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Hirte mitten unter den Menschen

· ​Messe in Santa Marta ·

Nähe und Zärtlichkeit« sind die Haltungen des wahren Hirten, der immer mitten unter den Menschen ist und sich um konkrete Probleme kümmert, sich dabei anfassen lässt und persönlich dort hingeht, wohin er gerufen wird, auch bis zur körperlichen Erschöpfung, sollte dies erforderlich sein. Und ohne sich dabei wie ein Prophet oder spiritueller Berater oder Heiler zu gebärden, mit Besuchszeiten und einer Preisliste. Und gerade die Gestalt des nach dem Zeugnis Jesu geformten Hirten, der immer auf der Straße mitten in der Menschenmenge war, wollte Papst Franziskus in der Messe am Dienstag, den 30. Januar, in Santa Marta erneut vor Augen führen.

Für seine Betrachtungen ging der Papst vom Abschnitt aus dem Evangelium aus, das »mehr betrachtet als Gegenstand des Nachdenkens sein muss«, wie er in Bezugnahme auf den Abschnitt aus dem Markusevangelium (5,21-43) feststellte. »Betrachten« also, »wie ein Tag im Leben Jesu war: Gott hatte versprochen, sein Volk zu begleiten, mit ihm zu gehen, und Gott begleitete sein Volk und sandte Jesus, damit er die Fülle dieses Weges bringe«.

Jesus, so erklärte der Papst, begleitet »das Volk als Hirt. Er macht kein Büro für spirituelle Beratung auf, mit einem Schild davor, wo steht: ›Der Prophet empfängt am Montag, Mittwoch und Freitag von 15:00 Uhr bis 18:00 Uhr. Der Eintritt hat diesen Preis, oder, wenn ihr wollt, könnt ihr etwas spenden‹«. Der Herr »macht das nicht so«, sagte der Papst, und »ebenso wenig eröffnete er eine Arztpraxis mit dem Schild: ›Die Kranken kommen an dem und dem und dem Tag und werden geheilt werden‹«. Nichts von alledem. Im Gegenteil: »Jesus geht mitten unter das Volk«.

»Fast das ganze Leben Jesu, sein öffentliches Leben, war ein Leben auf der Straße mit den Leuten«, erklärte Franziskus, »und wenn er lehrte, war da immer jenes Wort, das sich wiederholt: ›eine große Menschenmenge war da‹, die Menge der Leute, die ihm folgten«. Und »er sorgte sich um die Leute, dass sie gut verstünden, und er sorgte sich auch, wenn er dachte, dass sie Hunger hätten: ihnen zu essen zu geben«. Jesus war immer »mitten unter den Leuten: das ist der Hirt, das ist die Gestalt des Hirten, die Jesus uns vorgibt, und er sagt uns Hirten, wie die Leute zu begleiten sind: mitten unter dem Volk«.

»Einmal«, erzählte der Papst, »sagte mir ein heiliger Priester, der auf diese Weise sein Volk begleitete: ›Die Leute sind ermüdend: wenn der Tag zu Ende ist, bin ich kaputt‹. Ich sagte zu ihm: ›Aber glücklich?‹ – ›Ja!‹«. Und »fürs Einschlafen brauchte jener Hirt keine Tabletten: er schlief sehr gut, weil er wirklich müde war, aber wirklich müde, nicht nur in einem ideellen Sinn; die Müdigkeit dessen, der arbeitet, der Person, die arbeitet und so das Volk begleitet«.

Im Abschnitt aus dem Evangelium, so Franziskus, »kommt das Wort ›berühren, anfassen‹ fünf Mal vor«. Jesus »wird von den Leuten ›berührt‹«. Doch »auch heute sehen wir, wenn der Bischof zu einem Pastoralbesuch kommt, oder der Pfarrer, dann berühren sie ihn, um eine Gnade zu bekommen, so sagen sie«. Denn, fügte er hinzu, »so ist das Volk, und wenn du Hirt und mitten unter dem Volk bist, dann musst du das spüren«. In Wirklichkeit sagt »das heutige Evangelium mehr: ›Viele Menschen folgten ihm und drängten sich um ihn‹«. Und wenn die Menge »sich um ihn drängte, sagte Jesus nicht: ›Nein, bleibt dort‹«. Als sagten wir heute: »Rührt den Priester nicht an, nein, bitte, macht Platz, wenn er kommt, wenn der Bischof oder der Priester kommt«. Und so ist es also, dass Jesus »dort war, in ihrer Mitte: er war mehr als ein Priester und ein Bischof, Jesus«, und »er ließ sich berühren, drücken: er spürte sie alle«.

Mitten in dieser Menge, so berichtet Markus in seinem Evangelium, »kam dieser Synagogenvorsteher« namens Jaïrus »und sagt zu ihm: ›Meister, meine Tochter liegt im Sterben‹«. Als Antwort »geht Jesus, er geht hin; er sagte nicht: ›bringt sie zu mir‹«; sondern seine Antwort lautete: »Ich gehe«. Also: »der Hirte geht dorthin, wo die Probleme sind, wo die Schafe sind, er geht dorthin, wo die Schwierigkeiten sind«. Er antwortet immer: »Ich gehe«.

