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​Ein Höhlenforscher der Sprache

· Tolkien in der Bodleian Library in Oxford ·

Um in die tieferliegenden Schichten der Sprache vorzudringen, wie es Tolkien nachgesagt wird, bedarf es vieler Vorarbeiten, Forschungen, vor allem aber der Liebe. Aber was ist im Übrigen, etymologisch gesehen, die Philologie, wenn nicht gerade die »Liebe zu den Wörtern«, die Liebe zur Sprache? Für Tolkien, den Sprachliebhaber bzw. Philologen, von dem hier die Rede sein soll, erfolgte dieses metaphorische Vordringen in die Tiefe gerade auch dank eines ganz konkreten Ortes, jenes Ortes, der seit Jahrhunderten die Tausende und Abertausende von Worten aufbewahrt, die ihn anfänglich erst angezogen und schließlich lebenslänglich in ihre Bande geschlagen haben: die Bodleian Library in Oxford, in der Tolkien als junger Gelehrter unzählige Stunden leidenschaftlicher Forschung über uralten Codices verbrachte.

Der Buchdeckel von Catherine McIlwaines Buch

Die in den ersten Jahren des 17. Jahrhunderts gegründete Bodleiana, ein kostbarer Schrein, der einige der bedeutendsten Manuskripte in alt- und mittelenglischer Sprache birgt, hat beschlossen, die hingebungsvolle Arbeit dieses ihres »Sohnes« mit einer Ausstellung zu belohnen, die den Besucher mitten in die »Sprachschmiede« von Mittelerde versetzte, denn alles, was wir bei Tolkien lesen, entsprang seiner philologischen Leidenschaft für das Wort: bekanntlich hat er selbst einmal bekräftigt, er habe diese phantastische Welt geschaffen, um einen Ort zu haben, an dem er die von ihm erfundenen Sprachen beheimaten könne.

Da diese Ausstellung nun aber früher oder später enden musste – wie in der Tat vergangenen Oktober geschehen –, hat Catherine McIlwaine, die Kuratorin dieser Ausstellung, die hauptberuflich Archivarin eben an der Bodleian Library ist, das Ausstellungsmaterial zu einem prächtigen Band verarbeitet: Tolkien – Maker of Middle Earth (»Tolkien, der Schöpfer von Mittelerde«, Oxford, Bodleian Library, 2018, 416 S., EUR 55,18), in dem die Bilder, die die Ausstellungsbesucher erfreut hatten, von einleitenden Essays begleitet werden, die aus der Feder der bedeutendsten zeitgenössischen Tolkien-Forscher stammen.

Das Gros dieser Veröffentlichung besteht offenkundig in diesen Bildern: den Zeichnungen des Autors, seinen Landkarten – von den allerersten Entwürfen bis hin zu den farbigen, äußerst detailreichen Karten – und dann die Kreuzworträtsel, die Tolkien geradezu fanatisch liebte, vor allem aber – und das ist der verlockendste Aspekt – Aufzeichnungen und Notizen, die Tolkien auf jedem verfügbaren Stück Papier niederkritzelte. Um nur ein Beispiel zu nennen: Wir können hier etwa eine überaus präzise Tabelle zu Größe und Proportionen der Hobbits bestaunen, die auf der Rückseite einer Speisekarte niedergeschrieben worden war.

