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Entscheidungen über die Zukunft der Kirche

· Interview mit Sr. Carmen Sammut, Präsidentin der Internationalen Union der Generaloberinnen (UISG) ·

Ordensfrauen sehen meist jünger aus, als sie sind, da sie ein faszinierendes Leben führen und es mit immer neuen Erfahrungen zu tun haben. Darüber denke ich nach, als ich auf dem Weg zu meinem Interview mit Carmen Sammut, Präsidentin der UISG (Internationale Union der Generaloberinnen), im Amtssitz der Organisation am dem Vatikan fast genau gegenüberliegenden Tiberufer bin. Trotz der strategisch günstigen Lage sind die Kontakte zur kirchlichen Hierarchie nicht gerade viele: eine Begegnung alle sechs Monate, die am Sitz der Kongregation für die Ordensleute stattfindet, in Gegenwart der Vertreter der entsprechenden Union der Männerorden. »Mit der Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens haben wir aus Anlass des Jahrs des geweihten Lebens Begegnungen gehabt«, so Sammut. »Wir arbeiten gemeinsam an den Änderungen, die an einem Dokument aus den 1970-er Jahren anzubringen sind, das die Beziehungen zwischen den Ordensinstituten und den Bischöfen regelt. Ein Dokument, das fast ausschließlich auf die Männer zugeschnitten ist, das sich mit den Beziehungen der Kleriker untereinander befasst. In dem neuen Dokument, das derzeit in Arbeit ist, hoffen wir hingegen auch die Grammatik eines neuen Verhältnisses zwischen den Ordensfrauen und den Hierarchien, zwischen Frauen und Männern mit einfließen lassen zu können.«

Sr. Carmen nimmt kein Blatt vor den Mund und ist eine Kämpfernatur, ihre Augen blitzen höchst lebendig, verraten große Pläne und Hoffnungen. Die Vereinigung, die sie leitet und die vor 50 Jahren gegründet wurde, um den Informationsaustausch unter den zahlreichen weltweit tätigen Frauenorden zu koordinieren und zu intensivieren, ist, so erläutert sie sofort, vor allem im Bereich der religiösen Gemeinschaften des aktiven Lebens aktiv. Ihr gehören nahezu 2000 Generaloberinnen an, die den verschiedenen Ländern nach in Vereinigungen aufgeteilt sind: zehn in Amerika, acht in Europa, zehn in Afrika, acht im Nahen Osten, Asien und Ozeanien. Und Carmen ist natürlich auch Generaloberin ihrer eigenen Kongregation, der Missionsschwestern Unserer Lieben Frau von Afrika (SMNDA), der sie im Alter von 22 Jahren beitrat.

Wann haben Sie die Berufung zum geweihten Leben vernommen?

Ich bin in Malta in einer maltesischen Familie zur Welt gekommen und habe studiert, um Lehrerin zu werden. Meine erste Berufung galt Afrika, danach kam die für das geweihte Leben hinzu, und ich habe sie dadurch miteinander vereint, dass ich mich für eine Ordensgemeinschaft entschieden habe, die es in Malta nicht gab, die aber in Afrika vertreten war. Die ersten Schwestern, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts in Algier zusammenschlossen, wurden »Weiße Schwestern« genannt wegen ihrer langen Gewänder und des Schleiers: von hinten konnte man sie nicht von muslimischen Frauen unterscheiden. Nach einer Vorbereitungszeit in London war ich zwei Jahre lang in Malawi, um meine beiden Berufungen zu überprüfen. Dann kam das Noviziat in Kanada.

Wie seltsam: Was hat Kanada mit einer Ordensgemeinschaft zu tun, die in Algerien für Afrika entstanden ist?

Weil es eine Kanadierin war, die uns vor dem Beschluss des Bischofs von Algier rettete, uns aufzulösen, da er uns für die Aufgabe, die wir uns vorgenommen hatten, ungeeignet hielt. Er hatte uns verboten, neue Postulantinnen aufzunehmen, aber dann ist nach einer langen Reise Adelaide aus Kanada eingetroffen, und es war unmöglich, sie abzulehnen. Es hat seit den Anfängen eine kleine Gruppe von Malteserinnen in der Kongregation gegeben.

Wie ist es Ihnen in Malawi ergangen?

