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Die Dichtung, die den Schiffbruch überlebte

· ​Percy Bysshe Shelley und die Liebe zu Italien ·

In der Zeit zwischen dem Ende des 18. Jahrhunderts und den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts stellte die sogenannte Grand Tourbzw. Kavalierstour, die Reise aus Mittel- bzw. Nordeuropa nach Italien, und zwar mindestens bis nach Rom, mitunter aber auch bis Neapel und nach Sizilien, für einige Generationen junger Literaten – größtenteils Dichter – den faszinierenden Höhepunkt ihrer klassischen Studien dar. Zur Mythisierung jenes Landes, das die römische Zivilisation, die civitas christiana, die künstlerisch-literarische Renaissance, die opulente Barockarchitektur hervorgebracht hatte, trug auch der Zeitgeist bei, d.h. die Ideologie und die Empfindsamkeit der Romantik. 20- und 30-Jährige, die sich unter dem Einfluss von Winckelmanns archäologischem Klassizismus mit den Schriften eines Platon und Sophokles, eines Catull und Vergil beschäftigt hatten, unternahmen eine Art intellektueller Wallfahrt auf den Spuren Goethes, der mit seiner Italienischen Reise (1786-1788) die Rolle des Vorreiters übernommen hatte. Unter den Franzosen ahmte ihn etwa Chateaubriand nach (1804), vor allem aber der »Mailänder« Stendhal (seit 1800-1802 mehrmals). Unter den Engländern wäre Byron zu nennen (mehrere Aufenthalte in den Jahren 1816-1823) sowie Keats (der, gerade einmal 25 Jahre alt, 1821 in Rom verstarb).

Aber keiner der angelsächsischen Romantiker liebte Italien so sehr wie Percy Bysshe Shelley (1792-1822). Er setzte erstmals im Frühjahr 1818 einen Fuß auf italienischen Boden, als er erleichtert dem ultramonarchistischen und bigotten England den Rücken kehren konnte, das seinem Freiheitsdrang unerträglich war, und er sollte Italien nie wieder verlassen. Gemeinsam mit seiner zweiten Frau Mary Godwin (der Verfasserin des überaus erfolgreichen Romanes Frankenstein), seiner Schwägerin sowie drei Kindern, von denen zwei noch im Kindesalter sterben sollten, zog er in einer frenetischen Wanderschaft von einem Ort zum nächsten. Dieses Tourbillonitalienischer Städte, von Turin nach Mailand und Venedig, von Florenz nach Pisa und Livorno, von Ferrara nach Rom und Neapel und von da wieder zurück in die Toskana schenkte der unerschöpflichen Kreativität des ins Bel paese, ins »Paradies der Exilierten« verliebten Reisenden historisch-landschaftliche Anregungen, die er mit der Feder zu Bühnenausstattungen, Rahmen und Atmosphären voll verzaubernder Beschwörungskraft verklärte. Das gilt sowohl dann, wenn der Keim eines Werkes in der Rückkehr zu einem mythologischen Kern bestand, wie bei dem lyrischen Drama Prometheus Unbound (»Der entfesselte Prometheus«), einer visionären Fortsetzung von Aischylos’ Gefesseltem Prometheus(ΠρομηθεὺςΔεσμώτης), als auch dann, wenn die poetische Einbildungskraft eine Geschichte mit romantischer Dramatik einfärbte, die sich Ende des 16. Jahrhunderts wirklich zugetragen hatte: Das trifft auf die fünfaktige Tragödie The Cenci (»Die Cenci«) zu, die ein leider auch heute noch aktuelles Thema entwickelt und die unglückselige Geschichte der Beatrice Cenci nacherzählt, Opfer der inzestuösen Vergewaltigung durch den Vater, den sie dann mittels eines paradoxerweise kathartischen Komplotts hatte umbringen lassen, was sowohl dazu führte, dass sie zum Tod verurteilt wurde als dass sie am Ende vor dem Hintergrund eines schwefelfarbenen römischen Himmels in die Erlösung eingeht (und es sei betont, dass es sich hier um ein interessantes Experiment eines philosophisch-theologischen »Thesen-«Theaters handelt, das den Vergleich mit der Dramaturgie eines Alfieri oder Manzoni keineswegs zu scheuen braucht).

