnung die innere Belohnung ist, dass die Töne hier und jetzt zur Musik werden. Wie also soll man dann einen jungen Musiker mit einem anderen vergleichen? Warum soll man sie in Konkurrenz zueinander bringen? Würde das nicht bedeuten, dass einer von ihnen eliminiert würde? In den Résonnance-Schulen wie auch in unseren Meisterklassen lassen wir einen Schüler, wenn er seine Stücke mit vollkommener Natürlichkeit spielen kann, an einem unserer Orte der Solidarität auftreten. Das ist für ihn die schönste Belohnung.

Was würden Sie zum Abschluss denen wünschen, die Ihnen zuhören?

Dass wir unser Zuhören gemeinsam verklären, damit das Licht, das das Fenster unserer Seele erleuchtet, die sich nicht selbst erleuchten kann, durchscheinen möge, damit unser Leben eine ununterbrochene Schöpfung der Gnade und der Schönheit im Herzen eines jeden sei. Das ist die Herausforderung.

Elisabeth Sombart, in Straßburg geboren, begann schon früh mit dem Klavierunterricht: Mit zehn Jahren gewann sie den Klavier-Preis des Bach-Albert-Lévêque-Wettbewerbs. Sie verließ Frankreich, um bei Bruno Leonardo Gelber (Buenos Aires), Peter Feuchtwanger (London) und Hilde Langer-Rühl (Wien) zu studieren. Entscheidend für sie wurde die Begegnung mit dem Dirigenten Sergiù Celibidache. Im Jahr 1990 gründete sie in der Schweiz die Stiftung Résonnance, die dann auch Niederlassungen in Italien, Spanien, Rumänien, Frankreich, im Libanon und in Belgien gründete und jährlich ca. 500 Konzerte organisiert.

Von Sylvie Barnay

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