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»Liebster Bruder, Deine Klara«

Die Heilige des Monats

»Liebster Bruder in Christus, der Vater möge Dir Frieden und Gesundheit geben. Ich hätte Dir lieber nur geschrieben, um Dir frohe Nachrichten mitzuteilen, aber das ist nicht der richtige Augenblick. Wir alle zusammen, Deine kleinen Schwestern, haben darüber nachgedacht und vor allem viel dafür gebetet, Dich im Geiste anzurühren, damit Dich die Worte, die Du lesen wirst, nicht allzu sehr verletzen, sondern ihren Zweck erreichen, der darin besteht, Dich im Hinblick auf die dringende Notwendigkeit zu erleuchten, das Land der Mohren zu verlassen und heimzukehren.

Die Fraternität gleicht einem armseligen Schiffchen inmitten eines großen Sturmes und läuft Gefahr, versenkt zu werden. Das ist der Grund. Der, der sie während Deiner Abwesenheit leitet, erteilt den Brüdern und Schwestern Befehle, die das Gegenteil sind und im Kontrast stehen zu dem, was Du beabsichtigt hattest. Das ruft Diskussionen und unablässigen Streit hervor, die Du zwar kennst, denen Du aber mit Geduld und Weisheit entgegenzutreten wusstest. Drei Monate nach Deinem Aufbruch ins Heilige Land haben immer mehr Versammlungen der Brüder stattgefunden, bei denen wir Schwestern nicht zur Teilnahme eingeladen waren. Leo, Aegidius und noch einige andere kamen sehr traurig zu uns, um uns zu berichten, was geschah. Und Du kannst Dir ja vorstellen, was da vor sich ging. Sie wollten für die Fraternität wieder eine Lebensregel einführen, die das genaue Gegenteil derer ist, die Du uns mit viel Klarheit und Geduld vorgegeben hattest. Wer dagegen Einspruch erhob, wurde mundtot gemacht und hinausgeschickt. Deshalb sind viele Brüder verwirrt, andere todtraurig und sind gegangen. Hingegen sind es viele auch zufrieden, den neuen Anordnungen Folge zu leisten.

Eine erste Konsequenz davon ist, dass unsere heiß geliebte Frau Armut, die getreue Gefährtin unseres Lebens, als lästig und gar als verächtlich verjagt wurde. Die Brüder, die fortfahren, sie zu lieben, werden der Häresie bezichtigt und weggejagt, aber der eigentliche Grund dafür ist, dass man meint, dass sie Deine Anweisungen allzu treu befolgen. Du weißt nur allzu gut, worum sich diese ganze Frage eigentlich dreht. Sie sagen, dass Du ihnen das Recht verwehrt hast, zu studieren und das Wort Jesu Christi durch Studium zu vertiefen. Sie wissen ganz genau, dass Du etwas ganz anderes gesagt hast. Du sagtest, dass das Studium dann wichtig ist, wenn es den Menschen dazu verhilft, frei zu sein, und Du sagtest auch, dass das Studium sogar heilig ist, wenn es im Dienst der Wahrheit und des Lebens steht. Und für Dich ist gerade Christus die Wahrheit und das Leben. Für viele von ihnen ist das Studium hingegen ein Werkzeug, um sich diejenigen zu unterwerfen, die nicht studiert haben und nicht die Worte beherrschen, derer es bedarf, um Gerechtigkeit zu fordern. Und es ist gerade das Wort fraternitas, das diese gelehrten Männer zu irritieren scheint, als ob sie nicht gar zu gut wüssten, was dessen überwältigende Bedeutung ist, das, was Dich und durch Dich viele Männer und Frauen, mich eingeschlossen, mitgerissen hat. Das macht uns sehr traurig und wir können nichts weiter tun, als für diese gelehrten Brüder zu beten, damit sie Jesus Christus erleuchte, aber im Augenblick – es ist bitter, Dir das sagen zu müssen! – sind sie siegreich und werden in Rom hoch geschätzt.

Und aus all diesen Gründen ist dieser Sturm auch über uns, Deine Kleinen Schwestern, losgebrochen. Vor zwei Monaten kam aus Rom der Befehl, San Damiano, das für uns immer einfach unser Zuhause war, zu einem richtigen Kloster zu machen, so wie alle anderen Klöster. Du wirst Dich daran erinnern, dass eine derartige Drohung bereits vor Deinem Aufbruch in der Luft lag, aber dank Deiner Gegenwart hielt die Obrigkeit still, wie ein wildes Tier, das an der Kette festgehalten wird. Dieser Befehl aus Rom hat uns Schwestern ab sofort verboten, das Haus zu verlassen und uns untersagt, uns mit den Brüdern zu treffen, mit keinem von ihnen. Und dabei hat es niemals einen wie auch immer gearteten Skandal gegeben, sondern gegenseitige Hilfe und Ratschläge, und wir haben uns im Hospiz bei Krankheitsfällen gegenseitig geholfen, bei schwierigen Fällen, wie etwa bei Gelähmten, die bewegt werden mussten. Wir waren de facto eine fraternitas. Nun trennen uns außer Portalen und Gittertüren auch die Fenstergitter von allen anderen. Es war uns nicht mehr möglich, arbeiten zu gehen, sei es im Hause wohlhabender Leute, sei es in der Werkstatt, um den Unterhalt für uns selbst und für unsere armen oder kranken Brüder zu verdienen.

