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Meine Tränen schenke ich Papst Franziskus

· ​Exklusiv-Interview mit Patti Smith ·

Ich begegne Patti Smith beim wichtigsten Musikfestival Europas, dem Medimex in Taranto. Sie erwartet mich in einem Raum der apulischen Hochschule, ist ruhig und empfängt mich freundlich, nachdem sie zuvor mit Tausenden von Teilnehmern in der Aula Magna der Universität über Musik und Lyrik diskutiert hatte. Draußen herrscht ein unglaubliches Gedränge von Menschen, die manierlich darauf warten, sie grüßen bzw. ein Autogramm oder Selfie mit ihr bekommen zu können. Am Vorabend ihres Konzertes in einer Stadt, die versucht, sich von der durch die Industrie verursachte Umweltverschmutzung zu befreien, die Todesopfer unter der Bevölkerung verursacht, unterhalten wir uns über verschiedene Themen wie den Umweltschutz, den christlichen Glauben, die Eucharistie, den Tod und die Jugendlichen. Ende der Siebzigerjahre besang die Punkkultur das Chaos und verherrlichte den Nihilismus, Patti Smith hingegen glaubte an die Macht der Musik. Sie zitierte auf ihren Schallplatten den Apostel Paulus, weil das Wort nicht zerstörerisch, sondern schöpferisch wirkt, und es ist kein Zufall, dass sie sich für einige der berühmtesten Songs des Rock aus der Heiligen Schrift bediente, etwa für People Have The Power und Dancing Barefoot, wo die Zitate aus dem Buch des Propheten Jesaja und aus den Berichten über die Auferstehung sofort ins Auge springen. Auf ihrem Album Wave war auch ein Foto des Luciani-Papstes zu sehen, begleitet von einer ihm gewidmeten Ode. Sie hat auch einen Papst Franziskus gewidmeten Song komponiert, This Are The Words, der in Wim Wenders’ Dokumentarfilm A Man Of His Word aufgenommen wurde. Sie hat Gedichte geschrieben, in denen Jesus mehrfach erwähnt wird. Ihre Stimme verfügt über die zündenden Töne eines Propheten, der zu der Revolution aufruft, die die Liebe ist. In ihren Händen umklammert sie ein kleines, von Papst Franziskus gesegnetes Kreuz, das sie stolz vorzeigt und sagt, dass sie sich niemals davon trenne. Ich bedanke mich bei ihr und erzähle ihr, dass mich ihre Musik in meiner Jugend gerettet habe. Mit außerordentlicher Bescheidenheit antwortet sie mir, dass ich mich so oder so selbst gerettet hätte und dass sie mir nur eine kleine Hilfe gegeben habe, damit das geschähe.

Fangen wir mit Deiner ersten Platte an, mit »Horses«. Das war 1975, in »Gloria« sangst Du »Jesus ist nicht für meine Sünden gestorben, sondern für die von jemand anderem«. Letztes Jahr hast Du während eines Konzerts in Rom am Ende der Darbietung dieses Songs die Augen zum Himmel gewandt und Jesus gedankt. Jahrelang hattest Du gesungen, dass Deine Sünden ausschließlich die Deinen waren und dass Du Dich für den Tod Jesu nicht verantwortlich fühltest. Was ist an jenem Abend auf der Bühne passiert?

