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Schreie der Liebe und des Schmerzes

Heute erinnern sich nur noch wenige an sie, aber als Ida Görres im Mai 1971 starb, hielt Joseph Ratzinger, zu jener Zeit Professor in Regensburg, die Gedenkansprache. Berühmt geworden war sie vor allem für ihre glänzende schriftstellerische Darstellung von großen Charakteren – von Franz von Assisi bis zu Jeanne d’Arc, von Florence Nightingale bis zu Teilhard de Chardin –, die eine durchgreifende Erneuerung der Hagiographie im 20. Jahrhundert bewirkten, aber auch für weitere höchst eindringliche und revolutionäre Texte, man denke etwa an großes Werk über Therese von Lisieux (Das verborgene Antlitz).

Ida Görres in einem Foto des Jahres 1948

Ida Görres, geborene Reichsgräfin Friederika Maria Anna von Coudenhove, wurde als sechstes Kind eines österreichischen Diplomaten und einer Japanerin mitten im Böhmerwald geboren, ihre Erscheinung spiegelte die europäisch-japanische Herkunft deutlich. Sie selbst empfand ihre geistige Spannung zwischen zwei so unterschiedlichen Kulturen nicht selten schmerzlich: »Ob die große Traurigkeit, der unbarmherzige Blick auf die Welt, mein Erbteil aus Asien ist? Es ist etwas Uraltes, Urweises, aber als unerlöst Altes und Weises, an dem ich da teilhabe.«

Und über ihre Mutter schreibt sie: »Ach, ihr tieftragisches Schicksal könnte erst ein großer Romancier der nächsten Generation schreiben, so wie die Mitchell ›Gone with the wind‹ (Vom Winde verweht). Glauben Sie, sie wäre überhaupt gefragt worden, ob sie einen Europäer heiraten wollte, einen Europäer, von dem sie nur wusste, es seien ›weiße Teufel mit roten Haaren und Fischaugen‹? Ihr später, bitterer Kommentar: ›Es war ärger als der Tod. Aber japanische Mädchen konnten gehorchen.‹ (…) Meine Mutter mochte von ihren sieben Kindern nur die beiden Ältesten, die noch in Japan geboren waren, und ließ uns andere nie im Zweifel darüber (…) Wenn ich Hiesige wegen ›mangelnder Nestwärme‹ klagen höre, muss ich fast lachen.‹

In österreichischen Klosterschulen herangewachsen, begegnete das Mädchen erstmals der Kirche in ihrer starren, aber auch bergenden Form. Erst nach 1918, im jugendbewegten Bund Neuland, dessen religiösen Erneuerungswillen sie führend mitgestaltete, vertiefte sich die Kirche zu unerwarteter Lebendigkeit.

Denyse Lynch, »St. Therese the little flower«

Von 1923-25 weilte die junge Frau (sie nannte sich Ida als kindliche Form von Friederike) vorübergehend als Novizin bei den Maria-Ward-Schwestern im geliebten St. Pölten bei Wien. Sie studierte Staatswissenschaften 1925-27 in Wien, dann Sozialwissenschaften 1927-29 in Freiburg, anschließend (Kirchen-)Geschichte, Theologie, Philosophie 1929-31 an der dortigen Universität und 1931-32 in Wien. Vom Mai 1932 bis Ostern 1935 wirkte sie »für die weibliche Jugendpflege« des Bistums Dresden-Meißen, genauer: als geistige Vor-Denkerin für die katholische Jugend. Gerade in Dresden war ihre lebendige, ja glühende Art der Gedankenentwicklung schon ausgeprägt; ihre Führung begeisterte.

