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​Die Gabe des Lachens

· Interview mit Mutter Ignazia Angelini, Äbtissin des Benediktinerinnenklosters von Viboldone ·

Eine Kirche, die über Humor verfügt, die Jesus nacheifert, indem sie von ihm lernt, zu lächeln, zu lachen, und die sich nicht davor fürchtet, von seiner höchst subtilen Ironie getroffen und belehrt zu werden, ist ein wohltuender Balsam für diesen traurigen und melancholischen Westen, der unter Narzissmus leidet. Mutter Ignazia Angelini, Äbtissin des Benediktinerinnenklosters im lombardischen Viboldone, schreibt in ihrem Buch Mentre vi guardo über die Bedeutung des Humors: »Die mächtigste Waffe gegen das Ressentiment ist der Humor, eine unerlässliche Tugendübung.«

Was verstehen Sie unter Ressentiment?

Während das »Gefühl« die Wahrnehmung des eigenen Ich ist, so wie es vom Anderen berührt und gesehen wird, der mich ruft und betrachtet, entsteht das »Ressentiment«, wenn ich mich in mich selbst zurückziehe, mich auf die Wahrnehmung des Anderen so konzentriere, als sei er etwas Heimtückisches, das mich stört und in mich eindringt. Will man das Ressentiment vermeiden, dann muss man das selbstbezogene Ich hinterfragen, die eigenen Grenzen akzeptieren; anerkennen, dass die Gegenwart eines Anderen jenen Teil meines Selbst anspricht, den ich selbst nicht kenne. Man muss zu dem Abenteuer bereit sein, sich selbst als einen Menschen zu entdecken, der wahrgenommen wird, einen Menschen, der aus sich herausgeht, dessen ursprüngliche Berufung darin besteht, als Antwort zu existieren.

Das ist eine grundlegende Passage des monastischen Lebens: Zu leben, indem man sich selbst auf dem Weg über andere empfängt. Das scheint eine unbedeutende Kleinigkeit zu sein, aber es braucht sehr viel Zeit. Der Humor entsteht aus der Wahrnehmung der eigenen Grenzen und jener der Anderen, sowie aus der Wahrnehmung des eigenen Selbst als einer Gabe und Antwort. Der Humor ist die Fähigkeit, über paradoxe Situationen zu lachen, in denen man feststellt, dass man am Boden sitzt wie »eine in Scherben gegangene Statue«, um eine Formulierung von Thérèse von Lisieux zu gebrauchen: Die Ironie, der risus (das Lachen) – und dabei ist wichtig, dass es immer paschalis ist (das Osterlachen) – ist die Fähigkeit, die eigenen Grenzen zu sehen und sie zu segnen, weil sie uns zeigen, dass wir mit einer grenzenlose Liebe verbunden sind, die uns beim Namen nennt und regeneriert. Das ist also grundverschieden sowohl von der spöttischen Ironie, vom zynischen Sarkasmus, als auch vom hohlen Gelächter, das den Menschen banal werden lässt.

Der Humor als Ausdruck der Dezentralisierung von sich selbst, als Gegenmittel sowohl gegen den Narzissmus als auch gegen den geistigen Hochmut, setzt die Erfahrung, sich in den Händen eines verlässlichen Gottes geborgen zu wissen, in die Tat um.

Genau! Wir sind nicht der Nabel der Welt, wir sind in einem Randbereich, der aber, wie man entdecken kann, ein gesegneter und geliebter Randbereich ist. Wer nichts zu verteidigen hat, weil er weiß, dass er von den verlässlichen Händen des Herrn verteidigt und aufgenommen wird, braucht sich nicht darum zu sorgen, wie sein Gesicht aussieht, er braucht keine Bestätigung von seinem Gegenüber: dieser Mensch kann wirklich aus tiefstem Herzen lachen. Die Heiligen verfügen über einen großartigen Humor: Ich denke da beispielsweise an Philipp Neri oder Teresa von Avila. Und es wäre undenkbar, die heilige Scholastika zu übergehen: Ihre Treffen mit Benedikt standen ganz unter dem Vorzeichen der Ironie.

Können wir den Humor als den Ausdruck der »christlichen Ungezwungenheit, deren Garant der Heilige Geist ist« verstehen, über die Kardinal Martini geschrieben hat? Kann man in diesem Sinne behaupten, dass der Humor mit den Gaben des Heiligen Geistes einhergeht?

