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​Ein Paradigmenwechsel

· Vultum Dei quaerere ·

Es steht völlig außer Zweifel, dass eines der Ziele des Pontifikats von Papst Franziskus sich an der Anerkennung und Aufwertung der besonderen Berufung und Sendung der Frauen in der Kirche orientiert. Unter seine vielen Gesten und Worte, die diese Ausrichtung klar und unmissverständlich bestätigen, gehört zweifellos die Apostolische Konstitution Vultum Dei quaerere eingeordnet, die sich mit dem Leben der Angehörigen kontemplativer Frauenorden befasst und die am 29. Juni 2016 unterzeichnet wurde. Ein aus vielerlei Gründen einzigartiges Dokument, das einen Paradigmenwechsel im Verständnis des Lebens von Angehörigen kontemplativer Frauenorden in der Kirche darstellt.

Unsere Absicht ist, einige der bedeutsamsten Aspekte hervorzuheben, die jedermann ein Licht anbieten können – weil die Berufung zum kontemplativen Leben Vorwegnahme und Ankündigung der letzten Bestimmung jedes Christen und der ganzen Schöpfung ist, also die Berufung zur bräutlichen Gemeinschaft mit Christus – und zugleich eine Aufforderung zur integralen Lektüre des Textes.

Dieser ist der Gipfelpunkt eines Dialogs mit den Angehörigen kontemplativer Frauenorden, den der Heilige Stuhl vor Jahren offen mithilfe unterschiedlicher Fragebögen begonnen hat, die von der Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens an alle Klöster der Welt versandt wurden. Diese Konstitution entsteht also als Antwort auf die Aussagen der Angehörigen kontemplativer Frauenorden, die aufgefordert worden waren, über ihre Identität, Auftrag und forma vitae angesichts der neuen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nachzudenken. Dem Dokument liegt also ein vorausgegangenes Anhören zugrunde, ein uns, den dem kontemplativen Leben geweihten Frauen, entgegengebrachtes Interesse und Aufmerksamkeit, die vom Text in Form von Unterscheidung und Rat, mütterlicher Fürsorge und kirchlicher Begleitung ausgedrückt und wiedergegeben werden.

Angefangen bei seinem suggestiven Titel, Die Suche nach dem Antlitz Gottes, wird das kontemplative Leben charakterisiert durch die Neigung zu einer niemals abgeschlossenen Suche, durch die Sehnsucht, durch die Unruhe des Herzens, durch unstillbaren Durst, durch Anziehungskraft und das Verlangen nach Gott – Formulierungen, die in dem Dokument oft benutzt werden, um die Erfahrung der Kontemplation zu beschreiben. Ein Leben also, das vom Apophatismus verletzt, d.h. vom vitalen Bewusstsein des unergründlichen Abgrunds durchdrungen ist, der Gott ist, in beständiger Überwindung jeder götzendienerischen Versuchung durch eine erkenntnismäßige bzw. voluntaristische Vereinnahmung, fern von jeder Vulgarisierung oder Profanierung des Mysteriums, in der Haltung einer von Liebe erfüllten Erwartung, einer Vigil, einer Vesper, einer Vorbereitung auf die Ankunft des Bräutigams, die inmitten der Realitäten dieser Welt angekündigt und offen ist für jene endgültige Erfüllung, nach der das Herz dürstet, »bis es in Dir ruht«.

Diese Erwartungshaltung ist paradoxerweise eine Folge der größeren Nähe und Vertrautheit mit dem Geheimnis Gottes. Die Konstitution Vultum Dei quaerere, die sich einer theologischen Sprache und Methode bedient, die der geistlich-monastischen Tradition des Mittelalters zu eigen war, macht die »niemals abgeschlossene Suche nach Gott« zum Zeichen und Kriterium der Authentizität des kontemplativen Lebens. Ein negativer Weg der Annäherung an Gott, nicht aufgrund von Abwesenheit oder Ferne, sondern – zu Recht – wegen des Übermaßes und der Überfülle seiner Gegenwart, da der christliche Gott aus Liebe seine Transzendenz »aufgebrochen« hat, sich genähert hat, und weil seine Herrlichkeit sich in der Fülle seiner Nähe manifestiert: in Jesus, »dem Schönsten von allen Menschen«.

In dieser lebenswichtigen Haltung leben die Angehörigen kontemplativer Frauenorden in Solidarität mit jenen Männern und Frauen, die ihre Sehnsucht nach Glück, ihre Suche nach dem Absoluten, ein existentielles Unbehagen zum Ausdruck bringen, das sie selbst unbewusst, selbst in dem Drama und im Widerstand, den sie dem Glauben entgegensetzen, zu Gott hintreibt. So verwandeln sie sich in Mütter dieser gepeinigten Seelen, in Bezugspunkte und prophetische Zeichen der Liebe Gottes, die die Schritte aller zur Begegnung mit Ihm hinführen und ausrichten. Es ist die geistliche Mutterschaft, die den Klöstern so eigentümlich ist, die, in Absonderung von der Welt – im Paradox der Distanz, die die Begegnung gestattet, eine Kategorie, die das Dokument des Papstes wie ein cantus firmus durchzieht –, durch die Spiritualität der Gastfreundschaft und der unablässigen Fürbitte wahre Leuchtfeuer, Fackeln, Wächterinnen am Morgen, die den Aufgang der Sonne ankündigen, Stadt auf dem Berg, Lichter auf dem Leuchter und Treppen sind, auf denen Gott herabsteigt und sich dem Menschen nähert, und über die diese zu Ihm aufsteigen können. Alles Bilder, die in Vultum Dei quarere im Hinblick auf das Leben im Kloster vorkommen.

Letztendlich lädt Papst Franziskus die Angehörigen kontemplativer Orden mit viel Tiefsinn und Kühnheit dazu ein, in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche eine Daseinsform anzunehmen, die als typische, ihrer Berufung inhärente und wesentliche Geste »hinausgeht«. Dadurch, dass der Schwerpunkt auf die Gottessuche gelegt wird, erstreckt sich die Kontemplation auf die Suche nach dem Menschen, auf dessen Antlitz – wie auf einer beschädigten Ikone – das Antlitz Christi verborgen und mitunter entstellt ist. Und so bilden das Mitgefühl, die Mütterlichkeit, die Aufnahme und Begleitung, die Fürbitte und die Prophetie einen wesentlichen Bestandteil der Erfahrung der Klausur.

Von Carolina Blázquez Casado

Druckausgabe

 

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25. August 2019

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