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Ein Weg, der noch erleuchtet werden muss

· Die existentielle und spirituelle Krise der afrikanischen Ordensfrauen ·

In Afrika wird der Tagesablauf vom Lauf der Sonne bestimmt. Man wacht beim Morgengrauen auf und geht kurz nach Sonnenuntergang zu Bett. Auf den Straßen aus roter Erde, die die Landschaft durchziehen, begegnet man einer ganzen Menschheit auf Wanderschaft, die größtenteils barfuss daherkommt. Ein Blick am Morgen genügt, wenn die Straßen voller Frauen sind, die eilig den Straßenrand entlanggehen. Afrika hat ein Antlitz: das Antlitz der Frauen. Sie sind es, die ohne Lärm zu machen und ohne Rechte geltend zu machen Tag für Tag das Wunder des Überlebens wiederholen. In einem Kontinent, in dem es wahrlich schwer ist zu leben.

Jesus Mafa, »Die Heimsuchung« (20. Jahrhundert)

Es ist für diese außergewöhnlichen Frauen ganz normal, täglich 15 Kilometer weit zu gehen, um zum nächsten Brunnen zu gelangen; es ist normal, 30 Kilometer zurückzulegen, um eine Zwiebel zu verkaufen oder vom Ehemann verprügelt zu werden, oder 80 Prozent der Feldarbeit zu erledigen, ohne selbst das Land zu besitzen. Wenn du eine Frau nach dem Warum fragst, dann wird sie dir einfach sagen, dass das für sie der Normalzustand ist.

Aber obwohl sie von durch Abwesenheit glänzenden Männern und von einer Gesellschaft umgeben sind, die Züge eines männlichen Chauvinismus aufweist, ist etwas im Umbruch begriffen. Es gibt da Frauen, die wichtige politische Ämter, bedeutende Stellungen in der Berufswelt oder Schlüsselstellungen in ihrer Gesellschaft erreicht haben. Eine Emanzipation, die noch bis vor kurzer Zeit unvorstellbar war und an der auch die Kirche ihren Anteil hat.

Es ist nicht leicht, über Afrika zu erzählen. In der Erzählung kommt alles doppelt vor. Alles spiegelt sich in seinem Reflex wider. Der reichste und zugleich ärmste Kontinent der Erde ist die Wiege der Kultur wie auch der Gegensätze. Die Zeit bleibt hier nicht stehen. Gegebenenfalls kreist sie zweigleisig um sich selbst zwischen Errungenschaften und Rückschritten.

Und gerade von den letzteren haben Amina, Zelam und Rhanda uns erzählt, drei afrikanische Ordensfrauen, die die traurige Unterordnung beschrieben haben, zu der ein Großteil der afrikanischen Frauen durch eine Kultur gezwungen wird, die im Mann den Herrn und Meister sieht. Das ruft auch innerhalb der Kirche erhebliche Distorsionen hervor, verursacht Probleme sowohl im Hinblick aufs Charisma als auch auf die religiösen Berufungen und macht die Mahnung von Papst Franziskus, die den Dienst betrifft, den die Frauen in der Kirche leisten, aktueller denn je: ein Dienst, der nie zur Knechtschaft werden darf.

In Afrika gibt es – verglichen mit den 35.000 Priestern und 3500 Missionaren – über 60.000 Ordensfrauen. Aber trotzdem »hat sich die Kirche nie groß um ihre Ausbildung gekümmert«. Normalerweise werden die Ordensfrauen ausschließlich für ihr Apostolat ausgebildet, als für die Katechese und den Grundschulunterricht. Dazu also, gesellschaftliche Bedürfnisse zu befriedigen, und nicht etwa dazu, das Charisma und die Spiritualität ihrer jeweiligen Kongregation zu verstehen und vertiefen. Die Kirche hat keine großen Anstrengungen unternommen, diese Ordensfrauen auszubilden. Ordensfrauen, die sich immer dazu gezwungen sehen, Entscheidungen durchzuführen, die von und für andere getroffen wurden.

Die tugendhafte Ordensfrau wurde und wird als die Stütze der sichtbaren und unsichtbaren Welt beweihräuchert, als Offenbarung der Liebe und Gnade, als das von Natur aus frömmste Wesen, das Gott erschaffen habe. Das alles mündet dann aber in den Zustand der häuslichen und gesellschaftlichen Unterwerfung der afrikanischen Ordensfrau, im Gegensatz zu dem, was in den Männerkongregationen geschieht.

Die Ordensfrauen werden für die von ihnen verrichteten Arbeiten gepriesen: um der Liebe Jesu willen kochen sie gut, erteilen den Kindern Katechismusunterricht, schmücken die Pfarrkirchen, putzen, stopfen und nähen Kleidung, versorgen die Geistlichen und die Alten, sie kümmern sich um Kinder in Not. All das aber schließt die afrikanischen Ordensfrauen von den wichtigen Ämtern aus, von den Führungspositionen und von der Verwaltung wie auch von den Entscheidungen.

Mittlerweile hat sich die Lage aufgrund der Zunahme kleiner Ordensgründungen auf Diözesanebene noch verschlechtert, die von afrikanischen Bischöfen und Priestern gegründet werden und für die Frauen ausgewählt werden, die ihnen zu Diensten stehen müssen. Wenn das Mandat dieser geistlichen Würdenträger ausläuft oder wenn sie sterben, gehen diese Gründungen ein. Das führt zu weiteren Problemen für die betroffenen Ordensfrauen.

