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Die einzigen die ihn nicht verlassen haben

· Die Frauen, die Wohlgeruch brachten, um die Finsternis zu vertreiben ·

Wenn wir in der Osterwoche der Erzählung von der Passion Christi, seiner Kreuzigung und seinem Tod lauschen, erstaunt uns eines immer wieder ganz besonders: die Treue einiger weniger, die ihm nachgefolgt sind – vor allem Frauen, von denen uns das Evangelium kaum mehr als das berichtet. Die Jünger Christi waren geflohen, hatten ihn verlassen. Von Judas wurde er verraten, von Petrus dreimal verleugnet.

Ganze Menschenmengen waren Christus gefolgt, um seinen Predigten zu lauschen. Alle erhofften sich etwas von ihm: Hilfe, Wunder, Heilung; man hoffte auf die Befreiung von dem verhassten römischen Joch, die Neugestaltung der irdischen Ordnung. Den Sinn seiner Lehre – die Predigten, die von Selbstaufopferung sprachen, von Liebe und bedingungsloser Hingabe – verstanden diese vielen Menschen zwar nicht ganz, aber das war ihnen auch nicht wichtig. Christus konnte ihnen helfen, und deshalb wendeten sie sich ihm zu, folgten ihm nach.

Dann aber begann der Hass der Mächtigen, der Führer des Volkes auf ihn zu wachsen. Aus den Predigten Christi, die sich um die Liebe rankten, klang immer deutlicher die Vorhersage heraus, daß er sich selbst aus Liebe opfern würde. Da begann die Menge, sich zu zerstreuen, sich aufzulösen. Ein letztes Aufflackern des irdischen Ruhmes, des menschlichen Erfolges Christi war bei seinem triumphalen Einzug in Jerusalem zu spüren, als – wie es im Evangelium heißt – »die ganze Stadt in Aufregung geriet« ( Mt 21,10). Aber es war nur ein Augenblick. Oder bereiteten diese Menschen Christus vielleicht nicht gerade deshalb einen so begeisterten und feierlichen Empfang, weil sie sich wieder einmal etwas von ihm erhofften, weil er ihnen ein irdisches Reich geben sollte, einen irdischen Sieg, ein Reich voller Kraft und Herrlichkeit?

All das war nur von kurzer Dauer. Das Licht verlöschte, und auf den Palmsonntag folgten Finsternis, Einsamkeit und die bittere Trauer der Passionswoche. Das Schlimmste in diesen letzten Tagen war wohl der Verrat der Seinen, der Jünger; jener Männer, denen sich Christus bedingungslos geschenkt hatte. Im Garten Getsemani harrten nicht einmal jene drei aus, die ihm am nächsten standen: als Jesus von Todesangst gequält wurde, Blut schwitzte und sich auf einen schrecklichen Tod vorbereitete, schliefen sie einfach ein. Wir wissen, daß Petrus trotz aller Schwüre, mit Christus in den Tod gehen zu wollen, im letzten Moment doch zu zaudern begann, ihn im Stich ließ, ihn verleugnete und verriet… »da verließen ihn alle Jünger und flohen…«, schreibt der Evangelist ( Mt 26,56).

Doch in Wahrheit waren nicht alle geflohen. Zu Füßen des Kreuzes schlägt die Stunde der menschlichen Treue, der menschlichen Liebe. Jene Frauen, die in den Momenten des »Erfolges« so fern schienen, daß wir ihnen im Evangelium kaum begegnen, jene, denen Jesus, wie uns der Evangelist berichtet, nicht von seiner Auferstehung erzählt hatte, für die also in jener finsteren Nacht zu Füßen des Kreuzes wirklich alles vorbei, unwiederbringlich verloren war. Gerade diese Menschen blieben ihm treu und bezeugten damit ihre menschliche Liebe. Johannes schreibt: »Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala« ( Joh 19,25).

Dann, nach dem Tode Jesu, »kam gegen Abend ein reicher Mann aus Arimathäa namens Josef; auch er war ein Jünger Jesu. Er ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu. Da befahl Pilatus, ihm den Leichnam zu überlassen. Josef nahm ihn und hüllte ihn in ein reines Leinentuch. Dann legte er ihn in ein neues Grab, das er für sich selbst in einen Felsen hatte hauen lassen. Er wälzte einen großen Stein vor den Eingang des Grabes und ging weg« ( Mt 27,57–60). Nach dem Sabbat, am Morgen des dritten Tages, begaben sich diese Frauen zum Grab, um den Leichnam, wie es der Brauch wollte, mit wohlriechenden Ölen zu salben. So kam es, daß Jesus gerade ihnen zum ersten Mal erschien; daß sie es waren, die zum ersten Mal sein »Seid gegrüßt!« vernahmen, das zum Inbegriff der christlichen Kraft werden sollte.

