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​Ein verstümmeltes Zitat

· ​Jane Austen und die Zehn-Pfund-Note ·

Bei seiner Warnung davor, dass man, wenn man ihres Kontexts beraubte wirkungsstarke Sätze zitiere, leicht eine schlechte Figur abgeben könne, merkte der österreichische Schriftsteller Karl Kraus an, dass es Leuten, die nicht schreiben könnten, leichter falle, einen Roman zu verfassen als einen Aphorismus. Und er fügte in einer bissigen Randbemerkung hinzu, dass ein Satz, so schlicht dieser auch sein möge, sich manchmal für den, der sich seiner ungenau bediene, als heimtückischer und peinlicher erweisen könne als ein ganzes Buch. Als daher die Bank von England beschloss, aus Anlass von Jane Austens 200. Todestag eine neue Zehn-Pfund-Note mit dem Porträt Jane Austens zu drucken und dieses mit einem Zitat aus Stolz und Vorurteil zu begleiten, hätte sie wohl daran getan, sich der Kraus’schen Warnung zu entsinnen. Um einen peinlichen Schnitzer zu vermeiden. Tatsächlich steht auf der Banknote unter Austens Porträt der Satz: »Ich erkläre, dass es kein größeres Vergnügen gibt als die Lektüre eines Buches«. Dieser Satz wird von Caroline Bingley gesprochen, also der Rivalin von Elizabeth Bennet, der Heldin von Stolz und Vorurteil, und zwar im Kontext eines erregten Wortwechsels, der dem Versuch dient, das Herz des kühlen Mr. Darcy zu gewinnen. Gestützt auf dieses entschiedene Urteil, soll die Banknote – so die Absicht der Bank von England – zum Werkzeug werden, durch das der unvergängliche Wert der Literatur gefeiert werden soll. Es besteht hier aber das kleine Problem, dass im Buch Caroline Bingleys Satz noch eine Fortsetzung hat – die auf der Banknote aber nicht mehr wiedergegeben wird –, die den Sinn des Satzes völlig verändert. »Jedenfalls gibt es nichts, das früher oder später so langweilig wird wie ein Buch«, so beschwert sich Elizabeth Bennets Rivalin äußerst plump. Jane Austen, die – in Übereinstimmung mit einer bewährten Erzählstrategie der Literatur des 19. Jahrhunderts – die Partei ihrer Heldin ergreift, legt der Rivalin Worte in den Mund, die offenkundig ironisch zu verstehen sind und gerade die Funktion haben, Carolines Charakter herabzusetzen. Dieser sieht nun, dank des verstümmelten Zitats auf der Banknote, die am kommenden 14. September in Umlauf kommt, nach über 200 Jahren die zielgerichtete Symbolik in ihr Gegenteil verkehrt, die mit ihrer Figur verbunden gewesen war: Sie wird aus jemandem, der Kunst und Lesehunger immer angeschwärzt hatte, in deren Sponsorin verwandelt.

(Gabriele Nicolò)

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19. Oktober 2018

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