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Schritte auf dem
Weg zur Einheit

Abtei Niederaltaich

Verleihung des Abt-Emmanuel-Heufelder-Preises 2016

an die monastische Gemeinschaft von Bose

5. November 2016, 

Laudatio von Bischof Andrej Cilerdzic, Wien:

Sehr verehrte Brüderschaft der Abtei Niederaltaich, ehrwürdiger Vater Abt Marianus, ehrwürdiger Vater Abt Enzo, geschätzte Brüder des Klosters von Bose, Eminenzen, Exzellenzen, sehr geehrter Herr Landrat, ehrwürdiger Pater Basilus, verehrte Geistlichkeit, Schwestern und Brüder in der ökumenischen Gemeinschaft, sehr geehrte Damen und Herren, hohe Festversammlung.

Ich begrüße diese von der Abtei Niederaltaich angeregte Feier und Würdigung der vielseitigen ökumenischen Verdienste der Gemeinschaft von Bose, weil sie eine Hoffnung ausspricht, der wir uns anvertrauen können und dürfen. Wie die meisten von Ihnen wissen, ist das Kloster Bose ökumenisch ausgerichtet und steht für Verständigung und Annäherung zwischen den Kirchen des Ostens und des Westens. Daher habe ich die Einladung, die Laudatio sprechen zu dürfen, sehr gerne angenommen.

Ich nehme diese Gelegenheit zur festlichen Laudatio auch deswegen gerne wahr, weil ich mit dem Kloster sehr vertraut bin und die ökumenische Arbeit von Bose gut kenne und somit auch gerne versuche, durch das orthodoxe Prisma zur Leistung der klösterlichen Gemeinschaft von Bose Stellung zu nehmen und damit meine eigene ökumenische Berufung zu verknüpfen.

Die zuweilen als "progressiv-ökumenisch" eingeschätzte Gemeinschaft von Bose fördert seit ihrer Gründung vor etwa 50 Jahren den intensiven ökumenischen Dialog zwischen christlichen Kirchen und Glaubensrichtungen und wird mittlerweile auch in der Orthodoxie als eine beachtliche Form christlicher Nachfolge geschätzt. Unter der Leitung ihres charismatischen Abtes, hat es solch eine Gemeinschaft oft nicht leicht. Von fundamentalistischen oder zelotischen Kreisen wird sie gelegentlich als nicht "nicht-klerikal" oder "nicht-traditionell" eingestuft.

Diese Gemeinschaft lebt das, was auch wir Orthodoxe als einen wichtigen Beitrag zur Erneuerung christlichen Lebens ansehen. Im Erzengelkloster Kovilj in Nordserbien, in das ich als Mönch eingetreten bin, lebte beispielsweise einige Monate ein anglikanischer Mönch. Dieses Austauschprinzip könnte weiter gehen. Und das ist in Italien längst kirchliche Wirklichkeit: Bose ist zu einer ökumenischen Gemeinschaft angewachsen, und inzwischen nach kanonischem Recht sowohl durch die Römische als auch durch die Evangelische Kirche offiziell anerkannt worden. Wir müssen Ökumene auf diesem Weg der spirituellen Zentren in der Welt ausweiten. Dieser Austausch dient jeweils einer eigenen Erneuerung, denn es ist, wie in der Regel des Heiligen Benedikt beschrieben: der von Außen kommende Mönch ist jener, den der Herr selbst schickt, und man möge ihn anhören.