In Gloria singe ich »Jesus ist nicht für meine Sünden gestorben, sondern für die von jemand anderem«. Viele denken, dass ich das geschrieben hätte, weil ich Atheistin oder weil ich blasphemisch sei. In Wirklichkeit hat es sich dabei einfach um meine Unabhängigkeitserklärung gegenüber religiösen Dogmen gehandelt. Es war etwas mehr als eine bloße Erklärung dagegen, wie Christus dargestellt wurde. Ich war jung und habe eine Menge Fehler gemacht, und ich glaube nicht, dass Christus für das verantwortlich sei, was ich machte, dass er für die Fehler einer Halbwüchsigen sterben musste. Ich habe ihn immer bewundert, und jetzt habe ich dank Pier Paolo Pasolini eine tiefere Einsicht in das, was der Herr ist. Als ich den Film Das 1. Evangelium – Matthäus(»Il Vangelo secondo Matteo«) sah, war Jesus im weitesten Sinne des Wortes wie ein Revolutionär dargestellt, und ich habe ihn in meinen Arbeiten oft beschrieben und besungen. Eine Revolution, die in meinem Inneren 2.000 Jahre später angefangen hat, eben deshalb gibt es in meinen Produktionen diese ihm geweihten Widmungen. Auf jener Bühne in Rom habe ich mich gefühlt, als ob ich alt geworden sei, weil ich diese Worte zum ersten Mal vor ca. 52 Jahren geschrieben hatte, als gerade einmal Zwanzigjährige. Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass dieser Vers die Menschen, die ihn hören, beeinflussen kann. Ich möchte nicht nur jenes jugendliche Unabhängigkeitsgefühl heraufbeschwören, ich möchte auch sagen: »Danke, danke dafür, Jesus, dass Dein Opfer die Menschen rettet, die Dich brauchen und Dich suchen.« Ich habe eine Schwester, die sehr fromm ist, und ich mache sie traurig, wenn ich diesen Song singe. Ich habe ihr versprochen, dass ich ihn nirgends mehr singen würde, um den Zuhörern keinen Kummer zu bereiten, und neue Wege zu suchen, um die Reflexion über Christus zu erweitern und meine Schwester glücklich zu machen. Ich habe Gloria niemals in einer geweihten Kirche gesungen. Als ich jung war, war ich unehrerbietig, und gleichzeitig spürte ich Verantwortung meinem Publikum gegenüber und dachte an die Bedürfnisse der Menschen, die mir zuhörten, an die Dinge, an die sie glaubten und an ihre Hoffnungen. Ich glaube nicht, dass es ein einziges religiöses System gibt, ich glaube an das System der Liebe. Natürlich wird uns all das von Jesus geschenkt.

In dem Buch »Devotion« [»Andacht«] schreibst Du über einen Besuch in der Benediktinerabtei Saint-Germain-des-Prés in Paris, während dort die Messfeier im Gange war. In Deinem Tagebuch schreibst Du, Du habest während dieses Ritus ein vertrautes Verlangen danach verspürt, den Leib Christi zu empfangen. In welchem Verhältnis stehst Du zur Eucharistie?

Ich finde, dass das eine wunderschöne Vorstellung ist, tatsächlich ist eine meiner liebsten Bibelstellen jene, wo Jesus sagt: »Nehmt und esst; das ist mein Leib (…); das ist mein Blut, das für viele vergossen wird…«. Das ist die Stelle der Bibel, die ich am meisten liebe. Wenn Du mich fragst, was ich für gewöhnlich in der Kirche mache: ich zünde eine Kerze an und bete. Es kommt oft vor, dass ich eine Kirche betrete und viele Menschen sehe, die die Eucharistie empfangen, und ein Teil von mir möchte das auch tun, aber ich respektiere die Regeln der Kirche. Für mich ist die eucharistische Kommunion das Symbol für Christus, der sich uns schenkt, der Leib Christi ist in der geweihten Hostie. Ich finde das Ritual der heiligen Messe sehr schön, man kann auch spirituell mit ihm in Verbindung treten, selbst wenn man die Kommunion nicht empfangen kann.

Bei meiner Arbeit an der Schule begegne ich demotivierten Jugendlichen, die keinerlei Motivation haben, zu kämpfen und zu leben, die verzweifelt sind, weil es keine Arbeit gibt und die sich gezwungen sehen, Kalabrien zu verlassen, die allerärmste Region Europas, um anderswo ihr Glück zu suchen. Wie kann man die ganz jungen Menschen, die außergewöhnliche Qualitäten und Begabungen haben, aus ihrem Schlaf aufwecken? Wie kann man sie dazu bewegen, sich aufzuraffen und ihre Träume zu verwirklichen?

