Hinweis

Diese Website verwendet Cookies
Ein Cookie ist eine kleine Textdatei, die dazu beiträgt, Ihren Besuch auf unserer Website zu verbessern. Mit dem Navigieren auf den Seiten dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu unseren Cookie-Richtlinien finden Sie in den Nutzungsbedingungen.

Elisabeths Segen

Die Bedeutung, die der Gestalt der Elisabeth am Anfang der Geschichte des Christentums zukommt, wird nicht immer so ins Licht gerückt, wie es eigentlich müsste. Aber die Lektüre des ersten Kapitels des Lukasevangeliums lädt uns mit expliziten Gründen dazu ein, gerade das zu tun. Ihr Leben und ihre Worte sind sowieso so eng mit der Geburt Jesu verbunden, dass es unmöglich wäre, der Frau des Zacharias keine wichtige Rolle bei der Geburt des Gottessohnes zuzuerkennen.

»Die Heimsuchung« (Glasfenster der Kirche von Saint-Jacques-le-Mineur, Lüttich, Ende des 19. Jahrhunderts)

Dass sie so unverhofft mit Johannes schwanger wird, ist bereits Wirklichkeit geworden – sie ist schon im sechsten Monat –, als der Engel im fernen Galiläa zu ihrer Kusine Maria kommt. Aus ihrer Sicht, jener der Tochter des Levi, die in der Umgebung von Jerusalem lebte, der politischen und religiösen Landeshauptstadt, dürfte diese wohl eine »entfernte Verwandte« gewesen sein und sie dürften wenig miteinander verkehrt haben, schon der Entfernung wegen, aber auch aufgrund der unterschiedlichen Klassenzugehörigkeit der beiden. Elisabeth war eine erwachsene Frau, die Gattin eines Priesters im Tempel, gehörte also in der Hierarchie der Juden Palästinas durchaus einer hohen Gesellschaftsschicht an. Maria hingegen kam vom Lande, ein Mädchen aus der jüdischen Provinz. Elisabeth war seit Jahren verheiratet, natürlich mit einem Mann, der ihrem eigenen Stamm und Stand angehörte: Tatsächlich heirateten die Leviten Levitinnen, und umgekehrt genauso. Maria war zu der Zeit noch mit einem Mann aus der Familie Davids verlobt, einer durchaus guten Familie, einem messianischen Geschlecht, das allerdings dem Laienstand angehörte. Zu einer Zeit – wie der, von der hier die Rede ist –, in der es keinerlei Messias mehr gab und die Macht in den Händen der Priester lag, war auch Joseph nur ein ganz gewöhnlicher Mann. Aber die Überraschung sollte vom Himmel kommen, vom Ratschluss Gottes, den ein Engel ausführte, indem er sich vom Tempel in Jerusalem in die ferne Region Galiläa begab, um Maria zu grüßen.

Dieser so außerordentliche Besuch endete mit einer gleichermaßen außerordentlichen Verkündigung: Maria ist dazu auserkoren, die Mutter des »Sohns des Höchsten« zu werden (vgl. Lk 1,26-38).

Von diesem Augenblick an werden die beiden Frauen wie zu einer Einheit, und Maria macht sich eilends zu Elisabeth auf. Ein gemeinsam gehegter Traum und das beiden gemeinsame Schicksal bezeichnen ihren Weg. Marias Reise scheint jener nachempfunden, die der Engel soeben zu ihr unternommen hatte. Sie bricht in Nazareth im heimatlichen Galiläa auf und begibt sich, aller Wahrscheinlichkeit nach zu Fuß, bis nach Judäa. Verglichen mit der Reise des Engels geht sie den Weg in die umgekehrte Richtung. Der Name von Elisabeths Dorf ist nicht überliefert, es wird nur darüber gesagt, dass es im Bergland von Judäa lag (vgl. Lk 1,39); ein Ort, der der Tradition gemäß mit Ain Karim gleichgesetzt wird, das sechs Kilometer von Jerusalem entfernt war.

Wichtig ist, dass wir hier in Judäa sind. Und dass diese Verwandte einer »heiligen« Familie angehörte. Als sie in diesem Ort ankommt, verhält sich Maria gerade so wie der Engel: »Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet« (Lk 1,40). Was einem wie eine ganz normale Geste vorkommen könnte, erhält hier einen grundlegenden theologischen Wert: Sie besucht nicht einfach ihre Kusine Elisabeth, sondern sie betritt das Haus des Priesters, und was sie dorthin bringt, wird die Wirklichkeit und die Aufgabe der Priester des Tempels radikal in Mitleidenschaft ziehen und verändern.