Mitunter werden die afrikanischen Ordensfrauen als Missionarinnen in die europäischen Diözesen entsandt, aber diese missionarische Zusammenarbeit nimmt meist aus Mangel an klaren Projekten und schlechter Vorbereitung ein schlechtes Ende, und nicht selten enden diese Ordensfrauen dann auf der Straße, werden obdachlos. Angesichts des Geldmangels, so sagt uns Schwester Anne, »gibt es zahlreiche arme afrikanische Kongregationen, die ihre Ordensfrauen zum Studium schicken, ohne ihnen auch nur die geringste finanzielle Unterstützung zukommen zu lassen«, so dass sie sich oft gezwungen sehen, um Almosen zu bitten. Eine Tatsache, die schon an sich angetan ist, in ihnen ein starkes Gefühl der Verletzlichkeit hervorzurufen.

In einigen – keineswegs seltenen – Fällen ist die Lage, in der sich diese auf den Dienst bei den kirchlichen Hierarchien völlig unvorbereiteten Ordensfrauen noch weitaus demütigender. Das hat 2001 die wichtige katholische amerikanische Zeitschrift National Catholic Reporter gemeldet, die einen Bericht veröffentliche, den Schwester Maria Marie Mc Donald, Generaloberin der Missionsschwestern Unserer Lieben Frau von Afrika, im November 1998 an eine Gruppe von Delegierten der Union der Generaloberen (Männerorden), der Internationalen Union der Ordensoberinnen (Frauenorden) und an die vatikanische Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens, die sich mit dieser Frage beschäftigten, gesandt hatte.

Tatsächlich schreibt Schwester McDonald, dass dieses Problem keineswegs auf Afrika beschränkt sei, auch wenn sich die Gruppe, die den Bericht erarbeitet hatte, auf die Erfahrung in Afrika bezog. »Gerade aufgrund unserer Liebe zur Kirche und für Afrika fühlen wir uns so betrübt durch das Problem, das wir Ihnen unterbreiten.«

Diese Anklage erläuterte bis ins Detail den Teufelskreis, der in diesen Fällen entsteht, angefangen bei Vorfällen sexueller Belästigung bis sogar hin zu Vergewaltigungen der Ordensfrauen durch Kleriker. Für gewöhnlich wird die betroffene Ordensfrau dann aus ihrer Kongregation ausgeschlossen, während der Priester oft lediglich in eine andere Gemeinde versetzt oder zum Studium weggeschickt wird.

Es gibt viele Schwestern, die diese Wirklichkeit kennen, so betonen die Ordensfrauen, auch wenn sie nicht darüber sprechen, weil sie Angst haben. Bis es passiert, dass sie schwanger werden – und dann werden sie von der Kongregation aus dem Konvent verjagt, weil »es eine Schande ist«. Das sei eine Situation, die »in Afrika ganz normal« ist, wo die Institute oder Kongregationen anderer Länder hineilen, um nach Berufungen zu suchen, aber keineswegs Menschen suchen, die »sich für eine Ausbildung zum religiösen Leben interessieren«, sondern nur eine Art von Handlangerdiensten, »um ihre eigenen Probleme zu lösen: sie brauchen Personal für ihre Schulen oder ihre Kindergärten«.

In jenen Ländern, in denen AIDS weit verbreitet ist, so klagen die Schwestern an, werden die Schwestern als »sicherer« betrachtet, wenn man eine Ansteckung beim Geschlechtsverkehr vermeiden will. Es handle sich dabei keineswegs um Einzelfälle, so stellen sie klar: Es ist nahezu unmöglich, die Zahl von Schwestern zu bestimmen, die von ihren »Wohltätern« missbraucht und dann von ihren Kongregationen im Stich gelassen werden. Das ist ein Skandal , der die gesamte Kirche angeht, denn diese Ordensfrauen waren, bevor sie in diese Diözesankongregation eintraten, ganz normale, intelligente Mädchen, oft die besten der Gesellschaft, der sie angehörten.

Fast von Anfang an hat die Kirche die Selbstverwirklichung der Frau gefördert. Es dürfte schwerfallen, weltweit irgendeine andere Institution zu finden, die – wie es die katholische Kirche getan hat – den Frauen ganz einfach gestattet hat, mit ihrem eigenen Verstand zu denken, das zu sein, wofür sie geboren wurden und Großes zu leisten.

Heutzutage dagegen scheint ein eigenartiger Gegensatz den Status der Frau im afrikanischen Katholizismus zu charakterisieren. Wenn – rein hypothetisch – ihr Anteil an der Katechese, am liturgischen Leben und an den karitativen Aktivitäten wegfallen würde, würden, wie man sich leicht vorstellen kann, die Pfarrgemeinschaften in sich zusammenbrechen. Virginia Woolf hat gesagt, dass »eine Geschichte so lange nicht existiert, bis sie erzählt wird«, und das Verschweigen der Identitätskrise der afrikanischen Ordensfrauen hat vielleicht schon viel zu lang gedauert. Sie brauchen Hilfe: so lautet der Appell der afrikanischen Ordensfrauen. Hören wir sie weiter an: »Sie sind über alle Welt verteilt – wer hat sich je um sie gekümmert? Wo sind sie? Was tun sie? Die Kirche muss sich mit dem Leiden der afrikanischen Ordensfrauen im Besonderen, allgemeiner gefasst aber mit der Lage der ihr angehörigen Frauen im Allgemeinen auseinandersetzen, weil die Frauen und vor allem die Ordensfrauen – das Gesicht der Kirche sind, das die Armen am öftesten und am leichtesten erreicht.« Harte, leidvolle Worte.

Von Silvina Pérez

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