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Europa muss wieder zum Geist seiner
Anfänge zurückfinden und sich mehr
um die Menschen kümmern

· Der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella hat den vatikanischen Medien dieses Interview gewährt ·

»Es treten intolerante Einstellungen zutage, aber in Italien herrscht immer noch die Solidarität vor« »Die von Franziskus und vom Großimam von Al-Azhar abgegebene Erklärung über die Brüderlichkeit aller Menschen ist von großer Bedeutung dafür, der Hasspredigt des Terrorismus die Grundlagen zu entziehen«

In Italien herrschen nach wie vor »Initiativen und Verhaltensweisen vor, die von sehr viel Solidarität zeugen«, auch wenn »wieder lautstark intolerante, aggressive und den Bedürfnissen anderer gegenüber verschlossene Einstellungen zutage treten« und man verhindern sollte, dass sich gewisse Phänomene »auf internationaler Ebene« miteinander verbünden. Es wäre daher gut – und würde auch der Aufforderung des Papstes nachkommen –, wenn der Alte Kontinent zum Geist seiner Gründerväter zurückfände: »Europa muss wieder zum Geist seiner Anfänge zurückfinden. Es muss sich mehr um die Menschen kümmern.« Das hat der italienische Staatspräsident, Sergio Mattarella, im Verlauf eines umfassenden, den vatikanischen Medien (L’Osservatore Romano, Radio Vatikan, Vatican News) gewährten Interview bekräftigt. Das Staatsoberhaupt sprach über die »in jeder Hinsicht hervorragenden« Beziehungen zwischen Italien und dem Heiligen Stuhl, und im Zusammenhang mit der Erklärung von Abu Dhabi, die Franziskus und der Großimam von Al-Azhar unterzeichnet hatten, im Interesse des Friedens in der Welt über die Bedeutung des Dialogs zwischen den Religionen.

Herr Präsident, die existentielle Dimension Ihrer Ansprachen, denen angesichts der Krise der Beziehungen immer ein Gefühl der Dringlichkeit zu entnehmen ist, macht betroffen: das soziale Gefüge scheint oft zerrüttet, Verbindungen abgebrochen, die Einsamkeit der Aspekt, durch den sich unsere Städte auszeichnen. Ist das Ihres Erachtens eine Priorität im Hinblick auf die Probleme des Landes und eine Angelegenheit, mit der sich die Politik beschäftigen muss?

Ja, das ist die größte Sorge, die meines Erachtens noch genährt werden muss: dass Italien wieder in vollem Umfang den Sinn und die Bedeutung dessen wiederfindet, was es heißt, sich als Lebensgemeinschaft zu fühlen. Italien registriert in seinem Inneren eine große Zahl von Initiativen und Verhaltensweisen, die sich durch große Solidarität auszeichnen; und diese Wirklichkeit ist deutlich vorherrschend. Aber es treten auch wieder lautstark intolerante, aggressive und den Bedürfnissen anderer gegenüber verschlossene Einstellungen zutage. Das sind Phänomene, die eine Minderheit betreffen, die es in Wirklichkeit immer schon gegeben hat, aber die Bedenken, die deren Manifestation früher bremsten, scheinen schwächer geworden zu sein. Es handelt sich hierbei keineswegs nur um ein Phänomen, das auf unser Land beschränkt ist: dasselbe gilt für ganz Europa und auch für andere Kontinente. Dem gesellt sich noch ein anderer Aspekt hinzu, der nicht mit dem verwechselt werden darf, was ich soeben ausgeführt habe: die Folgen des großen sozialen Elends, das durch die ökonomisch-finanzielle Krise des letzten Jahrzehnts hervorgerufen wurde und das, wenn wir es recht bedenken, keineswegs nur in Italien, durch den Transfer immer größerer Summen von der Realwirtschaft in Richtung einer spekulativen Finanz verursacht wurde; durch die starke Zunahme des Abstandes zwischen den Superreichen und der großen Mehrheit der Bevölkerung. Auch die Veränderungen in der Welt der Arbeit, die Folgen der Globalisierung und der neuen Technologien – beides im Übrigen in vielerlei Hinsicht positive Umstände – tragen dazu bei, im sozialen Gefüge Ungewissheit und Unsicherheit aufkommen zu lassen. So haben sich nach Aussage der Wissenschaft existentielle, und nicht nur territoriale, Peripherien entwickelt. Orte des Leidens und des Elends, das Ergebnis eines Verlustgefühls, das in weiten Kreisen verbreitet ist. Eines Verlustgefühls, das noch durch das Verschwinden aggregierender Subjekte in verschiedenen Teilen der Gesellschaft betont wird – von den verschiedenen Realitäten der Verbände bis hin zu politischen Parteien – oder ihrer geringer gewordenen Fähigkeit zuzuschreiben ist, attraktiv bzw. repräsentativ zu sein. Notwendigerweise muss verhindert werden, dass diese untereinander so verschiedenen Phänomene sich miteinander verbinden können und dadurch Situationen der Angst, der gegenseitigen Aversion, der Konflikte zwischen Personen, sozialen Gruppierungen bzw. Territorien innerhalb eines jeden Landes hervorrufen. Ein Umstand, der sich, wie manche Signale bereits anzeigen, auf die internationale Ebene verlagern würde. Angesichts all dessen gibt es allerdings, wie ich wiederholen möchte, das Vertrauen, das all dem Positiven zuzuschreiben ist, das in unserer Gesellschaft verbucht wurde, und das ist viel.

