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​Über das Gesicht und seine enorme Verantwortung

Seit ich aus Panama zurückgekehrt bin, zusammen mit vielen kraftvollen, bunten, bewegenden Bildern, geht mir ein seltsames Wort, das mir im Gedächtnis hängengeblieben ist, nicht mehr aus dem Sinn – wie eine Frage, ein Stolperstein: das Wort »rostro«. Ein seltsames Wort – nicht in seiner italienischen, sondern in seiner spanischen Bedeutung, denn in dieser Sprache bedeutet »rostro« soviel wie »Gesicht, Antlitz«. Es ist mir aus einem einfachen Grund im Gedächtnis geblieben: Das »Gesicht« gehörte zu den Themen, die der Heilige Vater in seinen Ansprachen, Predigten und Katechesen während der fünf Tage in Panama am häufigsten berührt hat. »Rostro« war daher eines der Worte, die an erster Stelle standen. Ich frage mich, woher dieses Wort kommt, das im Italienischen eine ganz andere Bedeutung hat. Denn die »Rostra« waren bekanntlich die Schiffsschnäbel, also jene Rammsporne, im allgemeinen aus Metall, die in den Bug von Kriegsschiffen eingelassen waren und den Zweck hatten, gegnerische Schiffe zu durchbrechen und aufzuschlitzen. Ein feindseliges Objekt, das so zerstörerisch ist, dass »Rostrum« tatsächlich wie »Monstrum« klingt. Wie kommt man also vom Gesicht zum Rostrum?

Dennoch glaube ich, dass es zwischen beiden eine Verbindung geben kann. Darauf haben mich die Worte des Papstes gebracht, der vom Nächsten als »Gesicht« gesprochen hat: Die Begegnung mit dem anderen sei das Ereignis, das unser Leben verändert, wenn wir uns davon berühren, »belästigen« lassen, dass die Blicke zweier Gesichter sich kreuzen. Ein menschliches Gesicht ist für den anderen Menschen gleichsam ein Scheideweg, der zu Hass oder Mitleid führen kann. In diesem Sinne kann das Gesicht ein »Rostrum« sein: Es ist die beängstigende Vorrichtung, mit der der andere unseren Schutzwall durchbricht und Aufruhr in unser Leben bringt, das oft vor jedem »Zusammenstoß« mit der Außenwelt bewahrt und geschützt ist. Manchmal hatten antike Kriegsschiffe außer Schiffsschnäbeln auch Enterbrücken, die am gegnerischen Schiff befestigt wurden. So zwangen sie es in eine unauflösliche Verbindung, was einen bewaffneten Überfall gestattete. Eine weitere kraftvolle Metapher: Wenn der andere dich erst einmal mit seinem Gesicht »verletzt« hat, hat er dich sozusagen »harpuniert«, und du kannst dich nicht einfach befreien von jenem Gesicht, von jenem Namen, von jener Geschichte, die sich mit deiner vermischt. Man könnte das berühmte Wort umkehren, das Albert Camus in seinem Roman Der Fall gebraucht: »Von einem bestimmten Alter an ist jeder Mensch für sein Gesicht verantwortlich.« Der Papst und Jahrhunderte des Christentums sagen uns, dass jeder Mensch für das Gesicht anderer verantwortlich ist. Denn es gibt nichts, was mit dem menschlichen Gesicht vergleichbar wäre. Der Philosoph Lévinas hat vom Gesicht her eine reiche und tiefe Gedankenwelt entwickelt, aber ich möchte diese kurze lexikale Reflexion abschließen mit einem wunderbaren, immer gültigen Zitat aus dem Roman Die Kraft und die Herrlichkeit, dem Meisterwerk des englischen katholischen Schriftstellers Graham Greene: »Wenn man einen Mann oder eine Frau aufmerksam betrachtete, konnte man immer beginnen, Mitleid mit ihnen zu haben. Es war eine Eigenschaft, die dem Abbild Gottes innewohnt. Wenn man die Falten in den Augenwinkeln, die Form des Mundes, den Haarwuchs gesehen hatte, dann konnte man unmöglich hassen. Hass war einfach nur ein Mangel an Vorstellungsvermögen.«

Andrea Monda

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14. Dezember 2019

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