Ich stamme selbst aus einer armen Gegend und war arbeitslos, hatte keine Stelle. Um zu überleben pflückte ich Heidelbeeren und arbeitete in einer Fabrik. Ich lebte in einer ländlichen Gegend, und als ich nach New York zog, dachte ich an nichts anderes als ans Arbeiten und daran, Künstlerin zu sein. Ich habe meinen Wert niemals am Maßstab des Geldes bemessen oder demonstriert, was ich verdiente oder wie berühmt oder beliebt ich sei. Keines dieser Dinge repräsentierte mich, auch wenn sie schön waren. Nichts hält dem Vergleich mit einer guten Arbeit bzw. dem Abfassen eines Gedichtes stand. Ich hatte nicht viel zu essen, ich hatte keine schönen Kleider, aber ich schrieb wunderschöne Gedichte. Ich habe jemandem geholfen, habe einen Baum gepflanzt. Unsere materielle Welt ist sehr schwierig für die jungen Menschen, die in der am stärksten am Konsum ausgerichteten Zeit des 21. Jahrhunderts leben. Irgendwie können sich die jungen Menschen konzentrieren und eine Art und Weise finden, das aufzuwerten, was in ihnen steckt, nicht als Verbraucher oder Erfolgsmenschen. Sie brauchen etwas, das sie dazu bringt, sich in Bewegung zu setzen, und nicht etwa etwas, das um jeden Preis erreicht werden muss. Ihr Wert hängt nicht davon ab, welche Ziele sie erreichen. Greta Thunberg ist ein Mädchen, das ein Zeichen gesetzt hat. Sie hat die Schule aufgegeben, um die Erwachsenen in Umweltfragen zu sensibilisieren, und die Erwachsenen sollten etwas tun, um sie nicht allein zu lassen. Sie macht alles ganz alleine und ohne Geld, ohne jede Hoffnung, es schaffen zu können. Sie hat eine Behinderung und trotzdem gelingt es ihr, Hunderte, Tausende, ja Millionen junger Menschen zu motivieren. Wenn in voller Kenntnis der Lage von der Umweltfrage die Rede ist, dann wissen wir, das dies das eigentliche Problem für alle ist, es ist die universale Wurzel allen Übels. Es ist die Sache, für die sich der heilige Franz von Assisi einsetzte, jene, für die Papst Franziskus steht, wie auch der Dalai Lama. Alle guten Menschen wollen die Erde und ihre Arten retten. Jeder einzelne Jugendliche, der hört, dass er keine Zukunft hat, kann bei diesem guten Kampf mitmachen. Sie können auf die Gesellschaft einwirken, wo auch immer sie sind, wie es unsere Generation getan hat, als sie die Öffentliche Meinung gegen den Vietnamkrieg sensibilisiert hat. Wir haben die Armen aufgenommen und alles, was unseren Ideen kulturelle Substanz verleihen konnte. Ich denke, die jungen Menschen sind jene Priorität in der Welt, deren wir Erwachsene bedürfen. Wir brauchen Menschen, die sich zur Arbeit berufen fühlen und ich glaube, dass die jungen Menschen wirklich die Welt verändern können. Sag’ es ihnen: Sie können bei dieser Revolution mitmachen, und erneut… was ist das für eine Revolution? Die Liebe. Es ist die Nächstenliebe, die Tierliebe, Liebe für Pflanzen und Fische, fürs Wasser und für die Vögel, Liebe für Blumen. Liebe!

In »Rock’n’Roll Nigger« stellst Du Dich außerhalb der Gesellschaft und schlägst Dich auf die Seite der Ausgeschlossenen, in Vorwegnahme eines Themas, das Papst Franziskus lieb und wert ist: In den Peripherien des Daseins leben und auf Seiten der Ärmsten der Armen stehen. Was würdet Du dem Papst gerne sagen?