Diesen Menschen, diesen Frauen, hatte Christus nicht wie den zwölf Aposteln, die er um sich geschart hatte, die Geheimnisse der Zukunft verraten. Sie kannten weder den Sinn seines Todes noch die Geheimnisse seines kommenden Sieges, der kommenden Auferstehung. Für sie war der Tod des Freundes und Meisters der Tod, das Ende. Und es war ein schrecklicher, ein entwürdigender Tod, ein fürchterliches Ende, ein Riss. Sie harrten nur deshalb zu Füßen des Kreuzes aus, weil sie Jesus liebten, weil sie ihn liebten und Mitleid mit ihm hatten. Sie ließen diesen zerschundenen Leib nicht zurück, sondern taten alles, was die Liebe beim letzten Abschied zu tun gebietet. Jene aber, die Jesus gebeten hatte, in der Stunde des schrecklichen Kampfes bei ihm zu bleiben, als »ihn Angst und Traurigkeit ergriff«, wie es im Evangelium heißt ( Mt 26,37), verließen ihn nicht nur, sondern flohen, verleugneten ihn.

Jene aber, die er um nichts gebeten hatte, blieben ihrer einfachen menschlichen Liebe treu. »Maria stand vor dem Grab und weinte.« So weint die Liebe auf ewig, wie Christus selbst am Grab des Freundes Lazarus geweint hatte. Und es ist gerade diese Liebe, die zuerst vom Sieg erfährt. Dieser Liebe, dieser Treue wird zuerst die Gewißheit zuteil, daß nicht mehr geweint werden muss, daß »der Tod verschlungen ist vom Sieg«; daß es diese verzweifelte Trennung nicht mehr gibt, nie mehr geben wird.

Das ist der Sinn der Episode der Frauen unter dem Kreuz und am Grab Jesu. Sie erinnert uns daran, daß die Liebe und die Treue allein in dieser bodenlosen Dunkelheit aufleuchteten. Sie gemahnt uns daran, daß wir die Liebe und die Treue nicht sterben lassen, in der Welt nicht untergehen lassen dürfen. Sie führt uns unseren Kleinmut vor Augen, unsere Angst, unsere ständigen beflissenen Versuche, Rechtfertigungen für unser Tun zu finden. Die so gut wie unbekannten Gestalten des Josef und des Nikodemus, diese Frauen, die sich beim Morgengrauen zum Grab begeben haben, nehmen im Evangelium so wenig Platz ein. Und doch entscheidet sich gerade hier unser aller ewiges Schicksal.

Ich glaube, daß wir uns gerade heute ganz besonders auf diese Liebe, auf diese einfache Treue besinnen müssen. Wir leben nämlich in einer Zeit, in der auch diese Erfahrungen entweiht werden von der falschen Lehre über den Menschen und das menschliche Leben, die auf der Welt vorherrscht. Dabei wurde die Welt die Jahrhunderte hindurch doch immer wieder von einem schwachen Widerschein der Treue, Liebe und des Mitgefühls erhellt, die im Moment der Passion des Menschensohns, den alle verlassen hatten, spürbar wurden. Wir müssen uns an allem, was in unserer Welt von der Wärme und dem Licht dieser einfachen menschlichen Liebe noch übrig ist, festhalten wie an einem Rettungsanker. Die Liebe fragt nicht nach Theorien oder Ideologien – sie wendet sich an das Herz und die Seele des Menschen.

Die Geschichte zieht lärmend vorbei, Reiche blühen und vergehen, die Kultur schreitet voran, blutige Kriege wüten auf der Erde, aber überall in unserer finsteren, tragischen Geschichte leuchtet doch immer wieder die Gestalt der Frau auf als Sinnbild der Sorge, der Hingabe, Liebe und des Mitgefühls. Ohne diese Präsenz, ohne dieses Licht, wäre unsere Welt eine schreckliche Welt, trotz aller Erfolge und Errungenschaften. Es ist keine Übertreibung zu sagen, daß es die Frau war, die die Menschlichkeit des Menschen
gerettet hat, ja sie noch immer rettet – und nicht durch Worte, Gedanken, sondern gerade durch ihre stille, fürsorgliche und liebevolle Gegenwart.

Und wenn trotz aller Übel auf der Welt das geheimnisvolle Fest des Lebens weitergeht, wenn es in einem bescheidenen kleinen Zimmer, an einem armseligen Mahltisch mit derselben Freude gefeiert wird wie in einem Palast, dann sind die Freude und das Licht dieses Festes in ihr eingeschlossen, in der Frau, in ihrer Liebe und in ihrer unerschöpflichen Treue. »Sie haben keinen Wein mehr.« Solange sie da ist – Mutter, Braut, Geliebte – wird es immer Wein, Liebe geben, wird es Licht für alle geben.

Aleksandr Smeman

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25. März 2019

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