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Maryam im Koran

Der Koran ehrt Maria mit dem Titel siddiqa, »wahrheitsliebende Frau«, womit auf ihre Aufrichtigkeit als wahre Gläubige und rechtschaffene Frau verwiesen wird. In der islamischen Tradition stellt Sidq, die Wahrheitstreue oder –liebe, einen sehr hohen Grad der Heiligkeit und gar eines der Unterscheidungsmerkmale des Prophetentums dar. Es ist also kein Wunder, dass Maria bei einer ganzen Reihe mittelalterlicher muslimischer Theologen de facto als eine wahre Prophetin Gottes galt. Unter diesen Kommentatoren stachen die andalusischen Gelehrten Al-Qurtubi und Ibn Hazm hervor, aber auch Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī aus Palästina, eine der renommiertesten Gestalten des islamischen Mittelalters. Gleichwohl war die überwiegende Mehrheit der Theologen stets der Ansicht, dass sie keine wirkliche Prophetin, sondern eine heilige Frau (waliyya) gewesen sei, eine enge »Freundin« Gottes. Im Koran wird sie dafür gepriesen, die Worte ihres Herrn und seiner Schrift bezeugt zu haben (Sure 66,12). Ihr unerschütterliches Gottvertrauen und ihre bedingungslose Unterwerfung unter seinen Willen und seine Entscheidungen gelten in der islamischen Frömmigkeit als beispielhaft, da der Name der Religion selbst so viel bedeutet wie »Unterwerfung unter Gott« bzw. »völlige Hingabe an Gott«. Es ist bemerkenswert, dass im Arabischen ebenso wie siddiqa auch sadiq/a, »Freund«, die Wortwurzel s-d-q aufweist, was darauf hindeutet, dass die Aufrichtigkeit als wahrer Katalysator des Bandes der Freundschaft dient. Maria hält nicht nur die Wahrheit hoch, sondern verdient dank ihrer aufrichtigen Beziehung und treuen Ergebenheit zum Herrn auch seine enge Freundschaft.

Die dritte Sure des Koran ist mit Al Imran überschrieben, also »Die Sippe Imrans«, nach dem Namen von Marias Vater. In diesem Kapitel kommt Maria erstmals im Koran-Text vor. Der Bericht über Marias Kindheit beginnt mit Imrans Frau, die betet und Gott verspricht, dass das Kind, das sie in ihrem Leib trägt, ihm geweiht werden wird (Sure 3,35). Nach der Geburt des kleinen Mädchens gibt sie ihm den Namen Maryam und bittet Gott im Gebet darum, das Kind und seine Nachkommen vor Satan zu beschützen (Sure 3,36). Der Koran berichtet weiter, dass der Herr Maria »gnädig an[nahm] und sie in schöner Weise […] heranwachsen« ließ und dass sie in der Zeit, als sie in der Obhut des Zacharias im Tempel aufwuchs, auf Gottes Gunst zurückzuführende Wunder erlebte (Sure 3,37). Der zweite Teil der Marienerzählung berichtet über die Verkündigung: Engel informieren sie darüber, dass Gott sie auserwählt, geläutert und vor den Frauen der Welt erwählt habe (Sure 3,42). Dann wird sie von den Engeln angeleitet, vor dem Herrn andächtig gehorsam zu sein, sich vor ihm niederzuwerfen und sich »mit den Sich-Beugenden zu beugen« (Sure 3,43). Sie erhält die freudige Nachricht von einem Kind, das sowohl in dieser als auch in der kommenden Welt hochangesehen sein werde, »einer von denen, die Gott nahestehen, […] und der einer der Rechtschaffenen sein wird« (Sure 3,45-46). Sie ist überrascht, zu vernehmen, dass sie ein Kind gebären werde, obwohl sie nie von einem Mann berührt worden war, aber die Antwort Gottes sei klar und deutlich: »Allah schafft ebenso, was Er will; wenn Er etwas beschlossen hat, spricht Er nur zu ihm: ›Sei!‹ und es ist« (Sure 3,47).

Die Marienerzählung im Koran wird mit anderer Betonung in Sure19 wiederholt, die nach ihr benannt ist und die de facto die einzige Sure des Korans ist, die mit dem Namen einer Frau überschrieben ist. Überdies ist Maria die einzige Frau, die im Koran namentlich erwähnt wird. Es gibt zahlreiche Frauengestalten, deren Geschichten in der heiligen Schrift der Muslime vorkommen (so beispielsweise die Frauen von Adam, Abraham, Lot und Mohammed, die Mutter und Schwester Mose, die Frau des Pharao, die Königin von Saba und viele andere), aber keine von ihnen wird beim Namen genannt. Maria ist die einzige Ausnahme. Interessanterweise kommt ihr Name im Koran vierunddreißig Mal vor, öfter als im Neuen Testament.

