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Franziskus
Arzt der Welt

· Sechs Jahre nach dem ersten »Brüder und Schwestern! Guten Abend!« ·

Vor sechs Jahren trat Jorge Mario Bergoglio auf die Loggia und sagte: »Brüder und Schwestern! Guten Abend!« – und nichts war mehr wie zuvor. Die Normalität war gelandet; sie war vor allem in den Herzen gelandet, hatte sie berührt und sie gelöst. Die Menschen verstanden sofort, dass eine andere, menschlichere Art zu leben, auch die Macht zu leben, möglich war.

Zwei Verben – berühren und lösen –, ohne die dieses Pontifikat schwer zu verstehen ist, haben wir schon gebraucht. Und noch ein Verb kann uns helfen: behandeln. Behandeln nicht nur im Sinne von heilen, sondern vor allem im Sinne von Sorge tragen, sich kümmern. Lesen wir jene ersten Worte noch einmal. Es sind freundliche Grußworte, die an alle und jeden gerichtet sind: nicht »liebe Brüder«, sondern Brüder und Schwestern, alle und jeder. Er ist darauf bedacht, die Geschlechter zu unterscheiden und diesen Unterschied hervorzuheben. Franziskus und seine Aufmerksamkeit gegenüber der Welt und gegenüber der Welt der Frauen: etwas spezifisch Christliches. Denn »die Kirche ist Mutter«, wie er erneut gesagt hat am Rande des von ihm selbst gewollten und organisierten Gipfels zum sexuellen Missbrauch Ende Februar dieses Jahres 2019, das bereits so reich war an außerordentlichen Ereignissen (man denke an die Begegnung mit dem Großimam Al-Tayyib in Abu Dabi). Sechs Jahre voll großer, großartiger Ereignisse, aber die Größe ist oft in den kleinen Dingen verborgen, wie Franziskus auf seiner Rückkehr aus Abu Dabi gesagt hat: Es gibt keine kleinen Geschichten, keine Geschichten ohne Würde und Schönheit, denn jeder Tag ist entscheidend.

Konzentrieren wir uns also ganz auf jenen Augenblick am 13. März 2013, als der neue Papst die Menschen ganz einfach gegrüßt hat – eine ganz kleine, alltägliche und bescheidene Geste, die jedoch abgründige Tiefen offenbart. Grüßen bedeutet, dem anderen Fürsorge, Aufmerksamkeit und letztlich Liebe entgegenzubringen. Wörtlich bedeutet es, ihm das Heil – »salus« – zu wünschen (»Salve!«) und so die Priorität des Lebens in Erinnerung zu rufen, dem anderen das Wichtigste überhaupt zu wünschen, die eigene Freude über die Begegnung zu zeigen, das Glück über die Existenz des anderen, den Wunsch, den anderen leben zu lassen, ihn gehen zu lassen, ohne ihn besitzen zu wollen. All das liegt in jedem einfachen Gruß. Wir sind hier auf dieser Erde, als Brüder und Schwestern, und wir brauchen das Heil, und eben das ist das zentrale Geheimnis des Katholizismus: die Tatsache, dass Gott, der Vater, »für uns Menschen und zu unserem Heil« Mensch geworden ist.

Leider ist die Bedeutung der Worte schon lange in Vergessenheit geraten, und die antike »salus« ist vom »Heil« zur reinen »Gesundheit« verkommen. Die Religion von heute ist das Gesundheitsstreben, nach dem Heil verspürt man kein Bedürfnis mehr. Franziskus hat das in der tiefgehenden Predigt am Aschermittwoch indirekt kurz erwähnt: »Jeder von uns kann sich fragen: suche ich auf meinem Lebensweg nach dem Kurs? Oder begnüge ich mich damit, in den Tag hinein zu leben, nur an mein Wohlergehen zu denken, einige Probleme zu lösen und ein wenig Spaß zu haben? Welches ist der rechte Kurs? Vielleicht das Streben nach Gesundheit, von der oft gesagt wird, sie sei das Wichtigste, obwohl sie früher oder später doch schwindet? Vielleicht Besitz und Wohlstand? Aber dafür sind wir nicht auf der Welt.«

