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Sechzehn Jahre und sechs Monate

· Die Geschichte einer schwangeren jungen Frau: aus der Gefangenschaft in Mossul ins Flüchtlingslager von Dohuk ·

»Von den umliegenden Straßen gellten verzweifelte Schreie und Klagelaute herüber. Wir hatten Angst, wir wussten nicht, was tun. Viele rannten weg, um einen Unterschlupf zu suchen, und wurden dabei von den Salven der Maschinengewehre getroffen, wieder andere flüchteten in die kleine Turnhalle der Schule. Wir verharrten in Schweigen, flüsterten kniend die Worte unseres Glaubens. Auf einmal dringen die Dschihadisten ein, und eine ohrenbetäubende Salve übertönt die Schreie: mein Vater fällt wenige Meter von mir entfernt, zu Tode getroffen, zu Boden. Alle anderen werden auf dem Schulhof zusammengetrieben. Nur eine bedauernswerte Frau kann nicht hinaus, weil ihre Beine gelähmt sind. Sie wird meinem Vater Gesellschaft leisten, niedergemetzelt, während sie verzweifelt mit den Armen gestikuliert und an ihren Rollstuhl gefesselt um Gnade bittet.«

Für die sechzehnjährige Aria, eine Angehörige der jesidischen Gemeinschaft des Irak, begann der eigentliche Albtraum an dem Tag, an dem ihr Dorf von den Männern des Islamischen Staates überfallen wurde. Sie sah, wie ihr Vater und ihr Bruder ermordet wurden, und seit damals hat sie keinerlei Nachrichten über das Schicksal ihrer Mutter und der beiden Schwestern. Jetzt lebt sie in einem Flüchtlingslager in Dohuk, ist im sechsten Monat schwanger und berichtet von ihrem erlittenen Albtraum aus Schlägen, Foltern, Vergewaltigungen und Demütigungen.

»Es war der 9. Juni«, berichtet sie über Skype, wobei der ganze Bildschirm von ihrem schmächtigen Gesicht und ihren großen blauen Augen eingenommen wird, »als unsere Stadt, Mossul, beschossen wurde. Im Lauf des Angriffs haben die Milizen Dutzende von Menschen umgebracht. Wir Frauen hatten am meisten Angst, wir wussten, was mit uns geschehen wäre, wenn sie uns gefangengenommen hätten. Wir hatten keine Zeit zu fliehen. Die IS-Kämpfer haben die Gefangenen zusammengetrieben und sie dabei nach Geschlecht und Alter getrennt. Die erste Gruppe bestand aus jungen Männern, eine weitere aus Mädchen, und die dritte aus älteren Männern und Frauen. Diesen Letzteren haben die Dschihadisten alles abgenommen. Geld, Schmuck und Mobiltelefone. Dann haben sie sie dort gelassen. Uns haben sie in Lastwagen geladen, nachdem sie vorher alle jungen Männer der ersten Gruppe erschossen hatten, darunter auch meinen Bruder.«

Aria wurde zusammen mit einer Gruppe von circa 25 Mädchen nach Baaj gebracht, eine Ortschaft im Westen von Mossul, und in einem alten, dreistöckigen Gebäude eingesperrt. »Hier haben sie uns noch einmal aufgeteilt. Ich bin in der Gruppe der jüngsten, und wie ich glaube auch anmutigsten zugeteilt worden. Unsere Gefangenenwärter sagten uns, dass wir dazu bestimmt waren, nach unserer Bekehrung zum Islam mit einigen glorreichen Kämpfern verheiratet zu werden. Die Übrigen wurden dazu verurteilt, Sex-Sklavinnen der Milizen zu werden. Aus Verzweiflung hat sich eine von ihnen erhängt, eine weitere hat es versucht, aber die Dschihadisten haben sie daran gehindert und bis aufs Blut geprügelt«, sagt Aria, wobei sie klarstellt, dass nach dieser Episode keine andere mehr versucht hat, sich das Leben zu nehmen.