Typisch britische Exzentrik? Nicht wirklich, wenn wir bedenken, dass die sorgfältige Ausarbeitung eines jeden Details Tolkien dazu diente, seine Vorstellung einer peinlich genauen, kohärenten Phantasie zu erhärten, das Architrav einer Welt, in der sich der Leser, nachdem er einmal den Sprung hinein gewagt hatte, spüren sollte, dass zwar erfundene, aber absolut eiserne, unverzichtbare Regeln garantiert waren. Dieses von Tolkien geschaffene Universum wollte den Leser also weder mit Staunen erfüllen noch verstören wie so viele Phantasy-Werke seiner großsprecherischen Erben, sondern er wollte ihn in die ganz konkrete literarische Erfahrung einer anderen Welt begleiten, die sich durch eine starke symbolische Ausstrahlung, aber auch durch architektonische Strenge auszeichnete. Gleichwohl stand ihm Frau McIlwaine als die hervorragende Repräsentantin der Bodleian Library, die sie ist, in nichts nach, als sie das Material, ausgehend von Daten und Kuriositäten in Tolkiens Biographie, minutiös ordnete und sich dafür mit seinen akademischen Forschungen, der Editionsgeschichte seiner Meisterwerke wie auch seiner Prosawerke der verschiedensten Art auseinandersetzte, um schließlich zu den amüsanten Briefen seiner Fans und Anhänger aus aller Welt zu kommen: angefangen bei Prinzessin Margrethe von Dänemark, dann der Tochter des US-Präsidenten Lyndon Johnson, die einen ehrergiebigen Brief mit Autogrammwunsch auf einem Bogen mit Briefkopf des Weißen Hauses sandte, bis hin zu einem ansonsten völlig unbekannten Untertanen Ihrer Britischen Majestät, dem das Los zuteil geworden war, sich genau wie Frodos etwas ungewandter, aber unbeugsamer Gefährte auf der Reise zum Schicksalsberg Sam Gamgee [in der deutschen Fassung: Gamdschie] zu nennen, der bescheidene Sam, dem gleichwohl die Ehre zuteil wird, die abschließenden Worte des Romans zu sprechen.

Es ist hochwahrscheinlich, dass sich die Aufmerksamkeit des Lesers auf die vorzüglichen Illustrationen und Fotos konzentriert, es lohnt sich aber, wenn der visuelle Rausch erst einmal abgeklungen ist, zum Wort zurückzukehren, und zwar in diesem Fall zu den Worten von Gelehrten vom Kaliber etwa eines Verlyn Flieger, eines John Garth, vor allem aber eines Tom Shippey, eines Akademiemitglieds und Philologen, der sich durch verwirrende Ironie und formidable Gelehrsamkeit auszeichnet, der Tolkien auf dem Lehrstuhl in Leeds nachfolgte und jahrelang zunächst dessen Schüler und dann dessen Freund war und mit ihm auch die überaus britische Gewohnheit gemein hatte, hinzugehen, sich ein Rugbyspiel anzusehen und zugleich, zwischen einem Up und Under und dem nächsten, auf die Etymologie der Namen der Spieler auf dem Feld zu schließen.

Ihm kam die Aufgabe zu, das große Dilemma von Tolkiens schöpferischer Sphäre zu erläutern: Jene leidenschaftliche Liebe zu den strahlenden nordischen Legenden – als Kind wünschte er sich brennend, einen Drachen zu sehen, wie er schrieb –, die durch seinen tiefen katholischen Glauben gemäßigt wurde, einen Glauben, der so tief war, dass er implizit in die Handlung und in die Symbolik des Romans einging; und auch das seinen eigenen Worten zufolge. Die Lösung, die Tolkien Shippey zufolge fand, der von der Philologie ebenso behext worden war wie sein Meister, kam nicht umhin, linguistischer Art zu sein: Dem finsteren und lodernden Norden wird die Idee eines Frieden stiftenden Westens entgegengesetzt, dem letztlichen Ziel der Glückseligkeit, indem er die metaphysische Rolle eines Worts aus einer umstrittenen Stelle im Beowulf, dem altenglischen (angelsächsischen) Heldengedicht ändert, mit dem sich Tolkiens Lehre an der Universität Jahrzehnte lang befasste.

Ja, und wieder geht es um das Wort. Besser gesagt, ein Wort, denn für den Liebenden reicht das schon aus, um darauf eine ganze Welt zu errichten.

Von Saverio Simonelli

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22. Juli 2019

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