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​Die Herausforderungen des Papstes und der Mut zur Brüderlichkeit

In meinem Leitartikel vom 2./3. Januar habe ich auf die »Brüderlichkeit« als das Wort des Jahres verwiesen, um zu betonen, wie dringlich die Wiederentdeckung dieses Wertes ist, der heute mehr denn je grundlegend dafür ist, uns den großen Herausforderungen zu stellen, mit denen sich die Welt in einer Zeit der Krisen wie jenen, die wir derzeit erleben, auseinandersetzen muss. Es gibt aber leider noch ein anderes Wort, das der Brüderlichkeit zur Seite gestellt werden muss, da es deren wichtigster Gegenpart ist, und bei diesem Wort handelt es sich um die »Angst«.

Das erläutert der Theologe Cesare Pagazzi in dem Artikel, den er heute auf unserer Kulturseite veröffentlicht, sehr gut, wo er über das tragischerweise berühmteste Brüderpaar der Bibel nachsinnt: »Die Brüderlichkeit ist nicht etwa aufgrund einer Laune, und auch nicht des allgemeinen Egoismus wegen in die Krise geraten; auch nicht aus Neid oder aufgrund einer Ungerechtigkeit. All diese Dinge sind Wirkungen, nicht die Ursache. Die Erzählung in Genesis 4 ist so raffiniert, dass sie bis zu jenem Punkt vorstößt, an dem sich Gelenke und Mark des brüderlichen Bandes scheiden. Warum bringt Kain Abel um? Aus Angst.« Wir haben es mit der Angst zu tun, dass der Andere uns um unseren Platz im Herzen des Vaters bringen könnte, dass der Andere der Feind sei, der mein Glück zerstören könnte, das letztlich darin besteht, sich geliebt zu fühlen; dieser Angst liegt der Argwohn zugrunde, das mangelnde Vertrauen in die Liebe eines Gottes, an den wir nicht mehr glauben.

Dieses Bibelwort, das der Papst den Menschen unserer Zeit unablässig verkündet. Sein Auftrag scheint in zunehmendem Maße jener eines Menschen zu sein, der die Welt ermutigen will, der überall hingeht: jetzt zu den Jugendlichen (wer bedürfte der Ermutigung mehr als sie?), um ihnen Mut einzuflößen, auch wenn er sich bewusst ist, dass, wie ein berühmter Satz aus einem seiner Lieblingsromane [Manzonis Die Verlobten, dort bezogen auf den Pfarrer Don Abbondio] lautet: »Wenn einer keinen Mut hat, dann kann man ihm auch keinen einflößen«. Eben deshalb ist die Brüderlichkeit grundlegend; bei Brüdern ist sie, dank dieser Öffnung unserer Bindungen, der Quell der Kraft, die es uns gestattet, uns unserer Angst zu stellen.

Der Papst steht bei dieser furchtbaren Herausforderung keineswegs allein auf weiter Flur; auch andere Menschen verspüren dieses Bedürfnis, das dem Handeln des Stellvertreters Christi zugrunde liegt. Vor einigen Tagen hat der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, bei seiner ersten Begegnung des Jahres mit den akkreditierten Journalisten die Angst als »die meistverkaufte Marke der Welt« bezeichnet. »Sie lässt die Einschaltquoten hochschnellen, bringt Wählerstimmen, sorgt dafür, dass Icons mit der Maustaste angeklickt werden.« Wenn einerseits die Brüderlichkeit stets mit dem Dienst einhergeht, so ist andererseits die Angst stets mit der Macht verflochten. Guterres sieht in der politischen Praxis der Multilateralität den Weg, auf die große Herausforderung zu antworten, mit der sich die Regierungen und Institutionen heute auseinandersetzen müssen und die darin besteht, »Interesse zu zeigen und Lösungen zu finden, die mit konkreten Fakten auf die Ängste der Menschen eingehen«.

Diese Nähe des Papstes und des Generalsekretärs der UNO bei ihrer Beurteilung der Krise ist angesichts eines Jahres 2019 ermutigend, das sich in seinem Verlauf als reicher denn je an heiklen Augenblicken und gefährlichen Klippen abzeichnet. Der Papst ist im Begriff, zum Weltjugendtag in Panama aufzubrechen, um den Jugendlichen Mut zu machen, und nach seiner Rückkehr erwarten ihn zwei äußerst delikate Reisen, jene in die Vereinigten Arabischen Emirate und jene nach Marokko. Für die Zeit zwischen diesen beiden Reisen hat der Papst auf Ende Februar die Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen der Welt einberufen, um gemeinsam über den Schutz der Minderjährigen und folglich auch über die Missbrauchsfrage nachzudenken. All das sind Termine, für die es eines ungeheuren Mutes bedarf.

So gesehen sind die innere Kraft und Stärke, mit denen der Papst seinen Weg fortsetzt, vorbildlich. Sein Mut ist keineswegs jener der Verantwortungslosigkeit, noch jener, der auf Furchtlosigkeit zurückgeht (Mut besteht darin, die Angst zu überwinden, nicht darin, keine zu haben); vielmehr haben wir es mit dem Mut eines gläubigen Mannes zu tun, was an das erinnert, was Walter Benjamin in seinen Reflexionen über Paul Klees Angelus Novus sagte, einen Engel, der gerne bei der Vergangenheit verweilen würde: »Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.«

Andrea Monda

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9. Dezember 2019

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