Gleich nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1965 gründete der hier anwesende ehrwürdige Abt, Enzo Bianchi, seine Gemeinschaft in der kleinen Ortschaft Magnano in der Provinz Biella. Heute gehören ihr etwa 80 Schwestern und Brüder verschiedener christlicher Traditionen aus etwa sieben Ländern an. Enzo Bianchi wurde am 3. März 1943 in Castel Boglione geboren und ist Prior der heuer mit dem Abt-Emmanuel-Heufelder-Preis ausgezeichneten ökumenischen Ordensgemeinschaft Comunità di Bose. Das Kloster ist derweil zu einem ökumenischen Hoffnungszeichen geworden. Es handelt sich tatsächlich um eine einzigartige Gemeinschaft von Mönchen und Nonnen, die ökumenisch ausgerichtet sind und ihren Gottesdienst in einer auch bei vielen Orthodoxen beliebten, eindrucksvollen Art feiern. Sie führen ein koinobitisches Leben nach den traditionellen Vorschriften und Klosterregeln und folgen den Satzungen der Heiligen Väter Pachomius, Basilius und Benedikt, unter dem Motto: Zölibat, geschwisterliche Gütergemeinschaft und Gehorsam gegenüber dem Abt. Die Mönche und Nonnen studieren die Heilige Schrift und die Texte der Väter, sowohl des westlichen als auch des östlichen Mönchstums. Gott suchende Pilger werden im Kloster gerne aufgenommen. Das Kloster ist zu einem Zentrum spirituellen Lebens geworden. Ich denke, dass die Verleihung des Abt-Emmanuel-Heufelder-Preis ausgerechnet deshalb in diesem Jahr der Comunità di Bose zuteil geworden ist - und das verpflichtet uns Orthodoxe zukünftig in unserer geschwisterlichen Beziehung zur Abtei Niederaltaich - weil die Gemeinschaft von Bose für die Kirchen des Ostens mittlerweile eine unersetzbare Bereicherung darstellt. Aber nicht nur Bereicherung, sie ist auch eine Herausforderung an die Orthodoxie selber. Ja, ich möchte heute das Kloster Bose würdevoll als Neuen Wein in neuen Schläuchen (vgl.: Mt 9,17; Mk 2,22; Lk 5,37-39) bezeichnen! Diese Gemeinschaft ist für uns Orthodoxe zu einer Werkstatt der Einheit zwischen den getrennten Kirchen geworden!

Es handelt sich um eine unterschiedslos gemischte Gemeinschaft von Frauen und Männern. Eine solche Form war dem Ordenswesen in seiner langen Geschichte nicht bekannt. Die Gemeinschaft ist interkonfessionell. Denkwürdiger Weise verbrachte der vor einigen Jahren verstorbene orthodoxe Metropolit Emilianos Timiadis seine letzten Lebensjahre in Bose. Als ich 1998 in Bose weilte, beobachtete ich wie dieser von tiefer Spiritualität geprägte Metropolit, der großen Zahl der Gäste besondere Aufmerksamkeit und viel Zeit für das Gespräch schenkte.

Für die Gemeinschaft von Bose stellt die Taufe die entscheidende Berufung zur Christusnachfolge und zur Gemeinschaft untereinander dar. Die Mitglieder leben als Laien und knüpfen so an das ursprüngliche Mönchstum an, das keine andere Identität haben wollte als jene, die aus der Heiligung der Taufe kommt. Im Zentrum steht das Evangelium. Zwei Mal pro Woche wird Eucharistie gefeiert, die Priester dazu kommen von auswärts.

Einen hohen Stellenwert nimmt die Gastfreundschaft ein. Sie drückt sich darin aus, dass die Mitglieder der Gemeinschaft bei den Mahlzeiten in verschiedenen kleineren Speisesälen mit den Gästen ins Gespräch kommen. An die 10.000 Gäste sind es mittlerweile im Jahr. Ihre Zahl ist inzwischen so hoch, dass die Gemeinschaft all jenen, die Stille suchen, empfiehlt, besser im Winter zu kommen, weil es dann ruhiger ist. Internationale Kongresse mit simultaner Übersetzung führen im Kloster Theologen sowie Interessierte verschiedener Fachrichtungen zusammen. Ein klostereigener Verlag publiziert die Tagungsergebnisse.

Für viele Orthodoxe und auch für mich sind die Tagungen über orthodoxe Spiritualität eine große Freude, denn sie führt uns alle zu neuen Erkenntnissen und Gemeinsamkeiten. Inzwischen hat die Kommunität 24 solcher Tagungen veranstaltet. Diese einzigartige Gemeinschaft erinnert mich bisweilen an das ökumenisch ausgerichtete Leben der Mönche von Taizé oder an die Weltoffenheit der Bewegung von San Egidio in Rom.