Wie würden Sie heute die Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und dem italienischen Staat definieren? Was ist Ihres Erachtens der Beitrag, den die Kirche zum Leben der Nation beisteuert?

Die Beziehungen sind in jeder Hinsicht hervorragend und – wie die Verfassung sagt – handelt jeder gemäß seinem jeweiligen Auftrag. Es wird in vollstem Umfang zusammengearbeitet, in jedem Bereich und auf allen Gebieten, auf denen die Aktivitäten des Heiligen Stuhles und des italienischen Staates miteinander zu tun haben, sowohl in nationalen wie internationalen Gremien. Was den Beitrag der Kirche zum Leben Italiens anbelangt, so muss natürlich, als Subjekten und als Operativität, unterschieden werden zwischen den zwei verschiedenen Dimensionen, in denen sich der Heilige Stuhl und die Kirche präsentieren. Im ersten Fall wird dem Lehramt von Papst Franziskus sehr viel Aufmerksamkeit zuteil und es übt einen gewichtigen Einfluss auf unsere Bürger aus, auch aufgrund der Zuneigung, die sie ihm entgegenbringen. Franziskus ist für die Italiener gleich zu einem Bezugspunkt geworden. Die italienische Kirche leistet ihrerseits einen großen Beitrag zur Gesellschaft unseres Landes, und zwar nicht nur auf spiritueller Ebene, sondern auch durch ihren Beitrag zur Verwirklichung der Ziele, die unsere Verfassung vorgegeben hat. Es gibt Grund zu Dankbarkeit für die Präsenz der italienischen Kirche auf kultureller, erzieherischer und sozialer Ebene. Die unzähligen Initiativen von Diözesen, Pfarrgemeinden, Verbänden zugunsten der Schwächsten, der Ausgegrenzten, derer, die darum bitten, angehört und aufgenommen zu werden, sind konkret und evident; und sie stellen einen ständigen Aufruf dar, der Erfordernis nach gegenseitiger Hilfe im Alltagsleben nachzukommen, um den Zusammenhalt unserer Gemeinschaft zu verstärken.

Papst Franziskus hat am Anfang dieses Jahres 2019 zwei Reisen in mehrheitlich muslimische Länder unternommen. In den Vereinigten Arabischen Emiraten hat er gemeinsam mit dem Großimam von Al-Azhar eine anspruchsvolle Erklärung zur Brüderlichkeit aller Menschen unterzeichnet. Wie wichtig ist dieser Dialog unter den Religionen im Hinblick auf den Weltfrieden?