In seiner Auslegung des Abschnitts aus dem Evangelium verwies Franziskus auf die Gestalt »jener alten Frau, die, die Ärmste, nicht wusste, wie sie von ihrer Krankheit geheilt werden sollte: Glauben hatte sie, jene Frau, und sie macht jenen Scherz: ›Wenn ich das Gewand Jesu berühre‹«. Denn sie dachte: »Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt«. Und Jesus »bemerkte« jene Geste der Frau, »denn Jesus merkte die Gesten der Leute«. Und »nie kam Jesus die Idee in den Sinn: ›diese ignoranten Leute, die nichts von Theologie wissen, diese abergläubischen Leute...‹, niemals!« Dagegen seine Frage als Hirt: »Wer hat mein Gewand berührt?« Und sofort die Zusicherung: »Keine Angst. Geh in Frieden. Dein Glaube hat dich geheilt«. Und »so löst er die Probleme«.

Franziskus riet zu einer Betrachtung auch des Moments, in dem im Bericht des Evangeliums »die Nachricht vom Tod des Mädchens kommt«. Zum Vater sagt Jesus »Fürchte dich nicht! Glaube nur!« Und er geht zum Haus des Kindes. »Es hat den Anschein, dass es Jesus gefällt«, erklärte der Papst, »den Schwierigkeiten, den Problemen entgegenzutreten, wenn ihn die Leute darum bitten«.

Bei der Ankunft in »jenem Haus« muss Jesus »den Eintritt bezahlen: den Eintrittspreis des Spotts, des Verlachtwerdens, denn da waren Leute, da waren die Klageweiber, die weinten und schrien, wie man das im Osten bei den Nachtwachen, bei den Totenwachen tat«. Und er bittet darum, nicht zu weinen, da das Mädchen schlafe und nicht tot sei. Mit diesen Worten ernte Jesus »Spott«, doch »wortlos geht er weiter, er zahlt mit der Anstrengung, mit der Müdigkeit, auch mit der Scham, er zahlt, um das Gute zu tun«.

Und »dann, am Ende, lässt er mit jener Geste das Mädchen zum Leben zurückkehren, und übergibt es seinen Eltern. Er sagt nicht: ›der Herr segne euch‹, er macht keine Zeremonie«. Er sagt einfach: »Man soll dem Mädchen etwas zu essen geben«. Im Übrigen, so erklärte Franziskus, »ist Jesus gegenüber kleinen Dingen aufmerksam: das kommt mir in den Sinn, wenn er den Sohn der Witwe con Naim auferweckt«. Und der Bericht aus dem »Evangelium endet so: ›Und er gab ihn seiner Mutter zurück‹«. Jesus »gibt, auch jene Tochter, er gibt«.

»Das sind für mich die Spuren der Handlungsweise Jesu, mit seinem Volk zu gehen, inmitten seines Volkes: Nähe und Zärtlichkeit«, unterstrich der Papst erneut. »Gott«, fügte er hinzu, »ist immer nahe bei seinem Volk gewesen, er ging mit seinem Volk; er war sehr zärtlich, wie eine Mutter: er selbst sagt es durch die Propheten. Und auch »Jesus, Gott und Mensch, lässt diese Nähe des Vaters real und konkret werden, und diese Zärtlichkeit auch«.

»Der Hirt wird am Tag seiner Priester- und Bischofsweihe mit dem Öl gesalbt«, erklärte der Papst. Doch »das wahre Öl, jenes innere, ist das Öl der Nähe und der Zärtlichkeit«. Jenem Hirten dagegen, »der es nicht versteht, nahe zu kommen, fehlt etwas: vielleicht ist er ein Herr auf seinem Feld, aber er ist kein Hirt«. Denn »ein Hirte, dem die Zärtlichkeit fehlt, wird ein rigider Hirte sein, der die Schafe knüppelt«.

»Nähe und Zärtlichkeit« seien also notwendig; das sähen wir im heutigen Tagesevangelium: »So war Jesus, und ein Hirte, wie es Jesus war, beendet seinen Tag müde, doch mit der Müdigkeit, dieses Gute zu tun«. Deshalb sind »Nähe und Zärtlichkeit« die »Haltungen eines wahren Hirten«.

»Heute könnten wir in der Messe für unsere Hirten beten«, legte Franziskus nahe, »auf dass der Herr ihnen diese Gnade schenke, mit dem Volk zu gehen, beim Volk mit viel Zärtlichkeit, mit viel Nähe gegenwärtig zu sein«. Und »wenn das Volk seinen Hirten findet, spürt es dieses Spezielle, das man allein in der Gegenwart Gottes spürt«. Dies rufe gerade der Abschlusse des Abschnitts aus dem Evangelium in Erinnerung, als die Empfindungen der Anwesenden beschrieben würden: »Die Leute waren ganz fassungslos vor Entsetzen«. Und das ist »das Staunen darüber, die Nähe und die Zärtlichkeit Gottes im Hirten zu spüren«.

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23. Mai 2018

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