Kardinal Carlo Maria Martini zählte zu den Förderern des Abtes und der Gemeinschaft. Im September 2012 wurde der Abt von Bose Enzo Bianchi von Papst Benedikt XVI. als Experte zur 13. Ordentlichen Vollversammlung der katholischen Bischofssynode zum Thema Neuevangelisierung für die Weitergabe des Glaubens nach Rom eingeladen. Im Dezember 2014 ernannte Papst Franziskus den vielseitigen Prior zum Konsultor des Päpstlichen Rats für die Förderung der Einheit der Christen. Regelmäßig schreibt der Abt für italienische Tageszeitungen würzige und leidenschaftliche Artikel. Und er nimmt kein Blatt vor den Mund. Er nennt das Kind beim Namen, er redet "Tacheles", wie man so schön sagt. Er vertritt beispielsweise eine Überwindung des radikalen Papsttums und dessen Begrenzung zu einem eher repräsentativen Primat nach dem Prinzip eines Primus inter pares. Konservative Kreise bezichtigten den ehrwürdigen Abt unberechtigterweise einer Abschaffung des Papsttums. Aber auch wegen anderer überraschender Aussagen, wird Enzo Bianchi von zelotischen Kreisen und Fanatikern nicht selten als "Nichtmönch in Mönchskutte", oder als Prior einer "pseudomonastischen Gemeinschaft" beschimpft. Als Orthodoxer antworte ich auf solche Nachreden mit dem Leitsatz: Was Du nicht kennst, das liebst Du auch nicht!

In Verbindung mit der Debatte über den beängstigenden katastrophalen Klimawandel deutete der Abt auf eine Art elftes Gebot: nämlich die Schöpfung zu ehren, und fügte hinzu: Gott vergibt immer, die Erde aber vergibt nie. Wiederholt hatte er die Schädigung der Natur durch den Menschen beklagt und veranstaltete im Jahre 2012 eine orthodoxe Tagung zum Thema: Der Mensch als Beschützer der Schöpfung. Ausdrücklich verwies er damals auf den orthodoxen Patriarchen Bartholomaios von Konstantinopel, der seit vielen Jahren im Umweltschutz engagiert ist. Immerhin handele es sich um ein Problem, dass die gesamte Menschheit betreffe. Daher gehöre dieses Thema auch in den Dialog zwischen den Religionen.

Abt Enzo Bianchi hat sich auch bezeichnend zum im vergangenen Sommer abgehaltenen Orthodoxen Konzil gemeldet uns sagte: Ich habe einen großen Traum, sagte er, dass Papst Franziskus zur panorthodoxen Synode geht, die vom 16. bis 27. Juni auf Kreta stattfindet. Möge er wenigstens nach Kreta reisen, um zumindest einen Gruß zu übermitteln und zu sagen: Brüder, ich bin hier, weil ich euer Bruder bin‘.

Abt Enzo Bianchi studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität Turin, die ihm im Jahr 2000 die Ehrendoktorwürde verlieh. Seine Bücher und Aufsätze sind mittlerweile auch vielen Orthodoxen in ihren Heimatsprachen zugängig. Es handelt sich um zahlreiche Werke über das geistliche Leben und die Spiritualität der Bibel, sie haben feurigen Inhalt und ebenso energiegeladen lauten die Titel.

1.Am Herzen Gottes

2.Wir sind nicht besser (Non siamo migliori)

3.Lectio divina (Zur Theologie und Praxis der geistlichen Schriftlesung)

4.Gott im Wort

5.Dich finden in deinem Wort

Er übt aber auch Kritik an Restaurationsformen und besonders an einer Diskussion, die blind Formen verteidigt, aber Inhalt, Geschichtlichkeit und Spiritualität völlig an den Rand drängt, das tut er in dem Werk: Die Rückkehr des tridentinischen Missale!

Mich persönlich haben zunächst die Kongresse auf Abt Enzo Bianchi und seine klösterliche Gemeinschaft aufmerksam gemacht. Alles nämlich, was in der Orthodoxie Rang und Namen hat, besucht jährlich die internationalen ökumenischen Tagungen für orthodoxe Spiritualität in Bose. Und Bose ist für viele Orthodoxe nicht nur ein Ort des ökumenischen Dialogs geworden, sondern fast eine Art Heiliger Berg Athos von Italien, von Westeuropa, ja ein Heiliger Ort der westlichen und östlichen Christenheit.

