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Die Unterscheidung

Die Unterscheidung: wir haben es hier mit einem in der christlichen Tradition von alters her vielgebrauchten Begriff zu tun. Er bezieht sich auf die innere Reflexion, die jeder Mensch anstellen sollte, um zu erkennen, welches der Wille Gottes in den entscheidenden Augenblicken der Weichenstellung für sein Leben sei. Er bedeutet, dass man so weit kommt, die Entscheidung gemeinsam mit Gott zu treffen.

Marcello Gallian, »Die Denkerin« (1956)

Wie Enzo Bianchi in seiner Abhandlung »Die Unterscheidung ist eine Gabe des Geistes Gottes, der sich mit unserem Geist vereint und als solcher vom Christen ersehnt und erfleht werden soll« schreibt, handelt es sich dabei um eine Gabe, die wir annehmen und weiterentwickeln sollen, indem wir uns all unserer menschlichen Fähigkeiten bedienen. Dieser Prozess setzt eine grundlegende Voraussetzung voraus, die Gewissensfreiheit, d.h., wie Nathalie Sartou-Lajus erläutert, die Möglichkeit, dass »die besorgte Rückkehr des Gewissens zu sich selbst« erfolge, eines Gewissens, das dazu imstande ist, sein eigenes Vorgehen zu beurteilen und die schwere Bürde der Reue über das begangene Böse zu schultern.

Wir haben uns gefragt, ob die Frauen im Laufe der Geschichte die Möglichkeit gehabt hätten, von der Unterscheidung Gebrauch zu machen, also ob sie die Freiheit hatten, eine Wahl zu treffen, die ihnen von ihrem Gewissen eingegeben worden sei. Die Geschichte Mary Wards, die im 17. Jahrhundert in England die auf Ignatius von Loyola zurückgehende Praxis der Unterscheidung auch in einem Frauenorden einführen wollte, vermittelt uns die Einsicht, wie schwer das gewesen sein muss. Für die Frauen schien das Leben bereits durch andere vorherbestimmt, und die Entscheidungen, die sie trafen, pflegten von den Entscheidungen der Männer »bestimmt« zu sein, denen sie untergeordnet waren.

Aber wenn wir der Unterscheidung eine tiefere Bedeutung verleihen, wenn wir sie als eine bewusstere und aktivere Modalität ansehen, ein christliches Leben zu führen, dann haben sich die Frauen ihrer immer in vollem Umfang bedient. Wenn die Unterscheidung, wie Bianchi schreibt, eine Gabe ist, die der Heilige Geist allen Geschöpfen gewährt hat, und wenn es, um diese Gabe anzunehmen, ausreicht, »sich darin zu üben, zu sehen, zuzuhören und nachzudenken«, wie könnte man dann die Frauen davon ausschließen?

Ihnen diese Fähigkeit zuzugestehen heißt, der Entdeckung der Spiritualität der Frau gegenüber aufgeschlossen zu werden, also gegenüber einer Anwendungspraxis der Unterscheidung, die stärker mit dem Gehör verbunden ist, das den Ereignissen des Lebens, den kleinen Dingen des Alltags verpflichtet ist. Das heißt, dass man einer zwar anderen Art und Weise, sich der Unterscheidung zu bedienen als der männlichen, Raum gewährt, die aber ebenso reich ist wie diese. Es bedeutet, dass man sich von der Selbstbezogenheit befreien muss, die Papst Franziskus so oft schon am kirchlichen Jargon kritisiert hat, um andere Quellen spiritueller Intelligenz entdecken zu können.

Lucetta Scaraffia

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19. Januar 2018

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