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​Eine Wunde und ein Vakuum

Wir können sehr gut verstehen, dass die westliche Welt, die Welt alter christlicher Prägung, heute erschüttert ist und sich verletzt fühlt. Verletzt auch in dem, was sie als ihre Werte betrachtet, insbesondere die der Aufnahme der Bedürftigen und Verfolgten, die in den letzten mühevollen Monaten von vielen verteidigt wurde angesichts der wachsenden Menge von Immigranten, die auf der Flucht vor Krieg und islamischem Terrorismus nach Europa kommen. Sicher sprechen die Attentate von Paris für die Haltung derer, die gegen diese Aufnahme sind, die in jedem Immigranten einen potentiellen Terroristen sehen.

Schaut man allerdings genauer hin, handelt es sich bei den Terroristen, die in Frankreich am Werk sind, – zumindest bis jetzt – nicht um Immigranten, die vor kurzem nach Europa gekommen sind, sondern um Kinder oder sogar Enkel von Immigranten, die vor vielen Jahrzehnten ins Land gekommen sind, hier geboren wurden und aufgewachsen sind, das heißt vollberechtigte Staatsbürger. Aber es sind Staatsbürger, die sich die Werte, die ihnen von der Schule vermittelt wurden, nicht angeeignet haben: der Wert der Laizität und der Gleichheit und insbesondere der allen zugesicherte Wert der individuellen Freiheit.

Viele Kommentatoren sagen in diesen Stunden, dass eine fehlgeschlagene Integration vor allem im beruflichen und sozialen Bereich schuld ist. Daran ist sehr viel Wahres, allerdings kann man sich dann fragen, welche wirtschaftliche Integration heute möglich ist, wo auch die französischen Jugendlichen arbeitslos sind und die Krise der Schule den sozialen Aufstieg der unteren Schichten immer schwieriger – wenn nicht gar unmöglich – werden lässt. Es ist also nicht nur ein Problem der Kinder der Immigranten, aber diese erleben es anders, gemeinsam mit einigen europäischen Jugendlichen, die sich ihnen an der Front des Hasses anschließen.

Diesbezüglich erweist sich die Analyse des iranischen Soziologen Farhad Khosrokhavar, der seit Jahren die muslimische Immigration nach Europa untersucht, als sehr viel überzeugender. In einem Aufsatz, veröffentlicht im vergangenen Juni in der Zeitschrift »Études«, sieht er die Krise, die die Jugendlichen zum Bruch mit den westlichen Gesellschaften führt, nicht so sehr in der Ablehnung der Werte, die diese ihnen anbieten, sondern vielmehr im Vakuum an moralischen Regeln, das sie in der neuen Welt empfängt; in der Verlegenheit, mit der im heutigen Westen ihre Haltung aufgenommen wird, die den markanten Unterschied zwischen den Geschlechtern unterstreicht, während hier das Erfolgsmodell in der Aufhebung des Unterschieds zu bestehen scheint.

In einer Gesellschaft, in der dem Einzelnen alles erlaubt und möglich ist, in der es für die Beziehung zwischen den Geschlechtern keine Normen gibt, in der jegliche Antwort in Bezug auf den Tod und das Leben danach vermieden wird, bleibt den jungen Menschen als einzige Möglichkeit nur die Hoffnung auf ein gutes Einkommen, das ein wachsendes Konsumniveau ermöglicht. Ein schwacher Weg, der ihnen zudem heute verschlossen ist. Der iranische Soziologe deutet aus diesem Grund den Zulauf zum Fundamentalismus als ein umgekehrtes 1968, in der man statt der Liberalisierung nach einer Welt der Regeln sucht, in der man über die wirtschaftliche Situation hinaus Würde findet und einen wirklichen Sinn für das Leben.

Diese Interpretation ist wesentlich nuancierter und weitsichtiger als das, was wir gewöhnlich dazu lesen oder hören, und offenbart, wie trügerisch die Hoffnung ist, dieses Problem bewältigen zu können, indem man die Laizität betont und die Religionen in den Schatten und den Bereich des Unaussprechlichen zurückdrängt. Und sie weist den Frauen und Männern des Glaubens neue Verantwortlichkeiten zu, eröffnet ihnen aber auch neue Handlungsmöglichkeiten.

Von Lucetta Scaraffia

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19. Juni 2018

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