Ja. Ich meine, dass diese Ungezwungenheit überaus wirklichkeitsnah bei dem jungen Mann im Markusevangelium dargestellt ist, der in der Nacht der Passion Jesu flieht, dabei seinen leinenen Überwurf zurücklässt und der Gewalt mit der Leichtigkeit einer entwaffnenden Nacktheit entschlüpft. Unbekümmertheit ist die Fähigkeit, sich selbst zu relativieren, sich in steter Bewegung zu akzeptieren, in der Gewissheit, dass einer jeden Erfahrung, selbst der härtesten und schwierigsten, etwas Höheres innewohnt, das einen ruft. Die Grenzen einer Situation wahrzunehmen ermöglicht, sie rascher zu überwinden. Was den Menschen beschwert, ist seine Suche nach sich selbst und nach der Selbsterlösung, die ihn daran hindert, die Wunden seines Ich und der erfahrenen Enttäuschungen zu überwinden, die zur Lähmung führen: es ist dann nicht länger möglich, voranzukommen. Auch übermäßiger Schmerz kann zur Erstarrung führen, aber das steht, so paradox das auch erscheinen mag, dann, wenn es gläubig durchlebt wird, in keinem Gegensatz zum Humor: der Schmerz lässt nicht so hart werden, dass man keinerlei Horizont mehr wahrnehmen kann. Ich denke da etwa an Jesus im schmerzreichsten Augenblick seines Lebens: Ich stelle mir vor, dass, als er den Seinen sagt: »Konntet ihr nicht einmal eine Stunde mit mir wachen?« und kurz darauf hinzufügt: »Schlaft ruhig«, ein gütiges Lächeln über seine Lippen huscht. Dieses Lächeln offenbart, dass die Liebe größer ist als die Grenzen der Jünger, es schließt sie mit ein und spricht sie frei. Die Verleugnung Petri ist im Opfer von Jesu Leben inbegriffen, das dieser während des Letzten Abendmahls angekündigt hatte. Der Lächelnde Christus, die wundervolle hölzerne Skulptur, die in der Abtei Lérins aufbewahrt wird, ist ein beredtes Zeichen dafür. Mir scheint demnach, dass man behaupten kann, dass der Humor – im bisher beschriebenen Verständnis – eine Gabe des Heiligen Geistes sei. Er ist enthalten in der Weisheit, die uns dazu befähigt, den Geschmack der Dinge zu spüren, ihre Grenzen zu sehen, ebenso aber auch ihre symbolische Tragweite, sowie in der Pietas, unter der jenes gute – dem Selbst entzogene – Zugehörigkeitsgefühl zu Gott und zum Nächsten verstanden werden kann.

Die Ironie und das Lachen sind auch auf den Seiten der Heiligen Schrift zu finden: Können Sie sich an einige erinnern, die ihres Erachtens bedeutungsträchtig sein?

Ich denke da beispielsweise an Sara: Das Lachen ist die erste Empfindung, die sie bei der Ankündigung ihrer Mutterschaft verspürt. Sara bricht gerade deswegen in Lachen aus, weil der Sohn, den sie empfangen wird und den sie so sehr ersehnt hatte, eine paradoxe Gabe ist. Aber ich denke auch an kämpferische Frauengestalten wie etwa Debora oder an die Kanaaniterin, die Jesus begegnete. Der Humor zieht sich quer durch die Bibel – oft in den Nebenrollen –, als Ausdruck der Empfindung, dass der Erzählfaden paradoxen Logiken folgt, weil er von oben gesponnen wird, durch die Gnade statt durch den Arm der Mächtigen. Die unzähligen Begebenheiten sind bedeutsam, die lehren, die eigenen Grenzen als symbolische Grenzen zu verstehen, die uns nicht etwa in der Beschränktheit erdrücken, sondern uns zur Transzendenz hin öffnen und dabei wohl den Logiken des Geschenks und des Glaubens folgen, nicht aber denen des Heroismus und der Selbstbezogenheit. Die von Papst Franziskus stigmatisierte geistliche Weltlichkeit ist eine Selbstbezogenheit, die sich durch eine allen Humor entbehren lassende Ernsthaftigkeit und Steifheit auszeichnet, der doch das Salz aller festen und zuverlässigen Beziehungen darstellt.

»Wir sind nicht gerade daran gewöhnt, uns Jesus lächelnd oder fröhlich vorzustellen«, hat Papst Franziskus gesagt. Welche Form des Lächelns Jesu berührt Sie am meisten?