Bestens! Ich unterrichtete Englisch und lebte mit 120 jungen Schülerinnen zusammen. Aber ich habe mich auch sehr wohl gefühlt, als ich nach Algerien ging, um endlich im kleinen Ort Bechar, der 1100 km von Algier entfernt liegt, das Verhältnis zu den Muslimen zu erleben. Wir waren zwei Ordensfrauen, die in einer weiterführenden Schule in einem nur von Muslimen bewohnten ärmeren Viertel unterrichtet haben. Sie haben uns die schwierigsten Fälle anvertraut, weil sie dachten, dass wir als Christinnen hätten wissen müssen, wie wir mit ihnen umgehen müssten. Es war wirklich ein Dienst an den Ärmsten der Armen.

Sind Sie bei Ihren Beziehungen zu Muslimen auf Probleme gestoßen?

Niemals. Sie haben uns respektiert, sie haben uns in einem gewissen Sinne dabei geholfen, für unser Christsein Zeugnis abzulegen. Und sie halfen uns zu spüren, dass auch wir in ihrer Gesellschaft als Sauerteig wirken können. Ich habe dort eine Geschichte erlebt, die ich für exemplarisch halte, weil sie zu verstehen hilft, was interreligiöse Beziehungen sind: Ich hatte mit einer jungen Arbeiterin Freundschaft geschlossen, die morgens den gleichen Weg zur Arbeit nahm wie ich. Der Winter war sehr kalt, und ich hatte keine Handschuhe, sie aber schon. Eines Morgens hat sie mir einen ihrer Handschuhe angeboten und gesagt: So kann jede von uns eine Hand in die Tasche stecken, und die andere mit dem Handschuh vor der Kälte schützen!

Hatten Sie bereits Arabisch gelernt?

Ich hatte es in Rom studiert, am Päpstlichen Institut für Arabische und Islamische Studien, in zwei Phasen von 1983 bis 1989. Dann bin ich für drei Jahre nach Mauretanien gegangen, in die Hauptstadt: Auch dort habe ich Englisch unterrichtet, Christen gab es sehr wenige. Dann war ich in Tunesien, von 1989 bis 2000. Ich war sechs Jahre lang Administratorin unserer Provinz, also reiste ich sehr viel, ich bin auch im Jemen gewesen. Dann wieder in Tunesien, wo ich nicht unterrichtet habe, sondern mich um eine Bibliothek gekümmert habe, in die nachmittags die tunesischen Mädchen kamen, um zu lernen. Ich habe mich dafür engagiert, der Bibliothek arabische Texte zu besorgen, um die Mädchen bei ihren Studien betreuen zu können. Im Jahr 2000 bin ich auf sechs Jahre zur Provinzialoberin der Provinz Nordafrika (Algerien, Tunesien, Mauretanien) gewählt worden, die in Algerien ihren Sitz hatte.

Sie haben sich also um sehr unterschiedliche Projekte gekümmert, haben viele Aufgaben gehabt…

Ja. Als 2006 die Erfahrung als Provinzialoberin zu Ende ging, habe ich in Wales bei den Jesuiten einen Kurs in geistlicher Begleitung und Einkehr absolviert. Zwischenzeitlich habe ich mich um die Schwestern gekümmert, die sich auf die ewigen Gelübde vorbereiteten.

Was halten Sie von der Tatsache, dass sich die Ordensfrauen für ihren Unterricht und geistlichen Beistand immer an Priester oder männliche Ordensleute wenden? Halten Sie das wirklich für nötig?

Nein. Ich meine, dass die Ordensfrauen lernen müssen, diese Aufgaben zu erfüllen, dass sie lernen müssen zu predigen. Es gibt bereits welche, die studiert haben, um sich dieser Aufgabe widmen zu können. Und dann können sie auch den Männern, nicht nur anderen Ordensfrauen, geistlichen Beistand leisten. Das ist eine Praxis, die leider noch viel zu wenig geübt wird.

Sie sind seit 2011 Generaloberin, seit 2013 für drei Jahre Präsidentin der UISG. Glauben Sie, dass Sie wiedergewählt werden können?

Ich glaube nicht: Voraussetzung dafür ist, dass man Generaloberin ist, und dieses Amt wird im Lauf eines zweiten Mandates auslaufen.

Wie ist es Ihnen in diesem Amt ergangen? Wer hat Ihnen geholfen?

Mir steht ein Rat aus zehn von der Versammlung gewählten Generaloberinnen aus fünf Kontinenten zur Seite. Die Exekutiv-Sekretärin hingegen wird vom Rat ernannt. Die Union ist in Vereinigungen aufgeteilt. Es ist eine komplizierte Organisation, weil wir viele sind, aber es funktioniert. Die entsprechende Männerorganisation funktioniert anders, weil die Ordensmänner sehr viel weniger zahlreich sind.

