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Ich überwache die wirtschaftlichen Angelegenheiten

· Interview mit Corinne Boilley, der ersten Vize-Generalsekretärin der französischen Bischofskonferenz ·

Mit einem Abschluss der Grand École »Sciences Po Paris« (Institut für Politikwissenschaften) und als Expertin auf dem Gebiet des Personalwesens ist diese strahlende Frau, Mutter dreier Kinder, mit ihren 57 Jahren bereits seit 2012 die erste Frau, die die Position des Vize-Generalsekretärs der französischen Bischofskonferenz (CEF) innehat. Dort ist sie für wirtschaftliche, juristische und soziale Fragen verantwortlich. Ihre Arbeit besteht unter anderem darin, die Diözesen bei der Anlage ihrer finanziellen Mittel und bei der Durchführung einer angemessenen und gerechten Personalpolitik anzuhören, zu begleiten und unterstützen.

Wie haben Sie reagiert, als Sie von Ihrer Ernennung zur Vize-Sekretärin erfahren haben?

Ich war sehr erstaunt und habe mich gefragt: Warum gerade ich? Meine beiden Vorgänger zeichneten sich vor allem auf dem Finanzsektor aus, deshalb hätte ich nie damit gerechnet, mich je auf diesem Posten wiederzufinden. Da habe ich auf meine innere Stimme gehört. Ich habe akzeptiert, weil ich mich wiedergefunden habe in der Dimension der Aufgabe und in der Art und Weise, sie auszuführen – mit aufmerksamem Gehör für die Bedürfnisse der Diözesen und deren kooperativer und konstruktiver Zusammenarbeit untereinander .

Sie sind die erste Frau in der Rolle des Vize-Generalsekretärs: ist das für Sie eher Grund zum Stolz oder erleben Sie das als etwas, das Druck ausübt?

Als die anderen damit angefangen haben, ihrer aufrichtigen Überraschung Ausdruck zu verleihen, da hat mich das leicht alarmiert: »Aber Du bist die erste Frau!«, sagten sie zu mir. Anfangs haben mich diese überraschten Reaktionen beunruhigt, da sie mir den Eindruck vermittelten, dass das Schicksal einer Hälfte der Menschheit auf meinen Schultern lastete. Als erste Frau betrachtet zu werden, übte sehr viel Druck auf mich aus. Dann habe ich mich daran gewöhnt und nun bin ich glücklich darüber.

Ist es nicht störend, dass in dem Augenblick, in dem eine Frau in einen Posten aufrückt, der wie der Ihre sehr viel Verantwortung mit sich bringt, alle Welt sich darüber wundert?

Schon ein bisschen. Ich bin ein Fachmann. Ich habe jahrelang auf dem Gebiet des Personalwesens gearbeitet. Angesichts der Tatsache, dass ich von Jugend auf große Verantwortung getragen habe, habe ich nie den Eindruck gehabt, dass diese mir übertragen worden wären, weil ich eine Frau bin. Ich möchte glauben, dass es das Zusammenspiel meiner Persönlichkeit und meiner Kompetenzen ist, was meiner Ernennung zugrunde liegt, und nicht etwa der Wunsch, für diese Stelle ausdrücklich eine Frau zu wählen. Und in meiner Persönlichkeit gibt es die Dimension der Weiblichkeit, der Mütterlichkeit. Das spielt alles ineinander, es ist kein Zufall, dass ich auf dem Gebiet des Personalwesens arbeite. Dazu gehört in gewisser Weise der Aspekt des Zuhören-Könnens, des Sich-der-anderen-Annehmens, der Aufmerksamkeit den anderen gegenüber.

Trotzdem setzt diese Ernennung ein starkes Zeichen!