Shelleys italophile Haltung spiegelt nicht nur seine bewundernde Kenntnis unseres literarischen Erbes von den Anfängen bis zum 17. Jahrhundert wider, sondern es betrifft auch die Fragmentarisierung der Halbinsel in eine Vielzahl von Staaten und Kleinstaaten, die von autoritären Regimes regiert wurden. Zur selben Zeit, als Griechenland das Joch der ottomanischen Herrschaft abschüttelt, versucht der englische Dichter, den Unabhängigkeitstrieb und das Streben nach nationaler Einheit der geknechteten italienischen Bevölkerungen mit Akzenten wachzurütteln, die einerseits ein Echo der eindringlichen Appelle eines Dante und Petrarca zu sein scheinen (zweier von ihm gefeierter »Kultautoren«) und andererseits die Epik des Risorgimento vorwegnehmen: »O Italy, / Gather thy blood into thy heart; repress / The beasts who make their dens thy sacred palaces« (Ode to Liberty, XIV, 208-210; übersetzt: »Oh Italien, / sammle Dein Blut in Deinem Herzen, bezwinge / die Bestien, die in Deinen heiligen Palästen ihren Bau eingerichtet haben«). Und in einer anderen Ode, die Neapel gewidmet ist, werden alle größeren Städte – Mailand, Genua, Venedig, Florenz, Rom – ideell dazu anspornt, ihre althergebrachte Würde wiederherzustellen, indem sie jede absolute Herrschaft zu Fall bringen.

Es mag als ein grausamer Scherz des Schicksals erscheinen, dass das, was Shelleys noch jungem Leben ein Ende setzte, dessen Kürze (30 Jahre) in überraschendem Kontrast zum Ausmaß seiner Produktion an Poesie und Prosa steht, die mörderische Wut der entfesselten Naturgewalten ausgerechnet in seiner geliebten Wahlheimat war. Bekanntlich kam der abenteuerlustige britische Intellektuelle am 8. Juli 1822 durch Ertrinken im Tyrrhenischen Meer ums Leben, auf offener See vor der Küste der Versilia [einer Küstenlandschaft im Nordwesten der Toskana]. Das kleine Segelboot, mit dem er zusammen mit einem Freund und einem Schiffsjungen (die zusammen mit ihm ertranken) nach Lerici unterwegs war, war in einen im Übrigen alles andere als unerwarteten Sturm geraten. Tage später wurden die Leichen der drei Schiffbrüchigen von der Strömung am Strand von Viareggio an Land gespült, wo sie dann eingeäschert wurden. Die Urne mit Shelleys Asche sollte später auf dem Protestantischen Friedhof von Rom bei der Cestius-Pyramide beigesetzt werden.

Es gibt ein fast schon »hellseherisch« anmutendes Detail, das diejenigen beeindruckt, die Shelleys wichtigste und fast vollständige Opere liriche (Dichtwerke) durchblättern, die [auf Italienisch] in der renommierten Reihe der »Meridiani« im Mondadori-Verlag erschienen sind (CXL und1620 Seiten, EUR 80), die von Francesco Rognoni, einem Anglisten der Katholischen Universität, unter Mitarbeit von Valentina Varinelli herausgegeben und in strikt chronologischer Reihenfolge gegliedert wurde, wobei darauf achtgegeben wurde, die eleganten und präzisen Übersetzungen von Massimo Mandolini Pesaresi dem Originaltext gegenüberzustellen und mit erschöpfenden Textapparaten zu versehen (Einführung, Chronologie, ausführliche, wertvolle Anmerkungen, eine Bibliographie und sogar ein Appendix Italienischer Verse samt eigenen Übersetzungen, lyrischen Fragmenten und Textentwürfen, die eine gute Kenntnis der italienischen Sprache verraten).

Das bereits erwähnte Detail besteht in der Vorahnung des eigenen Todes im Meer: Die der romantischen Stimmung so teure, immer wiederkehrende Beschreibung realer oder auch metaphorischer Stürme und Schiffbrüche, so etwa in Alastor, Lines Written among the Euganean Hillsbzw. auch in Julian and Maddalo – eine Vision des Meeres, die in Adonais, LV, 488-490 ganz explizit wird: »my spirit’s bark« [eine Anspielung auf Dantes »navicella del mio ingegno«, Purgatorio I 3] »is driven / Far from the shore, far from the trembling throng / Whose sails were never to the tempest given«(»Die Barke meines Geistes wird weit von dem Gestade abgetrieben / fernab von der erschaudernden Menschenmenge, / deren Segel dem Sturme niemals ausgesetzt wurden«).

