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Die vergessene Enzyklika

Die Zeit von Papst Paul VI. scheint weit zurückzuliegen, ja tatsächlich fast vergessen zu sein, und dasselbe gilt für eines seiner bezeichnendsten Dokumente: die Enzyklika Populorum progressio über den Fortschritt der Völker. Der vor einem halben Jahrhundert veröffentlichte Text trägt das Datum vom 26. März 1967, dem Osterfest, und erregte in der Welt enormes Aufsehen, vergleichbar nur mit dem Streit, den anderthalb Jahre später Humanae vitae wegen der natürlichen Geburtenregelung auslösen sollte. Nicht zufällig kam Montini in besonderer Weise genau auf diese beiden Dokumente zurück, als er am 29. Juni 1978 in einer feierlichen Bilanz auf sein Pontifikat zurückblickte. Der Papst, der sagte, dass ihn »der naturgegebene Ablauf unseres Lebens dem Abend unseres irdischen Daseins entgegenführt«, verstarb vierzig Tage später relativ plötzlich.

Paul VI. erklärte in der erwähnten Predigt am Fest Peter und Paul, dass beide Enzykliken, die Absicht hatten das »bedrohte, behinderte oder sogar unterdrückte« menschliche Leben zu verteidigen, was vom Papst als »unerlässliche Aufgabe« des Lehramtes im Dienst der Wahrheit bezeichnet wird. Kurz nach Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils verpflichtete das neue Bewusstsein von den Forderungen des Evangeliums die Kirche, »sich in den Dienst der Menschen zu stellen«, wie es im ersten Abschnitt von Populorum progressio heißt, einem Text, der zwar mit der Hilfe einer vielfältigen Zusammenarbeit erstellt wurde, aber in der Inspiration, in vielen hervorgehobenen Aspekten sowie in der leidenschaftlichen und eindringlichen Ausdrucksweise unbestreitbar persönliche Akzente trägt.

Wie das häufig in der christlichen Tradition der Fall ist, vermischen sich auch in dieser Enzyklika Altes und Neues: Ein im Grunde vom Evangelium bestimmter Text, der wirksam und mit Weitblick die persönliche Erfahrung Montinis zu vereinen weiß mit Beiträgen des zeitgenössischen Denkens, der Soziallehre der Päpste und der Sicht antiker christlicher Autoren. »Die Erde gehört allen, nicht nur den Reichen«, sagte Ambrosius, der heilige Bischof von Mailand, der in der Enzyklika zitiert wird, die unmittelbar anschließend erklärt, dass das Eigentumsrecht »nach der traditionellen Lehre der Kirchenväter und der großen Theologen« niemals zum Schaden des Gemeinwohls genutzt werden darf.

Der zu Beginn der 1960er Jahre entworfene und herangereifte Text sieht ganz klar, dass die soziale Frage nicht nur eine moralische Frage darstellt, sondern dass sie heute »weltweit geworden« ist. Montini bezieht sich explizit auf seine Reisen als Kardinal nach Lateinamerika sowie Afrika und seine Reisen als Nachfolger des heiligen Petrus ins Heilige Land, nach Indien und New York, an den Sitz der Vereinten Nationen, um eine der eindringlichsten Formulierungen der Enzyklika zu begründen – »Die Völker, die Hunger leiden, bitten die Völker im Wohlstand dringend und inständig um Hilfe« – und sich zum »Anwalt der ärmeren Völker« zu machen.

Seit der Veröffentlichung von Populorum progressio ist ein halbes Jahrhundert vergangen, doch im Großen und Ganzen bleibt die Sicht Montinis in ihrer dramatischen und radikalen Diagnose weiterhin gültig: »Die Weit ist krank. Das Übel liegt jedoch weniger darin, dass die Hilfsquellen versiegt sind oder dass einige wenige alles abschöpfen. Es liegt im Fehlen der brüderlichen Bande unter den Menschen und unter den Völkern.« Wie das auch heute in der Kirche sein Nachfolger, auch wenn er von vielen nicht verstanden wird, unermüdlich wiederholt. Und damit ruft er die Erinnerung an Paul VI. wach.

Giovanni Maria Vian

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21. Januar 2018

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