Auf diesem äußeren Erfolg lastete zugleich eine tief erlebte Einsamkeit, grundgelegt in »der Kindheit steinernem Gewicht«, einer eigentümlich liebeleeren Erziehung. Diese Einsamkeit wurde überraschend und nicht ohne widerstrebendes Ringen gelöst: durch die Werbung des Berliners Carl-Joseph Görres (1905-1973). Manche Kreise waren über ihre Heirat 1935 fast enttäuscht, weil das Ideal einer »Jungfrau von Orléans« zerstört schien. Ihr Mann ergänzte sie in seiner Geistigkeit ebenbürtig und bereitete ihr selbstlos die Möglichkeit, als Schriftstellerin tätig zu sein. In rascher Folge entstanden ihre Werke neben vielen Vorträgen, die insgesamt um Kirche und die Heiligen kreisen. »Da ich keine Familie habe« – eigene Kinder blieben ihr zu großem Leidwesen versagt –, »hat sich eben meine ganze Kraft auf die Kirche fixiert.«

Diese erstaunliche Arbeit wurde ab 1950 eingedämmt durch spasmische Lähmungen, die freilich die Schaffenskraft nicht völlig unterbrachen. Mit ausgelöst war die Krankheit wohl durch einen sozialkritischen »Brief über die Kirche« (1948), für den sie stark angegriffen wurde.

Das II. Vaticanum erlebte sie zunächst mit freudiger Aufmerksamkeit, später eher mit Bangen über die in ihren Augen zweideutigen Folgen. Dies zeigen ihre Briefe an P. Paulus Gordan OSB unter dem fragenden Titel »Wirklich die neue Phönixgestalt?« (2015). Görres sah instinktiv auch Unverzichtbares im Wanken. Ein zeichenhafter Titel lautet »Abbruchkommandos in der Kirche«. 1969 erhielt sie die Berufung zur Würzburger Synode, die das Konzil zeitnah umsetzen wollte. Am 14. Mai 1971 nahm Ida Görres dort zu »Gottesdienst und Sakrament« Stellung und brach unmittelbar danach zusammen. Die Gehirnblutung führte am nächsten Tag im Frankfurter Marienkrankenhaus zum Tod.

Vincent van Gogh, »Kornfeld mit Krähen« (1890)

Es war Görres’ Bitte, in ihrem weißen Kimono in Freiburg begraben zu werden - weiß als die japanische Farbe der Trauer drückt die späte »Versöhnung« mit der Mutter aus. Der damalige Regensburger Professor Joseph Ratzinger sprach im Freiburger Münster am 19. Mai 1971 die Gedenkworte. Auf ihrem Grabstein stehen neben dem kämpfenden, ihr so teuren Erzengel Michael die Worte »Cave adsum!« – »Hüte dich, ich bin da!«

1943 erschien Görres’ Meisterwerk über »Das verborgene Antlitz« der kleinen Therese von Lisieux. Der Wurf, der damit gelang, besteht im Ausleuchten der menschlichen Mitgift Thereses. Der zuckrige Mythos, den der Konvent um »die Kleine« aufbaute, die geschönte Glätte der überarbeiteten »Geschichte einer Seele« wichen in Görres’ scharfblickender Milieukenntnis (stammte sie doch selbst aus der Welt der »Öpferchen«, der erbaulichen Poesie und der klösterlichen Mädchenpensionate) – diese kleinbürgerlichen Dekors also wichen dem verborgenen Antlitz Thereses, durch neurotische Züge gefährdet, von der Infantilisierung durch die Schwestern bedroht, der Skrupulosität zeitweise unterlegen, zuletzt in eine schreckensvolle Glaubensnacht abgestürzt. Und dennoch: In der individuell eingeengten und milieubedingt verbogenen Frömmigkeit beginnt Thereses Gesicht zu spiegeln, was göttlich ist.

Diese »Archäologie« der wirklichen Therese wirkt heute noch atemberaubend. Nichts wird psychologisch verkleinert, gar »erklärt«: Vor dem Menschlich-Engen erscheint das Unerklärliche wundervoll aufleuchtend. Reiz (und Trost) liegt darin, dass die Grenze des Menschen offensichtlich keine Schranke bildet für das Göttliche. Das Befremdliche, Unangenehme wird Ansatzstelle für Gnade. Der Kitsch verdunkelt die Schönheit Gottes nicht ernsthaft. Mit der Leidenschaft einer selbst an religiöser Enge Leidenden hat Görres den Kampf zwischen Poesiealbum und Hohem Lied vorgeführt. Das Wechselspiel von Gnade und Schwäche ist ergreifend, ja es wird zur Signatur der Heiligkeit.

