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Gottes Wiegenlied

· Messe in Santa Marta ·

Gott ist für uns wie eine Mama, die uns zärtlich das Wiegenlied vorsingt und sich nicht davor fürchtet, womöglich vor lauter Liebe zu uns »lächerlich« zu wirken. Deshalb warnte Franziskus vor der »Versuchung, die Gnade in eine käufliche Ware zu verwandeln«, in der Gewissheit: »Wenn wir den Mut aufbrächten, unser Herz für diese Zärtlichkeit Gottes zu öffnen, wie viel geistliche Freiheit hätten wir dann doch!« Und um diese Erfahrung erleben zu können, empfahl der Papst im Laufe der Frühmesse, die er am Donnerstag, 11. Dezember, in der Kapelle des Hauses Santa Marta feierte, man solle die Bibel aufschlagen und den in der ersten Lesung des Tages vorgegebenen Abschnitt aus dem Propheten Jesaja (Kap. 41,13-20) lesen.

»Der Prophet Jesaja«, so merkte der Papst gleich an, »spricht über das Heil, darüber, wie Gott sein Volk errettet, und er kehrt zu diesem Bild zurück, zu dieser Wirklichkeit, die gerade in der Nähe Gottes zu seinem Volk besteht.« Im Übrigen »errettet Gott, indem er uns nahe kommt; er rettet nicht aus der Distanz: er nähert sich und geht mit seinem Volk.« Und »das ist das Heil Gottes«. So »hat er im Deuteronomium dem Volk klipp und klar gesagt: Sag mir, welches Volk kann sagen, dass ihm Gott so nah ist wie dir? Keines!«

»Gerade die Nähe Gottes zu seinem Volk ist es, was das Heil ausmacht.« Eine »Nähe, die vorangeht, weitergeht, bis sie unsere Menschheit annimmt.« Und »in diesem Abschnitt«, so erläuterte Franziskus, »»steht etwas, das uns vielleicht ein wenig lächeln lässt, aber es ist schön.« Tatsächlich sei »die Nähe so groß, dass Gott hier geradezu wie eine Mama auftritt, wie eine Mama, die ein Zwiegespräch mit ihrem Kind führt: eine Mama, wenn sie dem Kind das Wiegenlied vorsingt und sich einer kindlichen Stimme bedient und klein wird wie das Kind und so sehr im kindlichen Tonfall spricht, so dass es lächerlich erscheinen könnte, wenn man nicht verstünde, dass es da um etwas Großes geht.« In der Tat stehe in der Heiligen Schrift: »Fürchte dich nicht, du armer Wurm Jakob.«

»Wie oft«, so fuhr der Papst fort, »sagt eine Mama diese Dinge zu ihrem Kind, während sie es streichelt!« Es sei dieselbe Sprache, die wir auch in der Schrift fänden: »Zu einem Dreschschlitten mache ich dich, zu einem neuen Schlitten mit vielen Schneiden … ich werde dich groß machen…!« Und indem sie das sage, »streichelt« die Mutter das Kind, »und sie bringt es sich noch näher.« Aber auch »Gott tut das: das ist die Zärtlichkeit Gottes«, der »uns sehr nah ist, der sich durch diese Zärtlichkeit, die Zärtlichkeit einer Mama, ausdrückt«. Und das gelte »auch dann, wenn das Kind seine Mutter nicht will und sich wegdreht und weint.« So »weinte Jesus auf dem Berg, als er Jerusalem sah, denn das Volk hatte sich entfernt.« Aber »Gott präsentiert sich mit diesem Verhalten einer Mama: durch die Nähe.«