»Wir sind ungefähr zehn Tage lang praktisch im Finstern eingesperrt gewesen. Wir schliefen auf dem Boden und bekamen nur einmal am Tag zu essen. Die Dschihadisten des IS«, so berichtet sie, »haben uns mehrfach dazu aufgefordert, zum Islam überzutreten, unter der Drohung, dass sie sonst all unsere Familienmitglieder töten würden. Einige haben dieser Erpressung nachgegeben, um ihren Vater, Ehemann oder Bruder zu retten.«

Tatsächlich haben die Vereinten Nationen geschätzt, dass nach dem Fall von Mossul 1.500 Frauen und Mädchen vergewaltigt wurden. Die Vergewaltigungen wurden ganz systematisch vorgenommen: unter den Opfern waren Frauen, Mädchen und Jungen. Die begangenen Verbrechen reichen von Vergewaltigung über die Zwangsehe bis hin zur sexuellen Versklavung. Die Milizen des Kalifats vertreten die völlige Unterwerfung des weiblichen Geschlechts. Und das setzen sie den jungen Frauen gegenüber in die Praxis um, die in den Kampfgebieten entführt und vergewaltigt werden. Dabei bedienen sie sich gar blasphemischer Entstellungen, um die Vergewaltigung theologisch zu rechtfertigen (mit dem Kniff der »zeitlich begrenzten Ehe« in Kriegsgebieten).

Vor allem Frauen, die religiösen Minderheiten wie den Jesiden oder den assyrischen Christen angehören, werden aus den Dörfern entführt, in Gefängnisse gesperrt und vor eine entsetzliche Wahl gestellt. Diejenigen, die zum Islam übertreten, werden den IS-Kämpfern als Bräute verkauft, zu einem Preis, der zwischen 25 und 150 Dollar schwankt. Jene Gefangenen hingegen, die den Übertritt verweigern, werden Tag für Tag vergewaltigt und zu einem langsamen und peinvollen Tod verurteilt.

Mit ins Leere gerichtetem Blick erzählt Aria davon, wie sie nach zehn nicht enden wollenden Tagen für 35 Dollar an Hassan einen jungen Dschihadisten aus Syrien, verkauft wurde, der sie in das Haus brachte, wo er mit anderen Miliz-Kämpfern lebte.

»Er wollte mich zwingen, ihn zu heiraten. Das konnte er aber nicht tun, bevor ich nicht konvertiert wäre. Er sagte, dass ein wahrer Gläubiger keine Ungläubige heiratet. Als Anhängerin des jesidischen Glaubens war ich in seinen Augen eine Sünderin. Ich habe mich geweigert, und da hat er damit angefangen, mich zu schlagen und zu vergewaltigen. Immer häufiger. Immer heftiger. Eines Tages sagte er, dass er noch eine Woche warten und mich dann zu den anderen Frauen bringen würde, die allen Miliz-Kämpfern zur Verfügung standen, damit sie ihre Lüste befriedigen konnten. Ich war völlig verzweifelt, ich dachte nur ans Sterben. »Ich habe 35 Dollar für dich bezahlt, kapiert? Du bist unnütz, du nützst mir zu gar nichts!« Eines Nachts gab es einen schweren Angriff auf die Gegend, wo wir uns befanden. Die Männer eilten alle hinaus, und ganz unversehens war ich alleine. Ich bin hinausgelaufen und begann in der Dunkelheit zu rennen. Ich lief in die Richtung, aus der die Mörserschüsse kamen. Ich wusste nicht, was mich da erwartete, aber ich dachte, dass es schlimmer als so überhaupt nicht mehr kommen konnte. Ich lief und betete. Immer schneller, ohne je zurückzuschauen. Ich weiß nicht wie, aber ich bin in den Teil der Stadt gelangt, der von den Kurden kontrolliert wurde. Eine Gruppe von Guerilla-Kämpferinnen hat sich zwei Tage lang um mich gekümmert, und dann haben sie mir geholfen, die Grenze zur Türkei zu passieren. Von da aus bin ich dann in dieses Flüchtlingslager gekommen. Nach ein paar Monaten habe ich entdeckt, dass ich schwanger bin. Ich habe sehr viel geweint. Ich dachte wieder darüber nach, Schluss zu machen. Trotz der gelungenen Flucht, trotz der wiedererlangten Freiheit habe ich mich absolut als Verlierer gefühlt. Ich habe an meinen Vater gedacht. In Wirklichkeit weiß ich, dass ich in diesen verfluchten Gefängnissen unter den Händen der Miliz-Kämpfer gestorben bin. Aber ich mache weiter. In ein paar Monaten werde ich diesem Kind einen Namen geben. Ich werde nie wieder nach Mossul zurückkehren können. Ich werde die Schande nie mehr tilgen können. Ich bin tot, aber in mir ist das Licht des Lebens.«

Von Silvina Pérez

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17. Juli 2019

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