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Ich sah ihn in mein Herz eintreten und sich dort verbergen

Nicht immer war den Frauen die Möglichkeit gegeben, die Unterscheidung in den Mittelpunkt ihres geistlichen Lebens zu stellen. Da beweist unter anderem die komplizierte und schmerzliche Geschichte von Mary Ward, die 1585 in Yorkshire zur Welt kam, zu einer Zeit, als die Katholiken verfolgt wurden. Schwierige Zeiten auch für eine junge Frau, die bereits als Heranwachsende den Wunsch verspürte, den katholischen Glauben zu verteidigen, zu bezeugen und zu verbreiten. Und das wollte sie so tun, wie es der Heilige Geist ihr eingab. Wobei sie den Gedanken ablehnte, dass Frauen schwache und unbeständige Geschöpfe seien, die man entweder verheiraten oder ins Kloster stecken müsse. Mary, die ebenso hartnäckig und unabhängig wie fügsam und bis zum geistlichen Martyrium gehorsam war, hörte mutig auf eine Berufung, die sich ihr erst nach und nach offenbarte, unter Unsicherheiten, schwierigen Meinungsänderungen und deutlichen Zeichen.

»Nimm die Regeln der Gesellschaft [Jesu]!«, hatte sie 1611 nach einer langen Zeit der Meditation innerlich vernommen, als sie auf der Suche nach dem Willen Gottes für ihr Leben war. So dachte sie daran, eine Ordenskongregation zu gründen, die nach dem Vorbild der Konstitutionen der Gesellschaft Jesu direkt vom Papst abhängen, von der Klausurpflicht entbunden und dem Apostolat in Missionsländern, vor allem der Erziehung und Bildung von Mädchen, gewidmet sein sollte. In verschiedenen europäischen Ländern entstanden Niederlassungen, die ihrer Vorstellung nach von einer Oberin geleitet werden sollten. Aber ihr Plan wie auch ihre verschiedenen Versuche, die Approbation des Heiligen Stuhles zu erlangen, scheiterten. Ja es kam so weit, dass Papst Urban VIII. 1631 die Auflösung der Kongregation beschloss. Mary wurde der Häresie angeklagt und einige Monate im Klarissenkloster in München eingesperrt. Doch sie weigerte sich, das von den Inquisitoren aufgesetzte Schuldbekenntnis zu unterzeichnen. Als ihr die Rückkehr nach England gestattet wurde, setzte sie ihr Werk fort, zunächst zusammen mit einigen wenigen Gefährtinnen in London und dann in dem Dorf Heworth, wo sie 1645 starb.

Ihre Lebensaufgabe der Mädchenbildung, ihre Vorstellung eines Frauenapostolats außerhalb von Klausurmauern waren die Früchte einer auf der Unterscheidung basierenden Spiritualität. Ihre Schriften bezeugen ebenso wie ihre Gebete, dass ihre Praxis der Unterscheidung im Lauf der Zeit wuchs und heranreifte und zu einer wahren geistlichen Pilgerfahrt auch der Suche nach dem wurde, was Gott von ihr und für sie wollte, und auf diesem Weg waren Gebet und Meditation entscheidend, wie sie in den IgnatianischenExerzitien erläutert werden. Marys Gebet, das zunächst »durch Pflichtgefühl gelähmt und voller Skrupel war«, entwickelte sich immer mehr zu einem echten Gespräch, in großer Freiheit und voller Vertrauen in Gott, der wahrhaft in ihr wirkte. In den einleitenden Worten ihrer Autobiographie schrieb sie: »Ich bitte alle, die diese Geschichte lesen, mich nicht nach meinen Schwächen und den vielen Malen, die ich in Ungnade gefallen bin, zu beurteilen, sondern vielmehr die Wahrheit Gottes anzuerkennen, die in mir am Werk ist, und ihm für Seine Güte zu danken.« Und sie zauderte keinen Augenblick, zu bekräftigen: »Gott war mir sehr nahe und in mir (…), ich sah ihn in mein Herz eintreten und sich dort verbergen.«