Und »das ist die Gnade Gottes«, so bekräftigte Franziskus. In der Tat »sprechen wir dann, wenn wir über die Gnade sprechen, von dieser Nähe.« Deshalb »handelt es sich dann, wenn einer sagt: ich befinde mich im Stand der Gnade, ich bin dem Herrn nahe oder ich lasse zu, dass sich der Herr mir nähert, um die Gnade!« Dagegen »wollen wir sehr oft, um sicher zu sein, die Gnade kontrollieren, so, als ob das Kind zu seiner Mama sagen würde: ›Aber gib doch endlich Ruhe, sei jetzt still, lass mich leben, alles in Ordnung, ich weiß, dass du mich liebst.‹« Aber »kann das Kind der Mutter Einhalt gebieten? Nein! Es lässt zu, dass es geliebt wird, weil es ein Kind ist. Dasselbe geschieht, wenn Jesus sagt: Das Himmelreich ist wie das Kind, das sich von Gott lieben lässt.« Und »das ist die Gnade!«

Franziskus warnte also vor der »Versuchung, die Gnade in eine käufliche Ware zu verwandeln«, der »wir im Lauf der Geschichte und auch in unserem eigenen Leben oftmals ausgesetzt waren.« Es gehe also darum, »diese Gnade, die eine Nähe ist, eine Nähe von Gottes Herz ist«, in »eine Ware oder etwas, das kontrolliert werden kann« zu verwandeln. Denn »wir wollen die Gnade kontrollieren.« Und »so sind wir dann, wenn von der Gnade die Rede ist, versucht, zu sagen: ›mir ist viel Gnade zuteil geworden, ja, ich bin im Stande der Gnade!‹. Aber was soll das heißen: Dass du dem Herrn nahe bist? ›Nein, ich habe auch eine reine Seele, ich bin im Stand der Gnade!‹« Es ende aber damit, dass »diese so schöne Wahrheit der Nähe Gottes zu einer geistlichen Buchhalterei wird: ›Nein, ich tue das, weil das mir 300 Tage der Gnade einbringt… Ich tue jenes andere, weil es mir dies und das einbringt, und so häufe ich Gnade an…›‹« Wenn man auf diese Art und Weise argumentiert, dann degradiert man die Gnade eben in »eine Ware«.

»Im Lauf der Geschichte«, so erläuterte der Papst, »ist diese Nähe Gottes zu seinem Volk verraten worden durch diese unsere egoistische Verhaltensweise, die Gnade kontrollieren zu wollen, sie zu etwas Käuflichem machen zu wollen.« Als »Beispiel« führte Franziskus die »Parteien zu Lebzeiten Jesu« an. Angefangen bei den »Pharisäern: in ihren Augen bestand die Gnade gerade darin, das Gesetz zu erfüllen, dem Gesetz zu folgen, und wenn ein Zweifel bestand, dann machte man ein neues Gesetz, damit dieses Gesetz verständlicher würde.« Aber auf diese Weise »hatten sie schließlich 300 oder 400 Gebote.« Und »eine Mama tut das nicht, wenn sie ihr Kind streichelt: es ist absolut unentgeltlich.« Dagegen »die Pharisäer haben mit der Unentgeltlichkeit Gottes eine Straße der Heiligkeit gebaut, die sie zu Knechten machte.« Gerade das sei der Grund dafür, dass »Jesus sie tadelte: ›Ihr ladet den Menschen Lasten auf, die sie kaum tragen können, viele Gesetze!‹« Wodurch sie »die Gnade Gottes, diese Nähe, zu einer käuflichen Ware machten.«

Dann seien da die »Sadduzäer« gewesen: ihres Erachtens habe die Gnade Gottes darin bestanden, »das Volk politisch mit den Besatzern zusammenleben zu lassen und politische Absprachen zu treffen«, wobei sie so argumentiert hätten: »aber es geht uns gut, das Volk macht weiter, so machen wir weiter… Das ist die Gnade, wir sind im Stand der Gnade Gottes, weil wir so weitermachen können…« Aber »Jesus tadelt« auch sie.

