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​Fast schon eine kleine Enzyklika

Die verschiedenen Augenblicke des Besuchs, den Papst Franziskus Bolivien abstattete, sind eine erneute Bestätigung des innovativen und grundsätzlichen Charakters seiner Reisen. In Übereinstimmung mit der Entscheidung Pauls VI. – der zwischen 1964 und 1970 neun symbolträchtige Reisen in alle fünf Kontinente unternahm, die in der Folge auch von seinen Nachfolgern besucht wurden –, und selbstverständlich in der Absicht, die Freude des Evangeliums (evangelii gaudium) zu bezeugen. Eben diese Freude hatte der Erzbischof von Buenos Aires sowohl in dem kurzen Beitrag beschrieben, den er im Lauf der vorbereitenden Zusammenkünfte für das Konklave hielt, aus dem er als Papst hervorgehen sollte, als auch in dem großen programmatischen Dokument seines Pontifikats.

Das ist die radikal missionarische Perspektive, aus der die schlichten und beredten Gesten Bergoglios zu verstehen sind, der auf diese Art und Weise die weltweite Präsenz der katholischen Gemeinschaften und deren gemeinschaftliche Bande stärkt. Gerade so, wie er es bei dieser Rückkehr in seine Heimat Lateinamerika tut, das »große Vaterland«, das er offenkundig bestens kennt. So also erklären sich die große Zuneigung, mit der der Papst empfangen wird, wie auch das Interesse, auf das seine Worte stoßen, die dadurch wirken, dass sie, wie er gerne sagt, unter oft schwierigen Umständen ständig auf das reine Evangelium verweisen.

Das war der Fall auch bei der Messfeier, mit der der Papst den Eucharistischen Kongress eröffnet hat, wo er den Blick Jesu beschrieb, der das Leben der Seinen sehr wichtig genommen habe: »Er schaut ihnen in die Augen und liest daraus ihr Leben, ihre Empfindungen ab.« Jesus, der uns auf dieselbe Art und Weise »gesehen hat«, wie er den blinden Bartimäus angesehen habe, »wie wir auf unserem Schmerz, auf unserem Jammer sitzen«, wie Bergoglio sagte, als er vor den Ordensfrauen, dem Klerus und den Seminaristen sprach. Und er betonte, dass »wir keine Zeugen einer Ideologie, eines Rezepts, einer Art und Weise, Theologie zu machen« seien, sondern vielmehr »Zeugen der heilenden und barmherzigen Liebe Jesu«.

Das Evangelium selbst ist die Inspiration der überaus langen Ansprache – sie dauerte eine Stunde lang und wurde an die sechzig mal von Applaus unterbrochen –, mit der der Papst das 2. Welttreffen der Volksbewegungen schloss: geradezu eine kleine Enzyklika, die sich mit einer neuen Art von Sprache in die katholische Soziallehre einfügt: »Weder der Papst noch die Kirche besitzen das Monopol zur Interpretation der sozialen Wirklichkeit«, denn es seien die aufeinander folgenden Generationen, die die Geschichte im Kontext von Völkern schreiben, »die fortschreiten, indem sie ihren eigenen Weg suchen und die Werte achten, die Gott in unsere Herzen gelegt hat«.

Unter Verweis auf die Bibel, das Beispiel der Jungfrau Maria und jenes des Franz von Assisi und indem er den heiligen Basilius, Johannes XXIII., Paul VI. und die lateinamerikanischen und afrikanischen Bischöfe zitierte, betonte der Papst, dass der Kirche bei der Verkündigung des Evangeliums ein Veränderungsprozess eines globalen Systems der Ungerechtigkeit und neuer Kolonialisierungen »weder fremd sein kann noch darf«, den er als notwendig, positiv und »befreiend« bezeichnete. Und im Hinblick auf mögliche Kritik, die sich auf »vergangene und gegenwärtige« Sünden gegen die eingeborenen amerikanischen Völker beziehen konnte, wiederholte Bergoglio die bereits von Johannes Paul II. vorgebrachte Bitte um Vergebung.

Zugleich – und mit neuen Akzenten – forderte Papst Franziskus, dass sowohl die Gläubigen als auch Nichtglaubende anerkennen müssten, wie viel die Kirche getan hat und noch tut, wobei sie »bis zum Martyrium gehe«, um Zeugnis für das Evangelium abzulegen: ihre Söhne und Töchter seien in der Tat »Teil der Identität der Völker Lateinamerikas«. Eine Identität, die man heutzutage in vielen Teilen der Welt auslöschen wolle, weil »unser Glaube revolutionär ist« in seiner Herausforderung an den Götzendienst des Geldes, so der Papst. Und er prangerte erneut die Verfolgungen und Massaker an, denen die Christen im Nahen Osten und anderswo ausgesetzt sind, und bezeichnete sie als »eine Art Völkermord«.

Giovanni Maria Vian

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20. April 2019

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