In diesem Kapitel taucht die Verkündigungsgeschichte zum zweiten Mal auf, diesmal aber mit einer ergreifenden Schilderung der Schmerzen und des Leidens, die Maria während des einsam in der Wildnis durchlebten Geburtsvorgangs auf sich nehmen musste, wie auch der gesellschaftlich peinlichen Lage, in der sie sich wiederfindet, als sie mit dem Kind im Arm zu ihrer Familie zurückkehrt (Sure 19,16-29). Die Geschichte ihrer Niederkunft ist herzzerreißend und überaus detailliert: die junge Mutter, die sich von ihrer Familie abgesondert hat, erlebt die Geburtswehen in völliger Einsamkeit an einem verlassenen Ort. In ihrer Verzweiflung ruft sie an einem bestimmten Punkt aus: »O wäre ich doch zuvor gestorben und wäre ganz und gar vergessen!« (Sure 19,23). Aber gute Nachrichten sind bereits unterwegs, insofern Gott ihr sofort und auf wunderbare Weise Nahrung und Wasser zukommen lässt, um sie in ihrer Not zu trösten (Sure 19,24-26). Das Kind, das sie zur Welt gebracht hat, ist von Gott ausersehen, ein Zeichen bzw. Wunder (aya) für die Menschheit und göttliche Barmherzigkeit zu sein (Sure 19,21). All die göttlichen Segnungen, die ihr von Kindesbeinen an zuteil geworden sind, finden ihre Krönung im großen Wunder, ein Kind – Jesus –, auszutragen, einen von Gottes heiligen Propheten. Das scheint der ultimative Ausdruck von Gottes Macht und Willen zu sein, insofern er ohne die Mitwirkung eines menschlichen Vaters ein Kind zu zeugen vermag, als implizite Herausforderung an die von Männern dominierte patriarchalische Kultur. Es ist also nicht weiter erstaunlich, dass Maria in der muslimischen Frömmigkeit als ein Symbol der Fruchtbarkeit, der mütterlichen Liebe und Weiblichkeit gilt. Daher wird die Sure über Maryam oft gerade von Frauen rezitiert, um Unfruchtbarkeit zu heilen, Linderung bei Schwangerschaftsproblemen zu suchen, die Schmerzen der Wehen zu lindern und das Kind und die junge Mutter zu segnen.

Außer im Koran wird Maria auch in der zweiten Schriftquelle des Islam, die unter dem Namen Hadith (»Überlieferung«) bekannt ist, ein hoher geistlicher Rang zugebilligt. In einem dem Propheten zugeschriebenen Ausspruch wird Maria als eine jener vier Frauen der Welt bezeichnet, die zur geistlichen Vollkommenheit gelangt seien, die anderen drei seien Chadidscha (die Ehefrau des Propheten), Fatima (die Tochter des Propheten) und Asia (die unterdrückte Frau des Pharaos aus dem Exodus), von denen jede für einen spezifischen Typus eines heiligmäßigen Frauenlebens steht. Eine weitere prophetische Tradition bezeichnet Fatima als »die bedeutendste Herrin (sayyida) des Volks des Paradieses, Maria ausgenommen«. Es gibt auch einen (von dem Historiker al-Azraqi überlieferten) Bericht, der den Respekt beschreibt, den der Prophet und die frühe muslimische Gemeinde Maria entgegenbrachten, als er berichtet, wie der Prophet während der Eroberung Mekkas durch die Muslime befohlen habe, alle Götzenbilder und Bilder zu zerstören, mit der einzigen Ausnahme einer Darstellung der Jungfrau Maria und des Jesuskindes, die sich seit vorislamischer Zeit im Inneren der Kaaba befand.

Maria figuriert in den grundlegenden Schriften, der Theologie, der Spiritualität und der Volksfrömmigkeit des Islam also als ein überaus hochgeschätztes weibliches Musterbild. Im Gegensatz zum Christentum betrachtet sie der Islam allerdings nicht als Theotòkos, als »Gottesgebärerin«, als Muttergottes. Sie wird verehrt als wahrhaftige Dienerin Gottes, als Mutter Jesu, des Messias, dessen Gerechtigkeit und Prophetentum gleichfalls bestätigt werden. Jedes Mal, wenn der Name Jesu im Koran vorkommt, wird er vom Namen seiner Mutter begleitet, so dass er als »Jesus, Sohn der Maria« bezeichnet wird. Weiter stellen wir fest, dass sich die Verkündigungs- und die Geburtsgeschichte mehr um Maria und ihre Qualen zu drehen scheinen als um Jesus. Sie steht im Mittelpunkt der Erzählung des Koran. In ähnlicher Weise wurde auch die wundersame Geburt Jesu als Wunder betrachtet, das nicht nur Jesus betraf, sondern gleichermaßen auch Maria. De facto galt das den mittelalterlichen Theologen, die in Maria eine Prophetin sahen, als Beweis ihres Prophetentums. Maria und Jesus wird die Vollbringung von Wundern zugeschrieben, sie galten aber allein schon durch ihr Leben auch als Zeichen Gottes. So beschreibt der Koran sowohl Maria als auch Jesus als Zeichen bzw. Wunder (aya) Gottes (Sure 21,91; 23,50), die die Schöpfungsmacht Gottes und seine Hoheit widerspiegelten.