Die Religionen spielen auf der internationalen Bühne zunehmend eine Rolle. Während das auf anderen Kontinenten immer schon so war, so sehen wir das heute auch in Europa in zunehmendem Maße. Diese Zunahme ihres Einflusses ist von großer Bedeutung dafür, der Welt gegenseitiges Verstehen und Frieden zu gewährleisten. Die geistigen Führer genießen Ansehen und haben in den verschiedenen Bevölkerungen eine große Anhängerschaft. Der wechselseitige Respekt und der Dialog zwischen den verschiedenen Religionen – die von Frieden und Brüderlichkeit sprechen – sind wesentliche Voraussetzungen; und sie stellen das wichtigste Gegengift gegen den Extremismus dar, der versucht, religiöse Gefühle zu instrumentalisieren. Diese Versuche, sie im Interesse politischer und machtpolitischer Zielsetzungen zu instrumentalisieren, hat es immer gegeben. Der islamistisch geprägte Terrorismus ist Teil dieses uralten Phänomens, das leider dank moderner Mittel im Hinblick auf die Folgen seiner Strategie und kriminellen Aktivität noch verstärkt wurde. In den vergangenen Tagen hat er erneut zugeschlagen, in Burkina Faso, im Irak, in Afghanistan. Dazu gesellen sich noch Gewalttätigkeiten und Attentate suprematistischer Prägung, wie jenes in Christchurch in Neuseeland, das muslimischen Gläubigen galt. Die von Papst Franziskus und vom Großimam von Al-Azhar unterzeichnete Erklärung über die Brüderlichkeit aller Menschen hat sowohl auf der Ebene der Prinzipien als auch ganz konkret eine enorme Bedeutung dafür, die Grundlagen der Hasspredigten des Terrorismus aus dem Weg zu räumen, der sich missbräuchlich religiöser Begründungen bedient. Dasselbe gilt für die Geste, die Papst Franziskus in Bangui gemacht hat: dass er bei seinem Besuch in der Zentralafrikanischen Republik aus Anlass der Eröffnung des Heiligen Jahres den Imam jener Stadt mit in sein Papamobil hat einsteigen lassen. Es war eine großartige Geste, die von hoher kommunikativer Effizienz war und eine große Öffnung bewirkt hat. Dazu anzuhalten, die authentischen und tiefen Wurzeln der Religionen wiederzuentdecken – und dafür zu arbeiten, dass zwischen ihnen ein Klima des Dialogs und der Brüderlichkeit herrscht –, heißt, ganz konkret für die Friedenssicherung in der Welt und für die Sicherheit aller Menschen zu arbeiten. Der Einsatz der Staaten zur Bekämpfung des Terrorismus ist notwendig und kann ihn erfolgreich bekämpfen, aber es ist die Erziehung der Gewissen und Mentalitäten, die ihm definitiv den Garaus machen kann.

Papst Franziskus hat gesagt: »Der erste und vielleicht größte Beitrag, den die Christen zum heutigen Europa leisten können, besteht darin, ihm in Erinnerung zu rufen, dass es keine Ansammlung von Zahlen oder Institutionen ist, sondern dass es aus Menschen besteht.« Wie wichtig ist es, den Sinn für Europa als Gemeinschaft wiederzufinden, und was kann man dafür tun, dass die neuen Generationen ihn wiederentdecken?

Im Monat Januar hat mir Bundespräsident Steinmeier die Idee eines Aufrufs zur Beteiligung an den bevorstehenden Wahlen für das Europaparlament dargelegt: ich habe dieser seiner Initiative sofort zugestimmt, und in den vergangenen Tagen ist dieses Dokument erschienen, das von allen Präsidenten der Republiken der Union unterzeichnet wurde. Dort steht, dass die europäische Integration die beste Idee ist, die wir auf unserem Kontinent je hatten. Diese so entschiedene Aussage leitet sich aus der Überzeugung ab, dass die Union kein Komitee für Wirtschaftsinteressen ist, das von den Kriterien des Soll und Habens reguliert wird, sondern dass sie eine Wertegemeinschaft ist. Diese Überzeugung ist die einzige, die wirklich der historischen Entscheidung der Gründer der ersten Organismen der Gemeinschaft entspricht. Das wird, manchmal vielleicht auch nur unbewusst, aber sehr wirksam, vor allem von zwei Generationen wahrgenommen: den Ältesten, die sich noch daran erinnern, welcher Zustand vor dieser Entscheidung in Europa herrschte, und von den Allerjüngsten, die frei von Trapani nach Helsinki und von Lissabon nach Stockholm reisen können. Sehen Sie, alle sollten darüber nachdenken, was zwei schreckliche Weltkriege, die vor allem in Europa ausgetragen wurden, angerichtet haben; und was es hieß, in einem Europa zu leben, das vom Eisernen Vorhang in zwei geteilt war, mit der Berliner Mauer, mit der stets vorhandenen Angst vor einem verheerenden Atomkrieg. Als junger Mann war ich in Berlin, das damals noch geteilt war. Meine Frau und ich wollten das wunderbare Pergamonmuseum besuchen, das in Ostberlin lag: Wir sind über die Grenze gegangen und haben die Mauer passiert, und das Gefühl der Beklommenheit, das man dabei empfand, und die Wahrnehmung der schweren Zerrissenheit dieser Stadt hat sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingegraben. Manchmal vergisst man, welchen Wert die Verhältnisse haben, unter denen wir heute leben, und wie viel Mühen und Opfer sie gekostet haben: Wir sollten immer daran denken, dass diese Verhältnisse, so unvollkommen sie auch sein mögen, erhalten und konsolidiert werden müssen; und dass sie keineswegs selbstverständlich und irreversibel sind. Ich meine, dass die jungen Generationen das gut verstanden haben, die im digitalen Zeitalter aufgewachsen sind, mit europäischem Roaming, low cost-Flügen und des Erasmus-Programmen. Junge Menschen, die sich, auch ohne das eigens zu erklären, nicht nur als Bürger ihres jeweiligen Landes, sondern auch als Europäer verstehen. Sie nehmen dieses »europäische Haus« wahr. Das soll nun nicht heißen, dass in der Union alles funktioniert. Das Bild ihrer Institutionen ist bei weiten Teilen der europäischen Wählerschaft keineswegs immer positiv, auch wenn es oft der Egoismus der Staaten – und also nicht der Institutionen – ist, der den Traum von Europa bremst. Im Hinblick auf einige Aspekte erweckt die Entwicklung des Lebens der Union – auch aufgrund der Bremse, die einige Länder gezogen haben – den Eindruck, zum Stillstand gekommen zu sein, wie eine Art von Routine; als sei man zufrieden mit dem bereits Erreichten, als sei der Plan für Europa bereits verwirklicht worden.