In der Zwischenzeit sind vom Hauptsitz Bose aus, einige Niederlassungen in Süditalien, in Jerusalem und vor allem in Assisi gegründet worden. Am 27. Oktober 2014, kurz nach meiner Bischofsweihe, hatte ich die Ehre ein solches Tochterkloster in Assisi kennenzulernen. Damals bin ich im Auftrag der Serbischen Bischofssynode zum Friedensgebet nach Assisi gepilgert, zu dem überraschend Papst Benedikt XVI. eingeladen hatte. An der exzellenten Organisation des Friedensgebets, an dem über 300 Delegaten teilnahmen, waren neben Vertretern der San Egidio Gemeinschaft ebenfalls die inzwischen berühmt gewordenen Mönche von Bose beteiligt. Auch für sie war es selbstverständlich, die großen Religionen zu unterstützen, als wichtige Faktoren der Einheit und des Friedens für die Menschheitsfamilie unserer Tage.

Mit dem Segen des Abtes, leitet die Nonne Lara die klösterliche Herstellung von Ikonen nach traditionellen Methoden. Der Mönch Guido übt pastoralen Dienst an den örtlichen Gemeinden und ist Sonderbeauftragter der Diözese Biella für ökumenische Beziehungen. Dazu muss ich etwas persönliches erzählen: Als ich vor einiger Zeit nach Bose reiste, wurde mir als zuständiger Bischof für Italien gesagt, dass sich in den Bergen der Region Piemonte - unweit vom Kloster Bose - einige versteckte Dörfer befänden, in denen serbische Christen wohnen. Mit Unterstützung des Klosters Bose unternahm ich eine Reise in diese Orte, in denen seit dem Bosnienkrieg 1992 etwa 400 bis 500 Menschen leben. Der Mönch Guido assistierte mir und versprach Aufbauhilfe für die Organisation eines liturgischen Heimatortes für diese getauften Christen. Am 9. Oktober hielt ich im Ort Croce Mosso bei Biella, unter Anwesenheit des Mönchs Guido, den ersten orthodoxen Vespergottesdienst und predigte den etwa 200 versammelten serbischen Christen. Ich sehe das als Vorsehung Gottes, und das war auch der Inhalt meiner Predigt, nämlich, dass ausgerechnet hier mit Hilfe des Klosters Bose eine orthodoxe Gemeinde aufgebaut werden soll. Die Nacht verbrachte ich im Kloster Bose. Beim Morgenlob um 6 Uhr in der Frühe baten mich wiederum in Abwesenheit des Abtes die etwa 60 Mönche und Nonnen, am Ende des Gottesdienstes den Segen zu spenden. So darf ich sagen, dass die Gemeinschaft von Bose von A bis Z, mit Haut und Haar, sämtlich und aufrichtig der Ökumene dient und sich rückhaltlos der Vorsehung und dem Heilswillen unseres Heilands Jesu Christi anvertraut.

Bei meiner ersten Begegnung 1998 mit der Gemeinschaft von Bose bin ich zusammen mit meinem Amtsbruder dem Metropoliten von Zagreb und Ljubljana, Dr. Porfirije Perić dorthin gereist und zwei Mönchen. Bei der Eröffnung jener denkwürdigen Tagung waren wir mehr als erstaunt! Unter Anwesenheit höchster Vertreter der Orthodoxie, darunter Metropolit Johannes Zizioulas, Metropolit Kallistos Ware, der inzwischen zum Metropoliten berufene Ilarion Alfejev und die zur Orthodoxie konvertierten Äbte Basilios Grolimund, Gabriel Bunge und Placide Deseille, darüber hinaus Mönche und Nonnen aus dem orthodoxen Kloster des Starez Sophronij aus dem englischen Essex, sowie eine Reihe führender Theologen: Olivier Clement, Antonios Emilios Tachiaos und andere herausragten Vertreter der orthodoxen Theologie. Der für das Symposium angesagte Metropolit Antonij Blum, der aus gesundheitlichen Gründen leider nicht teilnehmen konnte, evozierte in seinem Brief, dass er sich oft an seinen Besuch von 1969 in Bose erinnere und wie sich das Kloster Bose in derartig extremer Not und Armut befunden habe, dass sich der Herr selber dieser Gemeinschaft angenommen habe.