Die Gesundheit ist »das Wichtigste«. So sagt man ganz automatisch, aber der Papst ist gekommen, um uns von den »Automatismen« zu entfernen, uns aus den – meist gedanklichen und ideologischen – Fesseln zu lösen, die uns daran hindern, auf natürliche Weise voranzugehen, vielleicht sogar mit erhobenem Haupt, als Menschen. Er ist gekommen, um uns zu sagen, was wirklich »das Wichtigste« ist (für die Christen ist es eine Person). Und so, indem er uns berührt, und löst und für uns Sorge trägt, rehabilitiert er uns, macht er uns wieder fähig, normal und menschlich zu gehen. Dieses sechs Jahre Papst Franziskus waren eine große Übung zur Rehabilitierung, mit all der Mühe und den Widerständen, die jede Rehabilitierung mit sich bringt. Wie oft hat uns der Papst als Übung in der Katechese ein Wort, eine Geste wiederholen lassen, alle gemeinsam, um in unserem Verstand und in unserem Handeln jene »Prozedur« zu verankern, die er in seiner Weisheit geduldig darbietet, die er allen vorschlägt, wie ein bereits älterer, aber energischer »Physiotherapeut«!

Wenn man den Papst anschaut, dann erkennt man das Profil eines Arztes, eines Pfarrers: Er trägt Sorge für die Seele und den Leib der am anvertrauten Schafe und mischt sich unter sie, bis er ihren Geruch angenommen hat. Franziskus bricht auf und bereist die ganze Welt, bewaffnet nur mit jener kleinen Aktentasche, die er bei sich trägt: Er scheint wirklich wie ein Arzt, der zu dir nach Hause kommt, um dir die Behandlung zukommen zu lassen, die du brauchst. Und er ist nicht irgendein Arzt und auch kein Facharzt, der nur auf einen bestimmten Bereich der Medizin spezialisiert ist. Nein, Franziskus ist ein Hausarzt. Er kommt zu dir und kann dich behandeln, weil er dich kennt. Er kennt deine Geschichte, er kennt dich von Geburt an, und er kennt das Netz der Beziehungen, die dich zu dem gemacht haben, was du bist, denn er ist ein Mann der Kirche, jener Kirche, die nach dem Wort seines geliebten Paul VI. »Expertin in Menschlichkeit« ist. Und du öffnest dich ihm, weil er »dein« Arzt ist, dein Hausarzt; er gehört zur Familie. Du vertraust ihm, er weiß, wo er schauen muss, welchen Körperteil er berühren muss, um in wenigen Minuten zu verstehen, woran zu leidest, und dir eine Behandlung anzuraten, dir das Heilmittel zu verschreiben. Denn er ist kein erbärmlicher Arzt, kein »Söldner«, sondern ein guter, gewissenhafter Arzt, der in der Lage ist, auch bittere und sehr aufwändige Behandlungen zu verschreiben, wenn sie nützlich sind (und wie viele Proteste gibt es gegen diesen guten Arzt!). Und heute bedarf es einer »Rosskur«.

Außer den drei Verben gibt es noch ein Adjektiv, das die Bedeutung dieses Pontifikats anschaulich wiedergibt: dringend. Franziskus macht nicht halt, er läuft unablässig an das Krankenbett einer schwerkranken Welt. Und er zieht unter den verschiedenen Kranken keinen vor; er weiß, dass die ganze Welt in den Wehen liegt und dass er das Oberhaupt der Kirche ist, dieses großen Feldlazaretts, das sich keine Ferien erlauben kann. Die Behandlung muss sofort, schnell erfolgen; man muss eingreifen bevor die Situation chronisch wird. Sein Vorgehen ist bekannt: Sobald er ankommt, fühlt er den Puls des Kranken. Wenn die Krankheit das Herz angegriffen hat, dann ertastet er den Puls, der scheinbar so fern ist. Aber so kontrolliert man den Kreislauf und damit das Herz: Man geht nicht ins Zentrum, sondern in die Peripherie. Er hat uns erklärt, dass die Peripherie das Zentrum ist, dass man von dort aus aufbrechen muss. Nach der Untersuchung folgt die Diagnose: Herzverkalkung, die Arterien sind verkrustet. Es ist eine bösartige Krankheit, der Böse, der bekämpft und bezwungen werden muss. Und nach der Diagnose kommt die Behandlung.

In diesem dramatischen Szenario weiß dieser kleine Pfarrer (vielleicht ein Landpfarrer, wie Bernanos es wollte), wessen es bedarf. Das Gebet ist hier dringend notwendig und vor allem eine unschlagbare Arznei: die Barmherzigkeit. Dieses Wort schenkt uns dieses nunmehr sechsjährige Pontifikat: ein großes, glühendes Wort. Wir müssen noch lernen, damit umzugehen, aber in Behandlung bei Franziskus, dem Arzt der Welt, können wir es uns zu eigen mache. Und vor allem können wir es anderen zurückgeben, für einen gesünderen, natürlicheren, menschlicheren Kreislauf.

Andrea Monda

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21. Mai 2019

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