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Pharisäer von heute

· Messe in Santa Marta ·

Nie darf man die Tür vor der Nase von Eltern zuschlagen, die um die Taufe ihres Kindes bitten, auch wenn sie nicht kirchlich verheiratet sind: der Christ und vor allem der Hirt sollte nie die Unentgeltlichkeit des Heils, die Nähe Gottes und die Konkretheit der materiellen und geistlichen Werke der Barmherzigkeit vergessen. So lautet die nachdrückliche Aufforderung, immer die Türen für die anderen zu öffnen, die Papst Franziskus bei der Messe in Santa Marta am Donnerstag, den 19. Oktober, unterbreitete.

»Dieser Abschnitt aus dem Evangelium«, so erklärte der Papst sofort und bezog sich dabei auf den Abschnitt aus dem Lukasevangelium (11,47-54), »gehört zu jenem Stil des Evangelisten«, der »sowohl Lukas als auch Matthäus eignet«. Es sei dies, »so könnten wir sagen«, ein »Stil«, der auf die ›Weh euch‹ hinweist: weh euch Gesetzeslehrern, weh euch Pharisäern«. Denn »der Herr ist sehr stark, sehr stark: er schlägt sehr kraftvoll zu«. Besonders »im heutigen Abschnitt ist da ein Ausdruck, der nachdenklich werden lässt: ›Weh euch Gesetzeslehrern! Ihr habt den Schlüssel der Tür zur Erkenntnis weggenommen. Ihr selbst seid nicht hineingegangen, und die, die hineingehen wollten, habt ihr daran gehindert‹«.

In Wirklichkeit, so gab der Papst zu, »ist dieser Vers ein wenig unklar: was bedeutet ›den Schlüssel der Tür zur Erkenntnis wegnehmen‹, dies mit der Folge, nicht ins Reich einzutreten und auch die anderen daran zu hindern?« Und so »können wir sagen, dass dieses Wegnehmen der Fähigkeit, die Offenbarung Gottes zu verstehen, das Herz Gottes zu begreifen, das Heil Gottes zu erfassen – der Schlüssel der Erkenntnis – ein großes Versäumnis ist«. Denn »die Unentgeltlichkeit des Heils wird vergessen, die Nähe Gottes wird vergessen, und das Erbarmen Gottes vergisst man«. Und gerade »jene, die die Unentgeltlichkeit des Heils vergessen, die Nähe und die Barmherzigkeit Gottes, haben den Schlüssel der Erkenntnis weggenommen«. Was so weit gehe, dass »man das Evangelium nicht ohne diese drei Dinge verstehen kann«.

Also: »sie haben die Unentgeltlichkeit vergessen«. Und »Paulus spricht davon in der ersten Lesung«, sagte Franziskus weiter und bezog sich dabei auf den Abschnitt aus dem Brief an die Römer (3,21-30): »Ohne es verdient zu haben, werden sie gerecht, dank seiner Gnade«. Doch, so die Anmerkung des Papstes, »diese Leute vergessen, dass alles unentgeltlich ist, dass es die Initiative Gottes war, uns zu retten, und statt dessen ergreifen sie Partei für das Gesetz und versuchen, sich an das Gesetz zu klammern, und je ausführlicher es ist, desto besser ist es: für sie liegt das Heil dort«. Und »sie klammern sich so sehr am Gesetz fest, dass sie nicht die Kraft der Gerechtigkeit Gottes empfangen: hinter der Selbstrechtfertigung durch das Gesetz steht eine Irreführung: ›Ich tue das, das, das und bin glücklich, ich bin gerechtfertigt‹ – ›Aber wie soll ich das tun?‹ – ›Nein, du musst das so und so und so und so tun‹ – ›Aber wie soll ich denn nun dieses ›so‹ tun?‹ – ›So und so und so und so‹«.

So also »gelangen diese da zu einem Haufen von Vorschriften und für sie ist das das Heil: sie haben den Schlüssel für das Verständnis verloren, dass es in diesem Fall die Unentgeltlichkeit des Heils ist«. In Wirklichkeit »ist das Gesetz eine Antwort der unentgeltlichen Liebe Gottes: er ist es, der die Initiative ergriffen hat, uns zu retten, und weil du mich so sehr geliebt hast, versuche ich, auf deinem Weg zu gehen, auf jenem Weg, den du mir gewiesen hast«, mit einem Wort: »ich erfülle das Gesetz«. Doch das »ist eine Antwort«, weil »das Gesetz immer eine Antwort ist, und wenn man die Unentgeltlichkeit des Heils vergisst, kommt man zu Fall, man verliert den Schlüssel für das Verständnis der Heilsgeschichte«.