Die andere Seite von Görres’ Können war der lebenskluge Rat. Das Buch »Von Ehe und von Einsamkeit« (1949) vermittelt eine Ahnung von der scharfen Beobachtungsgabe, der Leidenschaft, der Trauer, dem Eros der großen Autorin. Alle Einwände gegen Ehe als »unmögliche Dauerbindung« werden vorgebracht. Aber auch alle Erfahrungen des »unerfüllten« Alleinseins werden herausgeschleudert, zornig und traurig. Und werden in der Antwort aufgegriffen, behutsam vertieft, in ihrem Anspruch geklärt, in der Übertreibung abgewiesen – bis sich die großen Möglichkeiten herausschälen, wie Leben in riskanter Balance, aber doch zu bestehen ist: das ganze Leben mit einem anderen Menschen oder das ganze Leben mit vielen Menschen. Beides hat seine je eigenen Lasten, die nicht schönzureden sind, aber ohne Bitterkeit geschultert werden wollen; beides hat seine Erfüllungen, aber auch seine Abstürze. Und trotzdem können sie gemeistert werden. Auch die (Selbst-)Missverständnisse der ersten großen Liebe werden behutsam beleuchtet – ein Lehrstück über die menschliche Hingabefähigkeit und die gefahrenreiche Selbsttäuschung. Aber ein Lehrstück, das nicht demütigt. Hier spricht mehr als Gefühl; hier spricht Erfahrung.

Zu hören ist eine Sprache voll Leidenschaft, die ein schlagendes Herz, aber auch einen analytischen Geist spüren lässt: ebenso zuchtvoll wie schöpferisch, ebenso elegant wie kämpferisch. Eine nuancenreiche Sprachkunst verleiht den Ausführungen ihre Deutlichkeit, mehr noch ihre hilfreiche Stärke.

Das Kostbare an diesem Denken ist die Kraft, Gott ins Spiel zu ziehen. Eben nicht als Lückenbüßer und Allheilmittel, sondern als lebendigen Wider-Stand, an dem man sich aufrichten kann. »Stützen kann nur, was widersteht.« Und gerade das erweist sich als hilfreich.

In dem Tagebuch »Zwischen den Zeiten« (1960) zeichnet Ida Görres selbst ihre Fähigkeiten: »Meine Hauptprobleme, meine zentralen, existentiellen, liegen in Wirklichkeit gar nicht im Intellektuellen, wie meine Bekannten, Fremde und sogar Freunde hartnäckig von mir glauben. Sie liegen seit je im Moralischen, soweit meine Erinnerungen zurückreichen - und auch hier nicht im Theoretischen und Prinzipiellen, sondern im Leben. Den Intellekt habe ich stets nur als Hilfstruppe herbeigerufen, um den unentwirrbaren Dschungel des Lebenmüssens zu durchleuchten, und die Grundsätze, um eine Straße durchzuhauen – der Weg, das war und ist doch der Inbegriff meines Fragens.«

Görres geht dem Menschlichen auf den Grund: den Grund einer verworrenen, widersprüchlichen, »unerlösten« Natur, in der die Geschlechtlichkeit als großer ungezähmter Motor tätig ist. Lösungen, auf die das tastende Gespräch hinführt, gibt es nur in Prüfung der Jahrhunderte langen Erfahrungen der Kirche, der Dichtung, der Literatur. Lösungen kommen aus dem persönlichen Gespräch und Streit mit Gott, aus dem seligen Überraschtsein von seiner Führung.

Görres war fähig zu »Schreien der Liebe und des Schmerzes«. Es wird sich noch erweisen, dass sie mit solcher Sprache, mit solchem Ernst über die Jahrzehnte hinweg das Ohr auch einer heutigen, in der Tiefe verunsicherten und führungslosen Generation erreicht.

Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

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19. Januar 2020

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