Auf der Synode hat mir ein Generaloberer gesagt, dass auf seinen Vorschlag, gemeinsame Versammlungen der Generaloberen und der Generaloberinnen abzuhalten, geantwortet wurde, dass Ihr viel zu zahlreich wäret. Ihr hättet sie untergehen lassen…

Es ist wahr, die Lage ist paradox: die Ordensfrauen sind zahlenmäßig ungefähr drei Viertel der Ordensmänner, aber sie sind unsichtbar, es ist, als gäbe es sie in der Kirche nicht. Eben aus diesem Grund haben wir neue Projekte gestartet, um dafür zu sorgen, dass man uns kennenlernt und um die Projekte besser zwischen uns und den anderen aufzuteilen. Als erstes ein neues Image nach außen, mit Hilfe von Facebook, eine neue Webseite: wir sind uns im Klaren darüber, dass wir neue Kommunikationsmittel nutzen müssen. Diese Aufmerksamkeit der Kommunikation gegenüber gesellt sich zu den traditionellen Zielen: Uns als eine Organisation mit prophetischem Charakter erkennen, die Bereitschaft zur gegenseitigen Hilfsbereitschaft wecken, einen Beitrag zum religiösen Leben leisten.

Führen Sie einen offenen Dialog mit den Kongregationen? Bereiten sie Ihnen Probleme?

Gewiss, und diese Anregungen liefern uns den Input für neue Projekte. Derzeit sind zwei Projekte im Gang: Talita kum, ein Netzwerk, um Frauen aus der sexuellen Sklaverei zu befreien, an dem zahlreiche Kongregationen mitarbeiten, und ein Hilfsprojekt für den Südsudan, bei dem nicht nur wir Frauen-, sondern auch Männerkongregationen mitarbeiten (über beide Projekte hat »Frauen – Kirche – Welt« bereits berichtet). Aber wir haben auch neue Projekte angeleiert, so etwa jenes, die Zahl der Kanonistinnen zu erhöhen. Wir sind im Begriff, ein Netzwerk aller Expertinnen für das kanonische Recht auf der ganzen Welt aufzubauen: Es sind nicht viele und sie sind ziemlich isoliert. Es ist wichtig, sich zu vernetzen, sich gegenseitige Konsulenzen anzubieten, anzuregen, dass es mehr Expertinnen auf diesem Gebiet geben soll: Wir haben vor, drei Stipendien für Afrikanerinnen auszuschreiben.

Das kanonische Recht ist ein entscheidender Punkt, um sich einerseits gegen Übergriffe verteidigen und andererseits Veränderungen anregen zu können, die es ermöglichen, den Aufgabenbereich der Frauen auszudehnen.

Mit Sicherheit. Es ist sehr wichtig, dass wir uns dessen bewusst werden und dass wir im Notfall auch lernen, uns rechtlicher Mittel zu bedienen. Der nächste Schritt besteht darin, aus unserer Isolierung herauszukommen und zu einer anerkannten Stimme innerhalb der Kirche zu werden, der Gehör geschenkt wird. Im Grunde gibt es bereits Einrichtungen von Ordensfrauen wie die unsere. Es würde ausreichen, dass man ihnen eine Aufgabe übertrüge, sie an den Augenblicken teilnehmen ließe, in denen über die Zukunft der Kirche entschieden wird. Jener Kirche, zu deren Leben und Wachstum auch wir beitragen, und zwar keineswegs wenig.

Carmen Sammut, die am 20. Dezember 1951 in Malta geboren wurde, war drei Jahre lang Lehrerin in Malta, bevor sie 1974 in die Kongregation der Missionsschwestern Unserer Lieben Frau von Afrika (SMNDA) eintrat. Ihre Ausbildung als Ordensfrau erfolgte in London und in Malawi, und sie absolvierte ihr Noviziat in Ottawa in Kanada. 1989 machte sie am Päpstlichen Institut für Arabische und Islamische Studien Examen. Seit 1980 hat sie drei Jahre in Mauretanien, neun in Algerien und 15 in Tunesien verbracht. Nachdem sie von 2000 bis 2006 Provinzialoberin war, wurde sie 2011 zur Generaloberin und zwei Jahre später zur Präsidentin der UISG gewählt.

Von Lucetta Scaraffia

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