Jenes, das er den Kindern und den Kleinen schenkt; und auch jenes, das an die unbeholfenen Jünger gerichtet ist, deren Verletzlichkeit er sah, und das Zusammenspiel aus der unverbrüchliche Treue des Vaters und den Spuren seiner Transzendenz. Mich berührt auch die zugleich liebevolle und schneidende Ironie, die er dickköpfigen Jüngern und polemischen Gesprächspartnern vorbehält. Ich denke hier vor allem an Lukas 10,20, eine Bibelstelle, die für mich einen Höhepunkt darstellt: Als die Jünger hochzufrieden mit den erzielten Erfolgen von ihrer Aussendung zurückkommen, sagt er lächelnd: »Freut euch nicht darüber, dass euch die Geister gehorchen, sondern freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind.« Und dann jubelt er, vom Heiligen Geist erfüllt, voller Freude und richtet jenes großartige Lob an den Vater, das die Frohe Botschaft und die Verkehrung der Logiken der Welt beschreibt. Jesus lacht über die Triumphe seiner Abgesandten und freut sich darüber, wie klein sie sind.

Gott will geliebt, nicht aber geduldet werden:Er lächelt und lacht, und das möchte er auch mit uns tun. Kommt es vor, dass sie mit Gott lachen oder lächeln?

So hat es angefangen: Mit einem Lächeln. Warum suchte Gott in der abendlichen Brise nach Adam? Gewiss nicht, um zu streiten: Er wollte mit ihm gemeinsam das Wunder dieser Welt genießen, die er erschaffen hatte und die er als so schön und gut ansieht. Sie dürften zufriedene Blicke und ein Lächeln ausgetauscht haben vor Glück. Und ich denke, dass Gott sich gut dabei unterhalten hat und ein weiteres Mal zufrieden gelächelt hat, als er sah, wie Adam, als er ihm Eva brachte, von Zufriedenheit erfüllt wurde. Bei manchen Anlässen kommt es vor, dass man vor Gott steht und mit ihm gemeinsam lacht: Mir passiert das beispielsweise jedes Mal dann, wenn ich die Grenze wahrnehme, die mir gesetzt ist und einsehe, dass das fruchtbar ist, und zwar nicht etwa aufgrund meines Engagements oder der Opfer, die ich bringe, sondern weil Gott sie segnet und sich in Liebe über das neigt, was Nichts ist.

Ungaretti schreibt: »Für einen Gott, der wie ein Kind lacht, / Soviel Sperlingsschreie, / Soviel Tänze in den Zweigen, / Eine Seele wird sich leicht, / Die Wiesen haben eine solche Zärtlichkeit, Solche Scham wird in den Augen wieder lebendig, / Die Hände wie Blätter / Verzaubern in der Luft… / Wer fürchtet noch, wer urteilt?« [Giuseppe Ungaretti, Senza più peso / Ohne Gewicht; Übersetzung: Ingeborg Bachmann].

In diesen Versen, die ich sehr liebe, atmet man diese Leichtigkeit, von der ich gesprochen habe, und Unschuld. Dieser lächelnde Gott zieht den Bierernst derer ins Lächerliche, die sich deshalb für erwachsen halten, weil sie über Alles und Alle zu Gericht sitzen und katalogisieren. Die Versuchung, etwas mit Etiketten zu versehen, die Menschen in wohl definierte Kategorien einzuordnen, verbirgt immer auch den Wunsch nach Herrschaft. Die Erzählweise der Bibel hingegen folgt anderen Maßstäben, sie hat es nicht nötig, einzuordnen: sie ist von Grund auf symbolisch. Die Dynamiken der Offenbarung sind paradox, es sind die Dynamiken der Unentgeltlichkeit, der Vergebung: Alles beginnt beim kleinen Rest, und da, wo viel Sünde ist, ist Gnade in überreichem Maß vorhanden… Der Einsatz dieser Dynamiken ermöglicht eine narrative Wiedergabe der Wirklichkeit, die keiner Kataloge bedarf, sondern des Geistes, von dem du weder weißt, woher er kommt, noch wohin er geht. Der Geist verfügt über einen höchst subtilen Humor.

Mutter Ignazia Angelini, die 1944 in der Region der Marken geboren wurde und Adoptiv-Mailänderin ist, ist seit 1996 Äbtissin des Klosters von Vibaldone in der Provinz Mailand. Sie unterrichtete früher an der Theologischen Fakultät für Norditalien Geschichte der Spiritualität. Sie ist u. a. die Autorin von: Mentre vi guardo (Einaudi, 2013), Nei paesaggi dell’anima (Vita e Pensiero, 2012), Donne in cerca di Dio (La Scuola, 2011), Un silenzio pieno di sguardo (Edizioni Dehoniane, 1999).

Von Cristina Uguccioni

(Orig. ital. in O.R., Monatsbeilage »Frauen – Kirche – Welt«, Mai 2015)

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