Um den Menschencharakter Jesu und dessen Eigenschaft als Gottesknecht hervorzuheben, taucht in muslimischen theologischen Schriften oft eine Gegenüberstellung Jesu mit Adam auf, die auf einen Vers des Koran (Sure 3,59) zurückgeht, wo wir erfahren, dass Jesus »vor Gott gleich Adam [ist]: Er erschuf ihn aus Erde, alsdann sprach Er zu ihm: ›Sei!‹, und da war er.« Eine ganze Reihe mittelalterlicher Theologen (al-Dschāhiz, al-Bāqillānī, al-Qurṭubī, Ibn Taimīya, at-Tūfī und Ibn Qaiyim al-Dschauzīya) vergleichen die Erschaffung Jesu auch mit jener der Eva. Diese Trias aus Adam, Eva und Jesus wird weiterentwickelt in eine Typologie aus vier Typen menschlicher Schöpfung. Da ist zunächst einmal Adam, der weder Vater noch Mutter hatte, und dann der Rest der Menschheit, der sein Leben Eltern verdankt. Hiervon sind nur zwei Menschen ausgenommen: Eva, die nur aus einem Mann geschaffen wurde, und Jesus, der nur von einer Frau abstammt. Bei diesem Schöpfungsmodell stehen Adam und Maria auf demselben Niveau. Adam dient als Grundlage für die Erschaffung Evas, wogegen Maria die Basis für die Erschaffung Jesu darstellt. Auch zwischen Maria und Mohammed wurden im Hinblick auf ihre Aufnahmebereitschaft dem Wort Gottes gegenüber theologische Parallelen gezogen. Die Jungfräulichkeit Marias wird manchmal mit Mohammeds Analphabetismus verglichen, da sie eben ihrer Reinheit wegen zu Mittlern des göttlichen Wortes wurden.

Dank ihrer Abkehr von der Welt, ihrer Hingabe an das Gebet, ihrer bedingungslosen Annahme des göttlichen Ratschlusses und ihrer selbstlosen Erfüllung des göttlichen Willens ist Maria seit jeher Objekt der Bewunderung und Inspirationsquelle für die muslimischen Mystiker, die in ihr ein nachahmenswertes geistiges Vorbild gefunden haben. Marias Absonderung von ihrer Familie (Sure 19,16) wurde als spirituelle Absage an die weltlichen Freuden und Zerstreuungen interpretiert, als Voraussetzung dafür, dass ihr Herz die göttliche Inspiration empfangen konnte. Sowohl Marias Erfahrung der Geburtswehen als auch die gesellschaftliche Demütigung werden von den Sufis, den Derwischen, als Sinnbild des Leidens interpretiert, das der Gottsucher auf dem Weg der geistlichen Läuterung erduldet. Das Herz muss von aller Inanspruchnahme durch weltliche Dinge befreit und geläutert werden, um die göttlichen Attribute der Schönheit und Erhabenheit widerspiegeln zu können. Es war gerade diese Faszination durch den spirituellen Weg Marias, die Rumi dazu veranlasste, die berühmten Worte auszusprechen: »Maria stürzte erst dann auf den Baum zu, als ihre Geburtswehen einsetzten […]. Der Körper ist wie Maria. Ein jeder von uns trägt einen Jesus in sich, aber solange diese Schmerzen nicht bei uns einsetzen, wird unser Jesus nicht geboren werden. Wenn diese Wehen niemals einsetzen, dann wird Jesus wieder auf demselben verborgenen Weg, auf dem er gekommen ist, an seinen Herkunftsort zurückkehren und uns untröstlich und ohne an ihm Teil zu haben zurücklassen.«

Die muslimische Frömmigkeit ist auch weiterhin tief beseelt von der marianischen Spiritualität, Demut und Selbstlosigkeit. Es ist also keine Überraschung, dass sich dieser Tage der iranische Film Maryam-e moqaddas, »Die heilige Maria«, bei den Muslimen weltweit großer Beliebtheit erfreut. Maria bleibt auch weiterhin eine Quelle der Inspiration, und zwar keineswegs nur in gelehrten Abhandlungen, sondern auch in der Dichtung und populären Prosa. Eine dieser Veröffentlichungen (Patrick Ali Pahlavi, La Fille d’Imran, 1991) präsentiert beispielsweise eine Art von »Befreiungs-Mariologie«, wobei er die These vertritt, dass Maria aufgrund ihrer Unabhängigkeit, Stärke und Spiritualität eigentlich als die »Prophetin des dritten Millenniums« betrachtet werden sollte. Dank ihrer aufrichtigen Ergebenheit gegenüber Gott und ihres unablässigen Gebets bleibt Maria für die Anhänger des Islam ein lebendiges geistiges Vorbild.

Von Prof. Dr. Lejla Demiri, Lehrstuhl für Islamische Glaubenslehre am Zentrum für Islamische Theologie der Eberhard-Karls-Universität Tübingen

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18. Oktober 2019

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