In den kostbaren Notizen, die sie während ihrer Exerzitien unter Leitung der Jesuiten Roger Lee und John Gerard machte, treten eine außerordentliche Frische, Authentizität und Hochherzigkeit des Geistes zutage, in dem Mary die Realität der Menschwerdung erlebte und auch ihre Gefährtinnen aufforderte, Gott in den kleinen wie den großen Dingen zu suchen. Diese Aufzeichnungen lassen das Bedürfnis einer jeden menschlichen Seele erkennen, sich zu befreien von dem, was übermäßig an das Irdische bindet – Macht- und Herrschaftsstrukturen inklusive –, um eben diese Dinge dann mit ignatianischer »Gleichgültigkeit« sehen und lieben zu können, das heißt mit der inneren Freiheit dessen, der »alles auf Gott bezieht«, und dank derer »wir so sind, wie wir erscheinen, und so erscheinen, wie wir sind«. Die Liebe zu dieser inneren Freiheit, die im Mittelpunkt ihres Gebetes stand, half ihr, eine Offenbarung zu empfangen und diese dann in einem Brief an Pater Roger Lee zu beschreiben: die mystische Erkenntnis über die Seinsweise der »gerechten Seele«, wie sie es nannte, einen ganzheitlichen Zustand, Anfang und letztendliches Ziel eines jeden Menschen. Eine Heiligkeit des ganz normalen Lebens, die Mary Ward für ihr Ordensinstitut wie auch für alle erbat und die in einem ihrer Gebete wundervoll zusammengefasst ist:

O Vater aller Väter,

und Freund aller Freunde!

Ohne mein Zutun

nahmst du mich in deine Obhut,

und Schritt für Schritt führtest du mich

weg von allem, das nicht du bist,

damit ich dich sehen und dich lieben könne.

(…)

O glücklich begonnene Freiheit,

du Anfang all meines Guten…

»Unterscheiden« heißt nicht nur, auf die Gnaden zu achten, die einem im Alltagsleben zuteil werden und sie zu interpretieren. Es heißt vor allem, die Regungen, die vom guten Geist kommen, unterscheiden zu können von denen, die von der entgegengesetzten Seite kommen. Mary, die mit den ignatianischen Regeln der Unterscheidung der Geister wie auch mit der Betrachtung über die »zwei Banner« vertraut war, wusste das nur allzu gut. »Was mich innerlich bestürzt und Unruhe hervorruft, kommt nicht von Gott«, kommentierte sie. »Denn Gottes Geist bringt stets ein Gefühl der Freiheit und des tiefen Friedens mit sich.« Als sie 1611 die Worte »Nimm die Regeln der Gesellschaft [Jesu]!« vernahm, da wusste sie, dass sie göttlicher Herkunft waren, da diese Worte ihr, wie sie schrieb, »einen solchen Trost und solche Kraft einflößten und ihre Seele so verwandelten, dass sie nicht bezweifeln konnte, dass sie von dem stammten, dessen Worte Werke sind«.

Als sie, auch dank der Führung ihrer geistlichen Leiter, eine Bestätigung erhielt, dass ihre Augenblicke innerer Erleuchtung guter Herkunft waren, fürchtete sie nicht, sich vertrauensvoll dem Willen Gottes zu überlassen. So war sie auch bereit für Unbekanntes und bereit, wie Jesus das Kreuz des Bösen und die Begrenztheit der Welt anzunehmen. »Mein Herz ist bereit, oh Gott! Mein Herz ist bereit. Stell’ mich, wohin du willst!« Und weiter: »Weder Leben noch Tod, mein Gott, sondern dein heiliger Wille geschehe in mir. Tu, was du für das Beste hältst. Nur darum bitte ich: Gib, dass ich dich nicht mehr kränken und dass ich nicht unterlassen möge, deinen Willen zu tun.«