Was bringt das Mädchen aus Nazareth mit? Die Nachricht vom Gruß Gabriels und den Quell des Lebens: Ihr Wort ist so fruchtbar wie dasjenige Gottes und erweckt das Leben. Tatsächlich fühlt Elisabeth das Kind in ihrem Leibe in dem Augenblick hüpfen, als sie den Gruß Marias vernimmt. Die Jungfrau gießt nun das, was sie durch die Verkündigung des Engels erhalten hat, über Elisabeth aus: Maria ist zum Engel Gottes geworden!

Marias eilige Reise wird mit einem Segen empfangen. Diesem kann die Größe dieses Unterfangens entnommen werden: »Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes« (Lk 1,42), so lauten Elisabeths Worte. Der Segen wird, wenn er nicht aus dem Mund Gottes, sondern dem eines Menschen kommt, durch das Staunen und die Dankbarkeit für etwas Großartiges hervorgerufen, das die gesegnete Person vollbracht hat. Ein erstes Beispiel hierfür ist Abram. Abram hatte sich Sodom gegenüber äußerst großzügig verhalten: er hatte die Feinde geschlagen, die der Stadt den Krieg erklärt hatten und hatte ihr ihr Land und ihre Freiheit wiedergegeben (vgl. Gen 14). Abram hatte nichts als Belohnung für sich behalten wollen und sich im Hinblick auf sein Engagement und seine Solidarität mit der Stadt seines Neffen Lot als uneigennützig erwiesen. Und gerade unter diesen Umständen empfing er den Segen des Priesters Melchisedek:

»Gesegnet sei Abram vom Höchsten Gott,

dem Schöpfer des Himmels und der Erde,

und gepriesen sei der Höchste Gott,

der deine Feinde an dich ausgeliefert hat« (Gen 14,19-20).

Der von einem Priester erteilte Segen kommt über Abram als ein Tribut Gottes für das, was er vollbracht hat. Melchisedeks Gott wird ebenso »Höchster« genannt wie jener Gott, dessen Sohn Jesus den Worten des Evangelisten zufolge ist (vgl. Lk 1,32). Elisabeths Segen geht gerade von dem aus, den Maria bereits in ihrem Schoße trägt: dem Sohn des Höchsten. Daher segnet Elisabeth, gerade so wie der Priester Melchisedek den Höchsten Gott segnet, ihrerseits den Sohn des Höchsten, also »die Frucht ihres Leibes«; und so, wie der Priester Gott um seinen Segen für Abram bittet, segnet nun Elisabeth Maria.

Die Gestalt Marias nimmt nun den Platz Abrahams ein, und das wird im Magnifikat bestätigt, das folgendermaßen endet: »das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig (Lk 1,55).

»Sieh doch zum Himmel hinauf und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst«, so hatte Gott zu Abram gesagt, »so zahlreich werden deine Nachkommen sein« (Gen 15,5). Dem Sohn, der in Marias Leib heranwächst, haucht er die Fülle der alten Verheißung ein.

Elisabeth hingegen wird zum »Priester«, wie es Melchisedek gewesen war, das heißt, dass es, obwohl sie nicht über die dem priesterlichen Amte innewohnende ererbte und legitime Autorität verfügt, gerade sie ist, die sowohl Maria als auch Gott segnet, also Dank sagt für jenes große Werk, dass in ihrer Verwandten verwirklicht wird: den Sohn Gottes zu empfangen und auszutragen.

Ein weiterer Fall, der mit dazu beitragen mag, den Sinn von Elisabeths Segen klarzumachen, ist der Fall Judiths. Judith – »die Jüdin« –, die Frau voller Weisheit und Schönheit, Klugheit und Güte, verkörpert die Weisheit Israels schlechthin. Ihr Mut, ihre Stärke und die Großmütigkeit waren groß, dank derer Betulia vor der Belagerung der Feinde gerettet wurde. Als sie von ihrem heldenmütigen Unterfangen zurückkehrte, präsentierte sich Judith vor den Toren ihrer Stadt als Siegerin, und es geschah in jenem Augenblick, dass »das Volk zutiefst ergriffen [war]; sie verneigten sich, warfen sich vor Gott nieder und riefen einmütig: ›Gepriesen seist du, […], meine Tochter, du bist von Gott, dem Allerhöchsten, mehr gesegnet als alle anderen Frauen auf der Erde. Gepriesen sei der Herr, der Himmel und Erde geschaffen hat. Durch seine Hilfe ist es dir gelungen, dem Anführer unserer Feinde den Kopf abzuschlagen‹« (Judit 13, 17-18).