Aber es hatte uns Orthodoxe buchstäblich die Sprache verschlagen, als vor der Versammlung eine Botschaft mit den Segenswünschen aller in Karyes versammelten zwanzig Äbte und deren Stellvertreter des Heiligen Berges Athos verlesen wurde (siehe: E. Bianchi: Silvano di Athos, Atti del Colloquio internazionale, Bose 3-4 ottobre 1998, Seite 16, Edizioni Qiqajon).

Am Symposium nahm unter den Laien ein auffällig großer Teil an Gästen teil, die unlängst oder schon früher zu Orthodoxie übergetreten waren. Das war für mich persönlich sehr eindrucksvoll und warf ein eigenartiges Licht auf die Gemeinschaft von Bose, die solche Entscheidungen als einen spirituellen Weg deuteten und nicht als Mitgliederverlust.

Für uns Serben war ungemein wichtig, dass jemand unsere politische Situation verstand, der auch mutig war, diese zu benennen. Der Abt prangerte öffentlich beispielsweise die kroatische Botschaft Belgrads an, die unserer Delegation keine Visa ausgestellt hatte, weshalb unsere Delegation gezwungen war den Umweg über Ungarn und Österreich nach Italien zu nehmen, und nicht direkt durch Kroatien und Slowenien. Immer wieder haben auch wir als Kirche und als Serben solche Einschüchterungs- und Isolationsattacken erleben müssen. Über die Situation einzelner Konfliktregionen ist Abt Enzo persönlich informiert, denn er pflegt Kontakte zu allen Orthodoxen Kirchen, die für den Austausch offen sind und auch ihrerseits Kontakte pflegen. So sagte Abt Enzo damals vor den Teilnehmern der Tagung über den Starez Siluan: Mir ist die Lage auf dem Kosovo völlig klar. Irgendjemand möchte dort die christliche Kerze ausblasen. Mit ist nur zu gut bekannt, dass die Mönche von Decani und die Nonnen aus dem Patriarchat von Pec zum Frieden aufgerufen haben. - Das ist eine Position, die aus echter und eigener Erkenntnis gewonnen wurde.

Mit diesen klaren Äußerungen, mit dieser Sachkenntnis brach Abt Enzo bei meinem ersten Besuch das Eis, und unsere Delegation saß wie gefesselt auf ihren Stühlen und erlebte eine praktische Lektion mit dem Titel: Ökumene für Anfänger! - Und damit Ihr es wisst, fügte der Abt noch bei, der Heilige Starez Siluan gehört nicht nur der Ostkirche, sondern auch der Kirche des Westens! Delegaten aller 14 orthodoxen Autokephalen Kirchen kamen damals nach Bose und saßen, wie gesagt, gefesselt auf ihren Stühlen und konnten ihren Ohren nicht trauen. Starez Siluan ist ein Heiliger ohne Grenzen, fuhr der ehrwürdige Abt an jenem denkwürdigen 3. Oktober 1998 fort und sagte noch: Heiligkeit ist so heilig, dass sie geteilt werden muss, auch unter den Kirchen! Oft wiederholte Abt Enzo Bianchi die Worte des Starez Siluan, man könne kein gläubiger Christ sein, wenn man nicht ununterbrochen für seine Feinde beten und sie lieben würde, da alle letztendlich zum Heil berufen seien. - Meine Notizen von damals bewahre ich bis heute in meinem Schreibtischfach auf.