Das hat den historischen Entwurf, die Perspektive und die ideale Spannung der Integration deutlich beeinträchtigt. Papst Franziskus weist weise auf den eigentlichen Kernpunkt der Frage hin. Europa muss wieder zum Geist seiner Anfänge zurückfinden. Es muss sich in stärkerem Maße um die Menschen kümmern. Es muss eine immer größere Zusammenarbeit, gleiche Bedingungen und Wirtschaftswachstum garantieren, aber das kann in Wirklichkeit nur durch ein kulturelles, ziviles und moralisches Wachstum verwirklicht werden.

Finden Sie nicht, dass Italien ein Land ist, das mitunter in den Massenmedien und auch seitens der Institutionen schlecht hingestellt wird? Können Sie uns sagen, wie Sie unser Land von Ihrem privilegierten Standpunkt aus sehen?

Aufgrund meines Amtes mache ich viele Staatsbesuche in anderen Ländern und empfange im Quirinal viele Staatsoberhäupter. Ich registriere immer und überall ein großes Interesse an Italien, eine mit viel Nachdruck vorgebrachte Bitte um Zusammenarbeit. Das gilt für jedes Gebiet: Kultur, Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, aber auch Militär, zur Verteidigung des Friedens. Unser größtes Truppenkontingent steht im Libanon, es wird von allen einander opponierenden Parteien geschätzt, denen es garantiert, dass es zu keinen gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt. Das Image Italiens und die Meinung, die man im Ausland von ihm hat, sind weitaus positiver als das, was wir selbst über uns denken. Aber was ich vor allem hervorheben möchte ist der ermutigende Eindruck, den ich bei den vielen Besuchen, die ich unseren Städten und Regionen abstatte, gewinne, wie auch bei den zahlreichen Gelegenheiten zu Begegnungen, die ich Tag für Tag hier im Quirinal habe. Es ist ein privilegierter und umfassender Beobachtungspunkt. Unser Land ist voll von positiven Energien, Verhaltensweisen, Initiativen, Engagements; von Solidarität, großzügiger Bereitschaft, Opfer zu bringen, Pflichtbewusstsein, Hilfsbereitschaft und Neigungen, sich der Interessen aller, des Gemeinwohls, anzunehmen. Natürlich gibt es, wie überall, auch weit mehr als das. Es gibt, worauf ich eingangs angespielt habe, auch gravierende und mit Strenge zu ahndende Verhaltensweisen. Aber wenn wir die Waagschalen anschauen, ist die weitaus gewichtigere jene der Großzügigkeit und Pflichterfüllung. Dafür bin ich unseren Mitbürgern dankbar.

Von Andrea Tornielli und Andrea Monda

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21. Oktober 2019

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