Das Schema ist immer dasselbe: Zuerst wird Gott gesegnet, dann jene (oder jener, wie im Falle Abrams), die etwas Außergewöhnliches vollbracht hat, dessen Ursprung zwar Gott ist, das aber erst dank des Glaubens, den dieser Mensch an Gott hat, ermöglicht wird. Die Taten, die den Segen verdienen, werden stets in kriegerischen Begriffen beschrieben. Bei Abram handelt es sich um einen Krieg zwischen Völkern, die sich gegenseitig Land streitig machen; bei Judith geht es um einen Krieg zwischen einer Stadt und deren Feinden, die sie belagern; bei Maria geht es um die Revolution, die Gott zwischen arm und reich ausbrechen lässt und durch die die Letzteren gestürzt und die Armen erhoben werden.

Aber das Detail, das Maria und Judith zugleich nebeneinanderstellt und voneinander entfernt, ist das Mittel, das jeweils zur Rettung des Volkes eingesetzt wird: Judith bediente sich ihrer kühnen Hand, um das Schwert des Holofernes zu schwingen; Maria hingegen bediente sich ihres Schoßes, waffenlos durch die Zärtlichkeit eines Kindes. Maria setzt keine Gewalt ein, sondern ihr kleines Kind. Insofern wird die Frucht dieses Leibes zum Grund für Elisabeths Segen, denn von ihm wird das große Heilswerk Gottes ausgehen.

Während es in den früheren Fällen Könige und Priester waren, die den Segen erteilten, ist der Fall von Debora und Jaël dem unsrigen noch ähnlicher, insofern auch dort eine Frau eine andere Frau segnet. Auch Deboras Lied, das im Kontext eines Krieges angesiedelt ist und das aus Anlass eines Sieges Israels angestimmt wird, segnet eine Frau wegen ihres sprichwörtlichen Mutes: »Gepriesen sei Jaël unter den Frauen, die Frau des Keniters Heber, gepriesen unter den Frauen im Zelt. Er hatte Wasser verlangt, sie gab ihm Milch« (Richter 5, 24-26).

In den schwierigsten Zeiten der Geschichte Israels kommen oft die Frauen ins Spiel, die sich untereinander verbünden, um das Volk zu retten. Die Zeiten einer Debora und Jaël, einer Noomi und Ruth, ja selbst der Töchter des Lot, deren waghalsiger Initiative die Völker der Moabiter und Ammoniter zu verdanken sind (vgl. Gen 19, 30-38). Wenn sich die Männer als schwach, korrupt und ängstlich erweisen oder wenn sie überhaupt fehlen, dann kommen die Frauen ins Spiel.

Die Zeit Marias und Elisabeths ist eine dieser Zeiten. Eine Zeit der Erwartung und einer tiefen Krise, der Ermüdung und der Stagnation des Glaubens Israels. Eine Zeit, zu der Gott als Antwort auf die kurzsichtige und engstirnige Leitung des Tempels durch die Hohenpriester und Schriftgelehrten eine weitere große Tat für sein Volk vorbereitete: Die Geburt eines Sohnes, die es mit Freude erfüllen sollte.

Elisabeth segnet Maria für die Gabe, die sie dadurch von ihr erhält, dass sie die innige Freude erfährt, Mutter zu sein: «Das Kind hüpfte vor Freude in meinem Leib« (Lk 1, 44). Dieser Segen erfolgt in einer vornehmlich liturgischen Sprache und wird in einem Privathaus erteilt. Dieses Haus kann mit dem Allerheiligsten des Tempels verglichen werden! Es gibt dort aber kein »drinnen« und kein »draußen«, wie es hingegen beim Tempel der Fall ist. Hier sind Menschliches und Göttliches, die sich im Leib dieser beider Frauen miteinander verbinden. Gott zeigt sich hier nicht mehr geschützt und geheimnisvoll wie im Schoß des Allerheiligsten, sondern er ist in den Armen des Gottesvolkes lebendig und ein Mensch.

