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Ein Pfarrer am Rande des Nervenzusammenbruchs

· Ein Roman von Jean Mercier ·

Zu Beginn des kurzen Romans wird entschieden das komische Register gezogen: »›Das ist zuviel, jetzt reichts!‹ Die Worte entfleuchen ihm in einem gedrosselten Aufschrei. Pfarrer Benjamin Bucquoy hebt die Augen von der Bibel auf. Ihm gegenüber bricht Brigitte Charbonnier in heftiges Schluchzen aus. Er weiß bereits, worum es geht. ›Herr Pfarrer, so kanns nicht weitergehen. Guillemette hat mir schon wieder eine Schweinerei angerichtet. Stellen Sie sich vor, sie hat einen Rosenstrauß weggenommen, den ich eigens für die Muttergottes beiseite gestellt hatte! Sie hat ihn für die heilige Therese genommen! Ich kann nicht mehr! Basta! Ich lege mein Amt nieder.‹ Brigitte sinkt auf den Stuhl zurück, schluchzt und schnieft.«

Aber zu den zermürbenden Zänkereien zwischen den frommen Frauen der kleinen Gemeinde eines französischen Dorfes kommt noch hinzu, dass er sich vom Bischof, einem früheren Freund, missverstanden fühlt, dann auch die Feindseligkeit der identitären Katholiken und, an der genau entgegengesetzten Front, die Kritiken der nachkonziliären Bilderstürmer, vulgäre Protestkundgebungen und – das ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt – die schmerzliche Enttäuschung darüber, nicht auf den heißersehnten Lehrstuhl für Bibelkunde am Priesterseminar berufen worden zu sein. Und da beschließt Pfarrer Benjamin, zu verschwinden, indem er sich in einen versteckten Schuppen im Pfarrgarten einmauert. An diesem Punkt tritt die Handlung von Jean Merciers spannendem Roman (Monsieur le curé fait sa crise, Quasar Editions, 2016, brosch. Ausgabe Euro 12 bzw. auf Italienisch Il signor parroco ha dato di matto, Cinisello Balsamo, San Paolo, 2017, Euro 14), den man nicht mehr aus der Hand legen kann, in medias res ein und wandelt sich dahingehend, dass er am Ende der exempelhaften Lebensbeschreibung eines Anachoreten der Spätantike ähnelt. Tatsächlich wird das Versteck samt krisengeschütteltem Priester bald entdeckt, der aber gläubig und von der Bedeutung der Beichte als eines Zeichens der Barmherzigkeit Gottes überzeugt ist und schließlich das Herz seiner Schäfchen und einer stetig anwachsenden Menge anzurühren vermag, die aus allen Teilen Frankreichs hergeströmt kommt, um ihm ihr Herz auszuschütten und zu beichten und so ein internationales Medienphänomen hervorruft. Die mit sicherer Hand aufgebaute und mit überaus gelungenen Passagen durchzogene Handlung kommt in Fahrt dank ihres feinen Humors und einer ganzen Reihe von Knalleffekten, die erst am völlig überraschenden Schluss enthüllt werden. Das Buch, das in Frankreich innerhalb weniger Monate mit über 50.000 verkauften Exemplaren zum Tagesgespräch der Literaturszene wurde, ist das überaus erfolgreich Erstlingswerk des stellvertretenden Chefredakteurs der Wochenzeitschrift La Vie, der sich besser als die meisten mit dem zeitgenössischen Katholizismus auskennt.

Merciers Erzählung, eine mit Leichtigkeit und Tiefgang vorgenommene Reflexion über die Krise dieses Priesters, bietet die Gelegenheit zu einer ausführlicheren Erörterung des Themas, wie auch der Bischof dieses Priesters zugibt, der der Protagonist des Romans ist, als er dem Ständigen Rat der Bischofskonferenz sagt, dass dem Klerus heutzutage viel abverlangt werde: »Die Wirklichkeit sieht aber so aus, dass wir es einfach nicht schaffen. Es wäre an der Zeit, den Mut aufzubringen, das zuzugeben, statt weiterhin nur immer Löcher zu stopfen. Man sollte jede Aufgabe im Licht der Begabungen und Charismen unserer Priester neu überdenken, andernfalls besteht die Gefahr, dass wir sie alle zusammenklappen sehen.«

Eine Aussage, die auf die Lösung am Ende des Romans vorausverweist, eines Buches, das die Bedeutung des Christ-Seins in unserer Zeit in einem Frankreich hinterfragt, das zwar säkularisiert ist, seine Geschichte letztendlich aber nicht vergessen hat. Um mit einem Kommentar über Gottes Sinn für Humor zu schließen, der »gerne die Propheten beim Wort nimmt, Seher mit dem Rücken an die Wand drängt und die Heiligen aus ihren Nischen vertreibt«, wie sein alter geistlicher Leiter Don Benjamin sagt.

(g.m.v.)

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12. Dezember 2017

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