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Die eigene Begrenztheit als Stärke sehen

· Die amerikanische Schriftstellerin Flannery O’Connor ·

Flannery O’Connor, die 1925 in Savannah (Georgia) als Tochter irischstämmiger Eltern geboren wurde, hatte nur wenig Zeit zur Verfügung und war sich dessen wohl bewusst: Ein vom Vater geerbter Lupus erythematodes (eine schwere Insuffizienz des Immunsystems) sollte sie in den frühen Morgenstunden des 3. August 1964 im Alter von erst 39 Jahren das Leben kosten. Sie hinterließ eine Pfauenzucht und eine zwar kleines, aber eine eindeutig überdurchschnittliche Begabung verratendes literarisches Oeuvre.

Ihr Leben verzeichnet wenig bedeutende biographische Elemente, sieht man einmal von einem zweimonatigen Aufenthalt im Staat New York und einer Europareise ab, auf der sie, bereits schwer krank, an einer Papstaudienz im Vatikan und an einer Wallfahrt nach Lourdes teilnahm. Als sie 1951 in Atlanta aus dem Krankenhaus entlassen wurde und zu schwach war, um Treppen zu steigen, zog Flannery O’Connor mit ihrer Mutter nach Andalusia, in das alte Farmhaus der Familie unweit der Stadt Milledgeville, einer kleinen Landstadt in Georgia. Im Erdgeschoss der Farm schrieb sie ihren ersten Roman, Wise Blood (1952; dt. Die Weisheit des Blutes bzw. Der Ketzer, 1970 von John Huston verfilmt).

Obwohl sie sehr leiden musste, hielt Flannery O’Connor die Isolation, zu der sie die Krankheit zwang, für einen Segen: »Herr, ich bin zufrieden, eine als Einsiedlerin lebende Schriftstellerin zu sein«, wie sie an eine Freundin schrieb. Denn so sah sie sich mit für einer für sie grundlegenden Erfahrung konfrontiert, mit der sich jeder von uns auf irgendeine Weise auseinandersetzen muss: »die Erfahrung der Begrenztheit«. Im Übrigen betrachtete sie ihren Gesundheitszustand mit einem tiefgründigen Sinn für Humor, insofern sie sich ihrer Krücken wegen als »ein Bauwerk mit aufstrebenden Bögen« definierte und sich brieflich mit den verharmlosenden Worten verabschiedete: »Ich muss auf meinen beiden Aluminiumbeinen scheiden.«

Der Krankheit und der begrenzten literarischen Produktion zum Trotze war Flannery O’Connor Erfolg beschieden. Ihre siebenundzwanzig Erzählungen und die beiden Romane trugen ihr noch zu Lebzeiten zwei Ehrendoktorwürden ein, und sie gewann dreimal den O. Henry-Preis. 1988 wurde ihr Werk in die renommierte Reihe »Library of America« (»Amerikanische Bibliothek«) aufgenommen, eine Ehre, die bis dahin von den zeitgenössischen Schriftstellern nur William Faulkner zuteil geworden war.

Was nun die italienischen Ausgaben ihrer Werke anbelangt, so kommen hier gleich die schlechten Nachrichten: Wenn ihre Romane und Erzählungen auch in ungekürzten Fassungen erschienen sind, so kann dies von ihren Essays, vor allem aber von ihren bislang nur teilweise übersetzten Briefen nicht behauptet werden. Will man eine Deutung des nicht gerade geringen, so doch mühsamen Erfolgs dieser Schriftstellerin in Italien wagen, so ist zunächst der Tatsache zuzustimmen, dass die Wurzeln von Flannery O’Connors literarischem Werk in einem versengenden, persönlichen und radikalen Katholizismus gründen. So kann es nicht überraschen, dass sie Vorurteile und zensierende Reaktionen auslösen mag. Ihre Schriften nehmen aber nicht nur die vage laizistische, rationalistische und aufklärerische Vernunft des Atheisten und des Agnostikers aufs Korn. Sie wollen – voller Ironie und Sarkasmus – auch und vor allem den rechtschaffenen und respektablen Leser provozieren, der für einen konventionellen, oft heuchlerischen und bigotten Katholizismus steht.

Ein glasklarer, schneller Schreibstil, der die äußersten Grenzen eines Randgebietes umreißt, in dem sich exzentrische und verrückte Charaktere bewegen, die gleichwohl unbeugsame Sucher des Absoluten sind. Hartnäckig in sich selbst verschlossene Seelen bis zu dem Augenblick, wenn sich eine unvorhergesehene Gewalttat ereignet, die Überzeugungen und Engstirnigkeit aushebelt. Die so erreichte Öffnung kostet sie Blut und Tränen, aber das ist der einzig mögliche Weg, um in die Nähe des Mysteriums zu gelangen. Ein Mysterium, das Flannery O’Connor zufolge in der intuitiven Erkenntnis eines Gottes besteht, der den Menschen übersteigt und erlöst, indem er dessen Unvollendetheit und Zerbrechlichkeit heilt, die ein Synonym des Menschlichen ist.

Diese Prosa zu lesen heißt also, ein spirituell anstrengendes Gebiet zu betreten. Es bedeutet, dass man die Wirklichkeit im Licht eines mitunter erschütternden christlichen Realismus betrachtet, der die Begrenztheit des Menschen in dessen Stärke verwandelt. Ein umso erbarmungsloserer Blick, je mehr er auf ein weitaus größeres und bedingungsloses Erbarmen verweist.

Von Elena Buia Rutt

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25. März 2019

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