Und weiter, so der Papst: jene Menschen »haben den Schlüssel für das Verständnis verloren, weil sie den Sinn für die Nähe Gottes verloren haben: für sie ist Gott derjenige, der das Gesetz geschaffen hat«, aber »das ist nicht der Gott der Offenbarung«. Tatsächlich »ist der Gott der Offenbarung der Gott, der begann, mit uns zu gehen, von Abraham bis Jesus Christus: Gott, der mit seinem Volk geht«. Und »wenn man diese nahe Beziehung mit dem Herrn verliert, verfällt man dieser engstirnigen Denkweise, die an die Selbstgenügsamkeit des Heils durch die Erfüllung des Gesetzes glaubt«.

Dies also sei »die Bedeutung der Nähe Gottes«, betonte Franziskus und verwies hierzu auf »einen wunderschönen Abschnitt fast am Ende des Buchs Deuteronomium, im 31. Kapitel; als Moses mit dem Schreiben des Gesetzes fertig ist, übergibt er es den Leviten, jenen, die die Bundeslade hüteten, und sagt zu ihnen: ›Nehmt dieses Buch des Gesetzes und legt es neben die Lade des Bundes, nahe bei Gott. Denn ich kenne deine Widersetzlichkeit – er spricht zum Volk – und deine Halsstarrigkeit‹«.

»In der Nähe des Herrn hingegen«, so erklärte der Papst, » ist das Gesetz Offenbarung des Herrn, aber wenn die Nähe Gottes fehlt, dann löst es sich ab, das Gesetz verselbständigt sich und wird diktatorisch«. Im Übrigen, riet er, »denken wir ans Gebet: wenn das Gebet fehlt, dann kann man die Lehre nicht lehren, und weder Theologie noch Moraltheologie betreiben«. Darüber hinaus »muss die Theologie auf Knien betrieben werden, immer nahe bei Gott: diese Leute hatten jenen Sinn für die Nähe verloren, sie hatten die Nähe Gottes vergessen«.

Wenn diese Leute so handelten, erklärte der Papst, dann hätten sie auch »die Erinnerung an das Erbarmen Gottes vergessen«. Denn »im Wort Gottes wiederholt der Herr viele, viele Male: ›Barmherzigkeit will ich, keine Opfer‹«. Und »diese Nähe Gottes, von der wir gesprochen haben, erreichte ihren höchsten Punkt im gekreuzigten Jesus Christus«. Paulus selbst »erinnert uns daran, dass wir durch das Blut Christi gerechtfertigt sind, durch das Fleisch Christi, durch das Blut Christi«. Während hingegen jene Leute damit enden, gerade »das Fleisch Christi zu vergessen: sie vergessen die Barmherzigkeit und deshalb enden sie immer, ohne den Kern des Gesetzes zu kennen, der die Barmherzigkeit ist«. Dies gehe, so Franziskus, so weit, dass »die Werke der Barmherzigkeit der Maßstab für die Erfüllung des Gesetzes sind«, denn sie gestatten uns, »an das Fleisch Christi zu rühren, an Christus rühren, der in einem Menschen leidet, sowohl körperlich als auch geistlich«.

In diesem Zusammenhang forderte der Papst dazu auf, »an den reichen Prasser zu denken, der in der Hölle Abraham bat, einen der Toten zu seinen Brüdern zu senden, um zu predigen, damit sie sich retten hätten können«. Doch »was sagte Abraham? ›Nein, das geht nicht, denn wenn sie unfähig sind, auf Moses und die Propheten zu hören, dann werden sie nicht einmal auf einen hören, der von den Toten aufersteht‹«. Denn »wenn sie nicht barmherzig sind wie er – der Prasser war es nicht –, dann geht nichts!« Franziskus unterbreitete also »diese drei Versäumnisse«, die »die Wurzel sind: das Vergessen der Unentgeltlichkeit des Heils, das Vergessen der Nähe Gottes und das Vergessen der Barmherzigkeit«. Und so sei die Entfernung vom Heil auch die Wurzel »der Wegnahme des Schlüssels der Erkenntnis: so kann man das Heil nicht erkennen«. Daher die Mahnung des Papstes, sich die Frage zu stellen: »Was sind dann die Folgen?«