Und weiter habe es dann auch noch »die Essener« gegeben, die »gut waren, sehr gut, aber sie hatten große Angst, sie wollten nichts riskieren, und so zogen sie sich ins Kloster zurück, um zu beten.« Und so »wurde diese Gnade, die uns voranbringt, diese Nähe Gottes zu einer mönchischen Klausur im Kloster, aber es ist nicht mehr die Gnade Gottes.«

Die »Zeloten« ihrerseits hätten »gedacht, dass die Gnade Gottes gerade der Befreiungskrieg wäre, der Guerillakrieg zur Befreiung Israels.« Und das sei »noch eine weitere Art und Weise« gewesen, »die Gnade zur käuflichen Ware zu machen.« Aber, so bekräftigte der Papst, »die Gnade Gottes ist etwas ganz anderes: sie ist Nähe, sie ist Zärtlichkeit.« Und er riet zu einer »Regel«, die »immer gültig ist: wenn du in deinem Verhältnis zu Gott nicht spürst, dass Er dich zärtlich liebt«, dann bedeute das, dass »dir immer noch etwas fehlt, dass du noch nicht verstanden hast, was die Gnade ist, dass dir die Gnade noch nicht zuteil geworden ist, die diese Nähe ist.«

Franziskus wollte auch noch eine selbstgemachte Erfahrung mit seinen Zuhörern teilen, als er sich daran erinnerte, wie sich ihm vor vielen Jahren einmal eine Frau genähert habe und zu ihm gesagt habe: »Vater, ich möchte Ihnen eine Frage stellen, weil ich nicht weiß, ob ich beichten muss oder nicht.« »Am letzten Samstag«, so fuhr er in den Worten dieser Frau fort, »waren wir bei der Hochzeit von Freunden, und da war die Messe, und mein Mann und ich haben uns gesagt: Aber ist das recht, diese Messe am Samstag abend? Nützt sie? Gilt sie für den Sonntag? Wissen Sie, Vater, die Lesungen waren nicht dieselben wie am Sonntag, es waren die Lesungen für die Hochzeit, und ich weiß nicht, ob das nun gegolten hat, oder ob ich eine Todsünde begangen habe, weil ich am Sonntag nicht in die andere Messe gegangen bin.« Als sie diese Frage stellte, so erinnerte sich Papst Franziskus, »litt diese Frau.« Also »habe ich dieser Frau gesagt: ›Der Herr liebt Sie sehr: Sie sind hingegangen, haben die Kommunion empfangen, sie sind mit Jesus zusammengewesen… Ja, aber seien Sie beruhigt, der Herr ist kein Krämer, der Herr liebt, er ist uns nah.‹«

Auch »der heilige Paulus reagiert heftig, gegen diese Spiritualität des Gesetzes«, so bekräftigte Franziskus. In der Tat schreibe er: »Ich bin gerecht, wenn ich dies, das und jenes tue. Wenn ich das nicht tue, dann bin ich nicht gerecht.« Vielmehr »bist du gerecht, weil Gott sich dir genähert hat, weil Gott dich streichelt, weil Gott dir diese schönen Dinge voller Zärtlichkeit sagt: das ist unsere Rechtfertigung, diese Nähe Gottes, diese Zärtlichkeit, diese Liebe.« Und »unser Gott ist so gut«, dass er »gar Gefahr läuft, uns lächerlich zu erscheinen.« Deshalb, so bekräftigte der Papst, »wenn wir nur den Mut aufbrächten, unser Herz für diese Zärtlichkeit Gottes zu öffnen, wie viel geistliche Freiheit hätten wir dann! Wie viel!« Und er schloss mit einem praktischen Rat: »Wenn ihr heute ein wenig Zeit habt zuhause, dann schlagt die Bibel auf: Jesaja, Kapitel 41, Vers 13 bis 20, diese sieben Verse. Und lest sie!« Um auf diese Weise »diese Zärtlichkeit Gottes« tiefer zu ergründen, die Zärtlichkeit »dieses Gottes, der einem jeden von uns das Wiegenlied singt, so wie eine Mama.«

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8. Dezember 2019

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