Ich möchte Papst Franziskus sagen: Danke. Ich schenke ihm meine Liebe und meine Tränen. Ich danke ihm dafür, dass er sich eines jeden von uns annimmt, wie es ein Angehöriger einer religiösen Institution tun sollte, die sich an der Nachfolge Christi orientiert. Er wacht darüber, dass der Mantel der Nächstenliebe des heiligen Franz dem geschenkt werden kann, der seiner bedarf, vor allem den Bettlern. Die edelste Art, in der Nachfolge Christi zu stehen, die es überhaupt gibt. Ich will ihm nur danken, ich werde immer auf seiner Seite stehen.

Was hat Dich am Luciani-Papst beeindruckt?

Sein Lächeln, ich habe mich dieses Lächelns wegen in ihn verliebt. Ich weiß nicht viel über den Vatikan und über die Rituale der katholischen Kirche. Ich war in Europa, als Luciani im August 1978 Papst wurde, ich habe ihn im Fernsehen gesehen. Und auch über den Fernseher brachten mich seine Liebe und seine Menschlichkeit zum Weinen und haben mich bestrahlt. Als er lächelte, habe ich Liebe zu ihm verspürt und die Hoffnung, dass er ein guter Mensch sei. Ich habe gedacht, dass er ein Mensch mit einem reinen Herzen sei und dass man diese Reinheit spüren könne. Als ich ihn ansah, habe ich mich gerettet gefühlt und habe gespürt, dass wunderbare Dinge geschehen würden, dass er ein hervorragender Papst sein würde. Als er so früh starb, brach mir das Herz, als wäre ein Mitglied meiner Familie gestorben. In dem Buch Illustrissimi schrieb er an Pinocchio, dass er sich verschießen würde, nun… auch ich habe mich in ihn verschossen. Es war ein lauteres Gefühl wie die Musik, die wahre Musik, denn die wahre Musik hat keine Grenzen und schließt niemanden aus. Aber die kürzeste Antwort auf Deine Frage ist das Lächeln.

Der Tod hat mehrfach Deine Familie heimgesucht. Wir Priester hören oft den Schmerz von Menschen an, die den Tod nicht akzeptieren; wenn der Glaube an den Auferstandenen fehlt, dann scheinen die Witwen und die Waisen untröstlich. Wie ist es Dir gelungen, diese Erfahrungen durchzumachen und am Leben zu bleiben? Gibt es eine Art und Weise, den Tod neu zu definieren?

Das Einzige, was ich aus eigener Erfahrung weiß, ist, dass Du alles akzeptieren musst, was zum Tod gehört, gerade auch die Trauer. Der Tod ist keine Situation, die mit der Zeit besser wird. Ich spüre auch heute noch die Trauer des Augenblicks, in dem ich meinen Mann Fred verloren habe, meinen Bruder Todd, meinen Hund, als ich 11 Jahre alt war. Ich empfinde immer noch den gleichen Schmerz, aber ich spüre auch all ihre Liebe, die mich immer begleitet. Wenn Du den Schmerz annimmst, dann bringst Du es fertig, ihn mit Hilfe der Liebe zu verherrlichen. Aber wenn Du versuchst, den Schmerz zu ignorieren oder ihn nicht an Dich heranzulassen, dann wirst Du am Ende auch die Liebe immer weniger fühlen. Ich spüre die Liebe meiner Mutter mehr denn je, spüre die Liebe meines Vaters, die mir unendlich fehlen. Ich möchte diesen Schmerz nicht missen, es ist mir lieber, ihn zu empfinden und dadurch die Freude zu spüren, meine Verstorbenen bei mir zu haben, die an meiner Seite gehen. Wie Christus gesagt hat: »Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.« Das gilt für unsere Verstorbenen, es gilt für uns alle mit den anderen, immer vorausgesetzt, dass wir zu wählen verstehen, wem wir die Türe öffnen sollen.

Von Massimo Granieri

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20. August 2019

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