Gerade »der heutige Abschnitt aus dem Evangelium zeigt zwei davon an«, so lautete die Antwort, vor allem die Verschlossenheit: ›Ihr seid nicht eingetreten, und jene, die eintreten wollten, habt ihr daran gehindert‹«. Ja, »diese Leute verschlossen die Tür vor den Gläubigen und die Gläubigen verstanden nicht: sie, ihre ganze Moraltheologie, widmeten sich einem intellektuellen Manierismus, doch das kam bei den Leuten nicht an, und damit entfernten sie die Leute. Nein, das ist nicht die Religion, die ich wollte. Das ist nicht die Wahrheit des Heils in Jesus Christus«. Und, so präzisierte der Papst, »ich denke hierbei an die Verantwortung, die wir Hirten tragen: wenn wir Hirten den Schlüssel für das Verständnis verlieren oder ihn wegnehmen, dann verschließen wir die Tür vor uns und vor den anderen«.

»Da erinnere ich mich«, so der Papst, »und ich erzähle es zu unserer Erbauung«, an den Fall, den »ich in meinem Heimatland viele Male von Pfarrern gehört habe, die die Kinder von ledigen Müttern nicht tauften, eben weil sie nicht in einer kanonischen Ehe geboren worden waren: sie verschlossen die Tür, sie bildeten ein Ärgernis für das Volk Gottes, weil das Herz dieser Pfarrer den Schlüssel der Erkenntnis verloren hatte«. Mehr noch: »Ohne weit in Zeit und Raum zurückzugehen: vor drei Monaten, in einem Land, in einer Stadt wollte eine Mutter ihr soeben geborenes Kind taufen lassen, doch sie war standesamtlich mit einem Geschiedenen verheiratet. Der Pfarrer sagte: ›Ja, ja. Ich taufe das Kind. Aber dein Mann ist geschieden. Er soll draußen bleiben, er darf bei der Feier nicht anwesend sein‹«. Und »das geschieht heute«, sagte er, denn »die Pharisäer, die Schriftgelehrten sind nicht etwas, das es nur zu jenen Zeiten gegeben hätte, auch heute gibt es viele«.

Deshalb »ist es notwendig, für uns Hirten zu beten, dass wir nicht den Schlüssel der Erkenntnis verlieren und die Tür nicht vor uns und den Menschen verschließen, die eintreten wollen«.

»Und die zweite Folge«, fuhr er fort, »sagt uns auch das Evangelium: ›Als Jesus das Haus verlassen hatte, begannen die Schriftgelehrten und die Pharisäer, ihn mit vielerlei Fragen hartnäckig zu bedrängen; sie versuchten, ihm eine Falle zu stellen, damit er sich in seinen eigenen Worten verfange‹«. Das sei »eine korrupte, verdorbene Haltung« und »das ist die zweite Folge: wenn man den Schlüssel der Erkenntnis verliert, sowohl bezüglich der Unentgeltlichkeit des Heils als auch im Hinblick auf die Nähe Gottes sowie auf die Werke der Barmherzigkeit, dann gelangt man zur Korruption«. Und »die Hirten jener Zeiten, welches Ende nehmen sie? Sie stellen dem Herrn Fallen, damit er sich in seinen eigenen Worten verfange, um ihn dann anklagen und verurteilen zu können, wie sie es getan haben«. Abschließend riet der Papst dazu, »den Herrn um die Gnade der Erinnerung an unser Heil, an die Unentgeltlichkeit des Heils, an die Nähe Gottes« zu bitten – und das soll uns beten lassen – und um die Erinnerung an die Konkretheit der Werke der Barmherzigkeit, die der Herr von uns will, seien sie nun materieller oder geistlicher Art, aber konkret«. Verbunden mit der Hoffung, dass der Herr »uns diese Gnade schenke«, damit »wir Menschen werden können, die helfen, uns und den anderen die Tür zu öffnen«.

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20. April 2018

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