Ihre Verteidigung der Rolle der Frauen war nichts anderes als die logische Schlussfolgerung ihrer tiefen Spiritualität, die auf der Praxis der Unterscheidung im Namen einer gelebten veritas Domini beruhte: der Wahrheit Gottes, die nicht bestimmt ist von durch Gesellschaft und Kultur geprägten und auferlegten Geschlechterrollen. Als Thomas Sackville über sie und ihre Gefährtinnen sagte: »Das funktioniert, solange ihr Feuereifer in der Anfangsphase steckt. Aber dieser Feuereifer wird nachlassen, und am Ende sind sie doch nur Frauen«, sagte Mary zu ihren Gefährtinnen: »Was haltet ihr von dieser Formulierung: ›Sie sind doch nur Frauen?‹ Als wären wir in allem und jedem jenem anderen Geschöpf unterlegen, das wohl die Männer sein sollen (…). Es gibt keinen so großen Unterschied zwischen Männern und Frauen, dass die Frauen außerstande wären, große Dinge zu vollbringen, und ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass sich erweisen wird, dass die Frauen in Zukunft viel leisten werden.« Bei einer anderen Gelegenheit hörte sie einen Ordensmann sagen, dass er um nichts auf der Welt hätte eine Frau sein mögen, da eine Frau nicht zur Kontemplation Gottes imstande sei. Sie erzählt weiter: »Ich habe nicht geantwortet, sondern habe nur gelächelt, auch wenn ich hätte antworten können, da ich die Erfahrung des genauen Gegenteils gemacht hatte. Ich hätte Mitleid mit seiner mangelnden Urteilskraft haben können, aber nein: Urteilskraft hat er. Was ihm abgeht, ist die Erfahrung.«

Mary Ward fordert auch uns zur Unterscheidung auf, die wir – so wie sie – zu unserem Heil praktizieren sollen, um sie dann in den Dienst der Seelen zu stellen. Das hatte seinerzeit auch John Wilson verstanden, der, was kaum bekannt ist, sein Buch über die Meditationen Vincenzo Brunos (1614) Mary Ward und ihren Gefährtinnen widmete. Denn, so schrieb er, sie setzen sich ein »für das geistliche Wohl der Anderen«, vor allem aber für das der Armen, und ich würde hinzufügen: gleichgültig, um welche Art von Armut es sich handeln mochte, um intellektuelle Armut, geistige Armut oder Armut des Herzens.

Die von Mary Ward gegründete Gemeinschaft wurde erst 1703 als Kongregation anerkannt. Auf die endgültige Anerkennung ihres Institutum Beatae Mariae Virginis von Seiten des Heiligen Stuhles mussten die Mitglieder bis 1877 warten, und dann erfolgte sie unter der Bedingung, dass der Name Mary Ward unerwähnt bliebe. Einige Jahrzehnte später allerdings änderte sich die Lage. 1909 wurde Ward offiziell als Ordensgründerin anerkannt, und 1921 fand Kardinal Bourne Worte der Bewunderung für diese »Pionierin« der Mädchenbildung, der er »übernatürliche Weitsicht« und »heroische Beharrlichkeit« zugestand. Pius XII. bezeichnete sie beim Weltkongress des Laienapostolats 1951 als eine »unvergleichliche Frau«, und 1985 lobten sowohl Kardinal Ratzinger als auch Johannes Paul II. ihren Gehorsam. Die Zeit war nunmehr reif. 2003 übernahm die Kongregation die ignatianischen Konstitutionen und nahm – mit Ausnahme ihres Zweigs der Loretoschwestern – den Namen Congregatio Jesu an. Nach vierhundert Jahren waren die Worte »Nimm die Regeln der Gesellschaft Jesu!« Wirklichkeit geworden. Schließlich wurde Mary Ward 2009 der Ehrentitel ehrwürdige Dienerin Gottes zuerkannt, weil sie die Tugenden in heroischer Weise gelebt hatte.

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