Es ist natürlich ein Zeichen für Moderne, für eine Kirche, die in ihrer Zeit verankert ist. In meiner Eigenschaft als Frau, als Angehörige des Laienstandes und als Spezialistin auf dem Gebiet des Personalwesens verstehe ich meine Ernennung als eine Ermutigung. Wenn mir diese Ermutigung seitens der Institution nicht zuteil geworden wäre, hätte ich es mir nie angemaßt, von einem derartigen Auftrag zu träumen. Ich bin keine Vorkämpferin der Frauenordination und identifiziere mich nicht mit der feministischen Bewegung, ich bin aber überzeugt davon, dass es eines Wortes und einiger Gesten seitens der Institution Kirche zugunsten einer größeren Anerkennung der Tätigkeiten der Laien bedarf.

Sollten mehr Frauen Schlüsselstellen einnehmen, und falls ja, welche?

Man kann nicht ohne die eine Hälfte der Menschheit auskommen! Ja, man sollte dafür sorgen, dass mehr Frauen Schlüsselpositionen einnehmen. In der französischen Bischofskonferenz gibt es zahlreiche Frauen, die Dikasterien leiten: Nathalie Becquart, eine Xaverianer-Schwester, die einen Abschluss der »Hec«, eines großen Wirtschaftsinstituts, hat, leitet die Sektion für die Jugend und für die Berufungen, und Monique Baujard, eine Anwältin, die auf ethische Fragen spezialisiert ist, leitet die Sektion Familie und Gesellschaft, und ich selbst bin deren Vize-Generalsekretärin. Die Institution hat auf allerhöchster Ebene Signale ausgesandt. Die Bischöfe in ihren Diözesen und die Pfarrer in ihren Gemeinden sind und sollen auch selbst Förderer von all dem sein. Innerhalb des Spektrums der Laien, die in kirchlichem Auftrag in den Diözesen im Einsatz sind, gibt es sehr viele Frauen, aber nicht auf allen Gebieten. Es gibt sehr wenige Finanzverwalterinnen auf Diözesanebene und nach wie vor viel zu wenige Frauen in den Diözesanräten. Wie Papst Franziskus in seinem unlängst veröffentlichten Apostolischen Schreiben sagt: »Kraft der empfangenen Taufe ist jedes Mitglied des Gottesvolkes ein missionarischer Jünger geworden.« Und im Hinblick auf die Rolle der Frau in der Kirche sagt er noch ausführlicher: »Doch müssen die Räume für eine wirksamere weibliche Gegenwart in der Kirche noch erweitert werden […] und an den verschiedenen Stellen, wo die wichtigen Entscheidungen getroffen werden, in der Kirche ebenso wie in den sozialen Strukturen.«

Ihre Gesprächspartner sind vorwiegend Priester und Bischöfe: Wie reagieren diese auf Sie als eine dem Laienstand angehörige Frau, die eine so verantwortungsvolle Position innehat?

Vertrauen ist etwas, das nicht verordnet wird, sondern das man sich erarbeitet: das fasst alles knapp zusammen. Als ich angefangen habe, habe ich selbst ebenso wie sie eine gewisse Zurückhaltung gespürt. Von ihrer Seite aus war das vielleicht deshalb der Fall, weil ich eine Frau war. Meinerseits aber deshalb, weil sie Priester waren. Bevor ich 2007 bei der französischen Bischofskonferenz angefangen habe, waren die Priester, mit denen ich zu tun hatte, jene, die die Messe feierten, mir die Beichte abnahmen oder meine Exerzitien begleiteten. Im Jahr 2012 ist mein Arbeitsverhältnis anders geworden, ich habe seitdem einen direkteren Kontakt zu den Bischöfen. Allmählich ist das Vertrauen größer geworden. Das geschieht dadurch, dass man sich besser kennt, dass man die Realitäten gemeinsam besser versteht und indem man einander Hochachtung entgegenbringt. Bei der ersten Vollversammlung, in Lourdes, war ich sehr unruhig, denn alle französischen Bischöfe saßen mir gegenüber und zögerten, mir Fragen zu stellen. Im Jahr darauf verlief die Versammlung völlig anders, weil ich in der Zwischenzeit einige Bischöfe in ihren Diözesen besucht und mit ihnen gearbeitet hatte.