Wir Orthodoxe waren erschüttert und wie vom Donner gerührt! Ein Nichtorthodoxer sprach auf derartige Weise, und das noch unmittelbar vor seinem ruhig dasitzenden katholischen Bischof. Alle Orthodoxen, die auf jene oder andere Weise doch irgendwie mit interkonfessionellen Beziehungen zu tun hatten, erlebten dieses interchristliche Ereignis als etwas ganz Eigenartiges, als etwas was man in solcher Form selten erfahren hat. Der katholische Bischof lobte die Ausführungen des ehrwürdigen Abtes und unterstrich, dass Themen wie die Bedeutung des Starzen Siluan seinesgleichen suchen und für die ökumenischen Beziehungen das Tägliche Brot bedeuten und dass die Gemeinschaft von Bose ein Geschenk des Himmels sei, für alle Kirchen auf Erden. Auch teilte der Bischof die Rede von der Heiligkeit und rief auf gleicher Art zur Heiligkeit auf. Er verteidigte das Charisma des Ortes und der Gemeinschaft von Bose, und warf nicht mit Knüppeln des Kirchenrechts oder der rechten Lehre.

***

Heiligkeit der Kirche in der Welt bedeutet eine Umformung dieser Welt auf Gott hin. In diesem Zusammenhang ist die Kirchentrennung das größte Ärgernis. Die fortdauernde Trennung der Kirchen wird als Skandal beklagt und als Schuld bekannt. Die Gemeinschaft von Bose hat genau diese Herausforderung angenommen, besonders durch ihr unermüdliches Engagement den Herrgott bei Seinem Werk des Sammelns von uns Menschen, von Heiligem und Geistigen zu unterstützen.

In diesem Sinne freue ich mich, dass in diesem Jahr der Abt-Emmanuel-Heufelder-Preis an die Gemeinschaft von Bose und ihren Prior Enzo Bianchi geht und begrüße den Beschluss des Stiftungskomitees der Abtei Niederaltaich, am heutigen Tag die Gemeinschaft von Bose mit dieser schönen Auszeichnung und Anerkennung zu würdigen, wozu ich dem ehrwürdigen Abt Enzo und seinen in Christo Brüdern und Schwestern im Namen aller hier Anwesenden von Herzen gratuliere. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!Wachsende konservative und fundamentalistische Tendenzen unter Kirchengliedern erschweren indessen heute die Ausweitung und Vertiefung ökumenischer Gemeinschaft. Vor unseren Augen können wir den fortschreitenden Prozesses einer "Entkirchlichung" der Gesellschaft miterleben. Unsere moderne, säkulare Gesellschaft vernimmt die Stimmen der getrennten Christenheit mit Skepsis und verweist auf eigene hervorgebrachte Mittel der Einheit, die oft wirksamer erscheinen. Während sich heute ein politischer Einigungsprozess auf internationaler Ebene durchsetzt, müsste sich doch Vergleichbares in den zwischenkirchlichen Beziehungen entwickeln. Dem Außenseiter seinerseits erscheinen die Kirchen zu schwach, irrelevant und zu sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Das macht die Stärke der mit dem Abt-Emmanuel-Heufelder-Preis ausgezeichneten Gemeinschaft von Bose aus, nämlich an die Kirchen zu appellieren, nicht als gespaltene Christenheit der internationalen Gemeinschaft hinterherzuhinken. Die ökumenische Atmosphäre von Bose dient uns allen tatsächlich als ein Modell für die weltweite menschliche Gemeinschaft! Die Gemeinschaft von Bose ruft geradezu die Kirchen aus ihrer wechselseitigen institutionellen Isolierung heraus und begleitet auf Schritt und Tritt alle interkirchlichen Initiativen. Die Gemeinschaft von Bose ruft die Ökumene auf, jetzt ihre Chance wahrzunehmen und aktiv den Prozess des geschichtlichen, spannungsreichen Wandels mitzugestalten. Zu diesem Ziel hin kann man sich wiederum nur in kleinen und bescheidenen Schritten bewegen, geradewegs nach dem Prinzip der Jahrzehnte langen, regelmäßigen, jährlichen ökumenischen Zusammenkünfte mit den Brüdern und Schwestern von Bose, vor allem mit ihrem hier anwesenden Spiritus agens, dem ehrwürdigen Vater Abt Enzo und seinen Mitarbeitern.

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24. April 2018

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