Es wird vermutet, dass bei manchen Fällen eines gewaltsamen Todes vor dem inneren Auge der im fatalen letzten Augenblick konzentrierten Erinnerung die Bilanz eines ganzen Lebens gezogen wird. Könnte dieses übersinnliche Phänomen auch Shelley in jenem Augenblick zuteil geworden sein, als er im Begriff war, in den sturmgepeitschten Fluten des Mittelmeers zu versinken? Sollte ihm ein derartiges blitzschnelles Resümee seines Lebens gewährt worden sein, dann dürfte er vermutlich virtuell teils begeisternde, teils deprimierende Episoden nacherlebt haben: seine klassischen Studien, seinen Verweis aus der Universität Oxford infolge der Veröffentlichung des Pamphlets The Necessity of Atheism, den Streit mit dem Vater, seine beiden Ehen, die Geburten und den Tod seiner Kinder, die empfindsamen Reisen in Italien, die Freundschaften und die erfahrenen Anfeindungen, die Vielzahl der verfassten Schriften unter dem Druck einer polymorphen und unersättlichen Eingebung unter dem Vorzeichen einer prächtigen imagery, der Vorstellungskraft, die auf die Vorbilder von Blake und Wordsworth zurückging. Welche seiner Werke mögen an der Schwelle zum Jenseits vor seinem geistigen Auge Revue passiert haben? Hypothetisch könnte es sich dabei um einige seiner einfallsreichsten Werke handeln, so etwa den phantasmagorischen Prometheus, das metaphysische Epipsychidion, das lyrische Drama Hellas, einen ungestümen Beitrag zugunsten des griechischen Freiheitskampfes (in dessen Vorwort wir auf den nachdrücklichen Ausspruch We are all Greeks…, »Wir sind alle Griechen…«, stoßen, auf den der Titel einer genialen Apologie der griechischen Sprache und Literatur zurückgeht, die Giuseppe Zanetto, seines Zeichens Gräzist an der Staatlichen Universität Mailand, bei Feltrinelli veröffentlicht hat).

Vielleicht hat sich der sterbende Schiffbrüchige auch jener Seiten erinnert, die in die von Rognoni und seinen Mitarbeitern bei Mondadori veröffentlichte Werkausgabe in einen zweiten Band in der Reihe der »Meridiani« eingegangen sind, der mit Teatro, prose e lettere überschrieben ist (»Theaterstücke, Prosa und Briefe«; LXIV, 1344 Seiten, EUR 80): die bereits erwähnte Tragödie der Familie Cenci; das philosophische Gedicht Queen Mab, das versucht, das Vorurteil gegenüber dem Klerus in kosmischer Lesart zu überwinden, indem es den Geist über den Tod hinaus projiziert, hin zu »blauen Inseln und strahlenden Himmeln / und glücksel’gen Regionen ew’ger Hoffnung«; eine Handvoll Essays, in denen Shelley im Rahmen einer zwar »laizistischen« Religiosität, die aber die christlichen Werte keineswegs vergisst, in Vorwegnahme künftiger Vorläufer modernen Denkens über Themen mit hohem kulturellem, ethischem und sozialen Anspruch reflektiert. Und gerade diese argumentativen, leidenschaftlich engagierten Prosatexte vermögen es, sich durchzusetzen, da sie dem Geschmack von uns Lesern des 21. Jahrhunderts besonders geistesverwandt sind und die unschuldig-naive Sentimentalität des »gotischen« Schauerromans Zastrozzi ausgleichen, den er im Alter von erst 18 Jahren verfasst hatte. Man denke da etwa an seine Anprangerung der untergeordneten Stellung und grundsätzlichen Versklavung der Frau im hochzivilisierten demokratischen Athen zur Zeit des Perikles (On the Literature, the Arts and the Manners of the Athenians): Shelley fordert im Kontrast dazu die würdige Stellung der Frau, die sich in Europa eingebürgert hatte, die seines Erachtens erreicht werden konnte »dank einer Verbesserung der Gleichbehandlung beider Geschlechter bei der Erziehung«, bei der Konvergenz der »sexuellen und intellektuellen Bedürfnisse der Liebe« und des »Einflusses der Lehren Jesu Christi, welche die absolute und bedingungslose Gleichheit aller Menschen bekräftigen«, indem sie das sinnliche Vergnügen der Keuschheit und der Mäßigung unterordnen.

Der Ausführlichkeit und Tiefgründigkeit der kritischen Unterscheidung wegen ragt in dieser Gruppe von Texten seine Defence of Poetry hervor. Wie andere berühmte Dichter/Kritiker des europäischen 20. Jahrhunderts (Eliot, Valéry, Bonnefoy, Montale, Fortini, Luzi, Raboni…) entwickelt auch Shelley hier mit klarsichtiger Selbstsicht eine eigene Theorie der ars poetica. Um deren thematische Dichte und spirituelle Höhe erahnen zu können, mögen gerade einmal zwei bündige Zitate genügen: »Ein Dichter zu sein heißt, das Wahre und Schöne – in einem Wort: das Gute – wahrzunehmen«; »Der Dichter hat am Ewigen, am Unendlichen und Einen teil«. Was drücken so klare und apodiktische Aussagen aus, wenn nicht eben gerade eine Kreuzung aus Glaube und aus Literatur?

Letztendlich stelle ich mir gerne vor (»Gott ist nichts unmöglich«), dass Shelley, als er sich schließlich ganz dem Sog der Wogen überließ, die Barmherzigkeit des Allmächtigen angerufen habe. Und dabei bekannte, von Ihm die Gaben der Berufung zur großen Dichtkunst und der Freiheit erhalten zu haben, das Abenteuer seines Menschenlebens so zu schreiben, als handle es sich sogar hierbei um ein faszinierendes dramatisches Gedicht.

Von Marco Beck

 

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19. Mai 2019

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