Elisabeth und Maria sind das Symbol jenes Volkes, das draußen steht und betet (Lk 1,10.21), werden zugleich aber auch Sprachrohre dieses Gottes des Lebens, der auch im Tempel wohnt und sind ein Leib desselben Engels, der vorher zur rechten Seite des Rauchopferaltars gestanden hatte (vgl. Lk 1,11).

Gott kommt als Heiliger Geist über Maria und Elisabeth, er kommt, um auf immerdar unter seinem Volk zu wohnen. Als Elisabeth fragt: »Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?« (Lk 1,43), ist das ein Echo der Worte, die David über die Überführung der Bundeslade nach Jerusalem äußert: »Wie soll die Lade des Herrn jemals zu mir kommen?« (2 Sam 6,9).

»Selig ist die, die geglaubt hat«: Die Worte, mit denen Elisabeth Maria begrüßt, sind wundervoll (Lk 1,45). Mit diesem Gruß fängt für den Glauben Israels ein neues Zeitalter an. Der Glaube wird zum Grund des Glücks! Er ist nicht mehr Pflicht, Vorschrift oder Tradition, sondern Vergnügen und Wunderwerk. Ein Wunder und ein wunderschönes Abenteuer, das das Unvorstellbare möglich macht. Dadurch, dass sie diese Worte an ihre Kusine richtet, lässt Elisabeth erneut einen Vergleich mit der genau entgegengesetzten Haltung ihres Gatten Zacharias anklingen. Wo dieser stumm und traurig aus dem Tempel nach Hause zurückgekehrt war und sein hilfloses Schweigen der ganzen Versammlung vermittelte (vgl. Lk 1,22), ist Maria hingegen selig, weil sie geglaubt hat. Sie hat dem Engel geglaubt und hat im Gegensatz zu Zacharias auch an das Wunder geglaubt, das im Leib ihrer Kusine Elisabeth stattfand.

Die Worte des Herrn erfüllten sich in beiden Frauen und kamen gleichzeitig zur Fülle.

Kurz, der Glaube wird zusammen mit dem Engel Gottes in der Gemeinschaft zweier oder mehrerer Personen gelebt. »Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen«, so lauten die Worte Jesu (Mt 18,20). Diese Begegnung nimmt die Wirklichkeit der christlichen Gemeinschaft vorweg, die ein Ort der Freude und der Anbetung des Herzens sein und den Tempel ersetzen wird. Elisabeths Heim ist ein neuer »Tempel«! Wo Gott als neues Leben und Fülle der Freude präsent ist.

So, wie Marias Gruß die Freude des Heiligen Geistes über das Herz und den Leib Elisabeths ausgeschüttet hatte, so rufen die Worte, die Elisabeth zuletzt an Maria richtet, in Maria selbst einen Überschwang der Freude und des Heiligen Geistes aus. Ein Übermaß, das nicht gedrosselt werden kann, sondern danach verlangt, als Gesang der Erlösung kommuniziert zu werden.

»Meine Seele preist die Größe des Herrn«: Der Leib des Gottessohnes nimmt in Marias Schoß Gestalt an, wird in Raum und Zeit Mensch und »dehnt« seine Präsenz in der Welt als Strom der Barmherzigkeit »von Geschlecht zu Geschlecht« aus (Lk 1,50). »Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter« (Lk 1,48): Das ist der Lobgesang, der Marias Lippen entströmt. Eine Nachwirkung des Schattens des Heiligen Geistes und von Elisabeths Segen.

Von Rosanna Virgili

Die Verfasserin

Die Bibelkundlerin Rosanna Virgili lebt in Rom. Sie studierte Philosophie an der Universität von Urbino, Theologie an der Päpstlichen Lateranuniversität und erwarb ihre Lizenz in Bibelwissenschaften am Päpstlichen Bibelinstitut in Rom. Sie lehrt Bibelexegese am Theologischen Institut der Marken (Päpstliche Lateranuniversität). Sie ist unter anderem die Verfasserin von Il »no« die Elisabetta. Lettura di Lc 1-2 (Editrice Ancora, Mailand 2013).

Druckausgabe

 

LIVE

St. Peter’s Square

22. März 2019

VERWANDTE NACHRICHTEN