Du wirst Dich fragen, von was wir leben. Und das ist die allergrößte Überraschung. Wir bekommen unsere Nahrung durch Lieferungen »unserer Bauern«, die uns alles, was das Herz begehrt, bringen. Tatsächlich sind wir ihre »Herrinnen« geworden. Kurz, die Kirche hat uns Pfründen zugewiesen, und so leben wir von diesen Einkünften. Es scheint fast ein Scherz zu sein, wenn Du daran denkst, dass ich und die anderen Schwestern luxuriöse Paläste und reiche Tische verlassen haben, um die Dame Armut zu umarmen, aus Scham den benachteiligteren Brüdern gegenüber. Wir sind von Neuem privilegiert und beschützt und fühlen uns wie jene Puppen, mit denen wir als kleine Mädchen gespielt haben und die hierhin und dahin geworfen werden. Der Päpstliche Bote, der uns das Dokument überbracht hat, das die Nutzung der uns übertragenen Ländereien betrifft, hat gelacht, als ich ihm gesagt habe, dass wir nicht dieses Privileg einer Pfründe haben wollten, sondern lieber das Privileg der Armut. Er hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass sehr viele Brüder überglücklich waren, einen bequemen Ort bekommen zu haben, wo sie studieren und beten konnten. Es war unmöglich, ihm verständlich zu machen, dass wir glücklich damit waren, uns unseren Lebensunterhalt zu verdienen, wie es die Mehrheit der »Brüder« tut. Er war unfähig dazu, zu verstehen, dass ich mich nicht auf Blutsbrüder (Geschwister) bezog, sondern auf Brüder in Gott, was ja viel wichtiger ist. Ein Dialog war nicht möglich. Am Anfang konnten wir uns kaum dazu durchringen, etwas zu essen, so peinlich war es uns. Wir haben uns geschämt und haben alles verschenkt. Dann bin ich gemeinsam mit Leo und Peter zum Bischof gegangen, um mit ihm zu sprechen, und mit seinem Einverständnis, und nur dem seinen, gehen einige Schwestern und ich nach Anbruch der Dunkelheit hinaus, um unseren Brüdern, die in Schwierigkeiten sind, Nahrung und Beistand zu bringen. Aber der hauptsächliche Beweggrund für unseren Widerstand ist die Gewissheit, dass dieses Missverständnis dann, wenn Du zurückkehrst, geklärt werden wird. Eine so falsche Interpretation der Worte des Evangeliums kann nur ein Missverständnis sein. Und eben aufgrund dieses Missverständnisses haben viele Brüder Häuser, ja selbst Paläste akzeptiert, um in Reichtum zu leben. Sie sagen, dass sie studieren und dass sie deshalb das Bedürfnis haben, bequem auszuruhen, sich mit delikaten Speisen zu laben und weiche Gewänder zu tragen. Diejenigen, die als erste zur Fraternität gestoßen sind: Leo, Peter, Aegidius und andere, denken das nicht. Sie sind dem Evangelium bis auf den Buchstaben treu geblieben und leben deshalb weiterhin wie früher, aber sie hoffen und beten, dass bald Klarheit geschaffen werde. Du kannst Dir überhaupt nicht vorstellen, wie nötig es ist, dass es Dich gibt.

Dank eines Händlers, der sie verbreitet hat, ist die Nachricht hierher gedrungen, dass Du den Sultan getroffen hast und dass Ihr über einen möglichen Friedensschluss gesprochen habt. Der Bischof ist persönlich gekommen, um es uns zu berichten. Er jubelte vor Freude, aber es scheint, dass man in Rom andere Ideen hegt. Es ist offensichtlich, dass man Dich im Heiligen Land braucht, und die Schwestern und ich riskieren es, lästig zu sein. Aber es ist nur recht und billig, dass Du alle Fakten kennst, um eine Entscheidung treffen zu können, und dafür beten wir sehr viel und …«

Der Brief bricht hier ab. Er verursachte Franz mit Sicherheit viel Unbehagen. Er wusste, dass Klara ihn nie geschrieben hätte, wenn die Fakten nicht noch viel schlimmer gewesen wären. Elias von Cortona, der mit ihm zusammen im Heiligen Land war, erinnert sich, dass der Freund bei der Lektüre des Briefes geweint habe, aber er enthüllte niemandem dessen Inhalt. Allerdings entschied er sich dafür, mit dem ersten abgehenden Schiff nach Italien zurückzukehren.

Dieser Brief ist von keinem seiner Biographen je gelesen worden. In den Franziskanischen Quellen gibt es allerdings einen Brief, den Klara an Franz schickte und in dem sie ihn ersuchte zurückzukehren. Tatsächlich war das die Zeit, in der innerhalb der Fraternität große Unstimmigkeit herrschte. Ich habe diesen Brief geschrieben, wobei ich mir die Dinge ausgemalt habe. Nun scheint der Brief mir so echt, dass ich ihn nicht vernichten kann.

Liliana Cavani, geboren 1933 in Carpi, Drehbuchautorin und Opernregisseurin, hat Kinofilme gedreht, darunter Der Nachtportier (1974) und Franz von Assisi (1966) und Franziskus (1989) über den Schutzpatron Italiens; Fernsehfilme, darunter Mai per amore. Troppo amore (2012, über Gewalt gegen Frauen) und Dokumentarfilme, darunter Klarissen (2012). Im Jahr 2012 wurde sie mit dem Federico-Fellini-8½-Preis ausgezeichnet, außerdem wurde ihr der Premio David Speciale für ihre Karriere verliehen.

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14. November 2019

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