Sie arbeiten auf dem Gebiet des Personalwesens: Fühlen Sie als Frau, dass Sie den anderen Frauen gegenüber einen bestimmten Auftrag zu erfüllen haben?

Hier bei der französischen Bischofskonferenz spielen derartige Überlegungen keine Rolle. Wie gesagt, innerhalb der einzelnen Sektionen gibt es außer Priestern auch Frauen auf verantwortungsvollen Stellen. Was mich allerdings nicht daran hindert, den Bischöfen mein Erstaunen darüber zum Ausdruck zu bringen, dass da so wenige Frauen in der Finanzverwaltung sind! Es ist erforderlich, dass die Bischöfe und Pfarrer in den Diözesen und Pfarreien die Frauen dazu ermutigen, sich in Bewegung zu setzen. Und es ist auch notwendig, dass die Frauen zielstrebig sind, denn Zielstrebigkeit zeugt Vertrauen. Seit 2008/2009, seitdem in den Diözesen die Kollektivverträge zur Anwendung kommen, richten die Bischöfe ihre besondere Aufmerksamkeit auf das Personalwesen. In der Tat wird Angehörigen des Laienstandes, die für die Kirche arbeiten, mehr Aufmerksamkeit gewidmet und man fängt an, auch die Frauenfrage unproblematischer anzugehen. Ein Beispiel: Wie kann man einen Bischof dazu ermutigen, auch Frauen in seinen Rat für Wirtschaftsfragen aufzunehmen? Die Antwort lautet: Indem man ganz klar und deutlich sagt, was man braucht. Es geht nicht darum, über die Frauen zu sprechen, nur um sie zur Sprache zu bringen, sondern darum, für die jeweilige Stelle die geeigneten Personen mit den gesuchten Qualifikationen zu finden. Darunter sind naturgemäß auch Frauen. Die Weiterentwicklung der Kultur des Personalwesens spielt zu ihren Gunsten.

Welche Ratschläge würden Sie also den jungen Frauen unserer Zeit erteilen, damit sie Erfolg im Berufsleben haben können, ohne sich dort zu verlieren?

Ich fühle mich dem Ansatz des heiligen Ignatius von Loyola verpflichtet und kann die jungen Frauen nur ermutigen, so bald und so regelmäßig wie möglich über ihre Pläne, ihr Ziel nachzudenken. Auf welchem Gebiet kann ich der Welt den besten Dienst erweisen? Ich bin überzeugt davon, dass es wichtig ist, frei die eigenen Entscheidungen treffen zu können. Hierzu ist es manchmal aber auch notwendig, Klarsicht und Wagemut zu haben, das Risiko einzugehen, gewisse Kompromisse auszuschlagen. Als ich in einem großen französischen Betrieb zur Direktorin für das Personalwesen ernannt wurde, war ich noch jung – ich war zweiunddreißig –, und ich hatte zwei kleine Kinder. Deshalb habe ich beschlossen, für meine Arbeit eine Teilzeitbeschäftigung vorzuschlagen, auf die Gefahr hin, die Stelle nicht zu bekommen. Ich habe die Verantwortungen immer akzeptiert, ohne deshalb das Gleichgewicht meines Privatlebens zu opfern. In der Folge habe ich dann diese Firma verlassen, so dass ich mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen konnte. Um etwas aufbauen zu können, sollte man die eigenen Ziele und Prioritäten ganz klar vor Augen haben.

Nach ihrem Abschluss am Pariser Institut für Politikwissenschaften und einem Master in Privatrecht wird Corinne Boilley (1956) für das Biennium 1981-1982 Chargée de mission im Informationsbüro des französischen Premierministers. Anschließend wird sie Direktorin des Personalwesens und der innereuropäischen Kommunikation der Restaurantkette Quick. Seit 2007 ist sie Direktorin des Personalwesens der französischen Bischofskonferenz. Am 1. September 2012 wurde sie zur Vize-Generalsekretärin der französischen Bischofskonferenz ernannt, mit der Aufgabe, sich wirtschaftlicher, juristischer und sozialer Fragen anzunehmen.

Von Marie-Lucile Kubacki

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