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​Die Armut stinkt

· Was die Gesellschaft nicht zu riechen wünscht ·

Jedermann weiß, dass von den Armen auf die eine oder andere Art ein übler Geruch ausgeht. Dieser ekelerregende, erstickende Geruch ist unerträglich, und wenn wir ihn riechen, versuchen wir, auf Distanz zu gehen. Das ist mit einer der Gründe – und zwar keineswegs der geringste –, die uns dazu bringen, uns von den Armen fernzuhalten. Es gibt also einen Geruch der Armut, der symbolische Signifikanz annimmt, weil er unmittelbar auf den widerlichen Aspekt eines Menschen verweist, der sich nicht waschen kann und auch nicht das Bedürfnis verspürt, dies zu tun.

Ein Mensch, von dem ein übler Geruch ausgeht, fühlt sich unwohl dabei, sich anderen Menschen zu präsentieren, weil er nicht gemäß den gesellschaftlichen Kriterien für das lebt, was akzeptabel ist. Dieser Umstand hat den Verlust des Gefühls der Würde des Menschen zur Folge, der als Abbild Gottes und ihm ähnlich erschaffen wurde. Auch von armen Kindern gehen alles andere als gute Gerüche aus, weil ihre Unterwäsche nicht gut getrocknet wurde oder weil sie etwa in Hütten wohnen und ihre Eltern dort zum Kochen oder Heizen Feuer machen, weshalb ihre Unterkünfte unkomfortabel und ungesund, voller Ratten, Küchenschaben und Insekten sind.

Der Armutsgeruch bezieht den ganzen Menschen und sein gesamtes Leben voll ein. Die Armut betrifft nämlich keineswegs nur den Besitz von Dingen, sondern auch jede andere Wirklichkeit, die Sicherheit zu schenken vermag, denn vom Augenblick seiner Geburt an ist in jedem Menschen der Wunsch nach Besitz und Wohlergehen präsent: Man denke etwa an das Kind, das »mein« sagt, noch bevor es »ich sagt«. Der üble Geruch der Armut ist somit ein Symptom anderer Übel: Entbehrungen, Leiden, Not, Bangigkeit, Frustration, Mangel. Deshalb schafft der Mangel an all dem, was der Mensch benötigt, Distanz, die keineswegs nur physischer, sondern auch beziehungsmäßiger, psychologischer, moralischer und spiritueller Art ist.

Beim Menschen, der sich durch das Netzwerk seiner Beziehungen definiert, isoliert der Geruch der Armut also die betreffende Person, und das zugefügte Leiden ist demnach keineswegs nur wirtschaftlicher Art, sondern es betrifft auch die zwischenmenschlichen Beziehungen. Der Arme wird von seinen eigenen Brüdern verachtet, und selbst seine Freunde gehen auf Distanz zu ihm. Der Mensch reduziert sich also auf den Zustand anthropologischer oder identitärer Armut. Der Arme hat weder Name noch Mitspracherecht, da ein anderer an seiner Stelle sprechen und erläutern oder entscheiden muss, was dieser Arme benötigt.

Man könnte auch sagen, dass der Geruch der Armut den Menschen dazu bringt, seine Beziehungen zu den anderen abzubrechen, was zur Isolierung und Problemen, sich selbst und die anderen zu lieben, führt, bis hin zur Zurückweisung selbst der Liebe Gottes. Das wiederum führt zur Verschließung des Menschen in sich selbst, weil er denkt, er sei nur eine unbedeutende und vorübergehende Erscheinung, ein Fremder in einem zufällig gebildeten Universum, wie es Benedikt XVI. in der Enzyklika Caritas in veritate formuliert (Nr. 53).

Ein Beispiel für den Geruch der Armut und deren Konsequenzen wird uns etwa in einer Episode vor Augen geführt, die sich in Paris, im Musée d’Orsay, zugetragen hat. Eine Familie wurde aufgrund der üblen Gerüche des Museums verwiesen: Ein Paar und sein Kind gingen zwischen den ausgestellten Werken hin und her, als sie von einem Aufseher aufgefordert wurden, das Museum zu verlassen, weil sich andere Besucher über ihren Geruch beschwert hatten. So wurde die kleine Familie, eskortiert von vier Mitgliedern des Wachpersonals, zum Gehen gezwungen.

Die Kulturministerin, Aurélie Filippetti, hat den Zwischenfall als »bedauerlich« bezeichnet, auch wenn sie das Vorgehen des Personals verteidigt hat: »Meines Erachtens haben sie ihre Arbeit getan, weil sie diesen Personen auch die Möglichkeit eingeräumt haben, das Museum unter würdigeren Umständen zu besuchen als es die jenes Augenblicks gewesen sind«, sagte sie. Hinter diesen Worten verbirgt sich allerdings eine ganz andere Wirklichkeit. Aus Kreisen des Ministeriums sickerte, basierend auf dem Bericht des Musée d’Orsay, durch, dass das Kind dieses Paares in die Hosen gemacht habe. Das war die Ursache für den üblen Geruch während ihres Besuches, der mehrere Stunden gedauert habe. Das Personal sei daher eingeschritten, »um die Würde des Kindes zu wahren«, da der Geruch und die Präsenz eines Flecks den Verdacht untermauert hätten, dass der unangenehme Geruch eben daher stamme. Die Armen sind keine einfachen Leute, und in diesem Fall hätte es sich seitens der anderen Museumsbesucher um eine richtiggehende Diskriminierung auf der Grundlage von deren sozialer Herkunft gehandelt.

Die Gesellschaft erträgt den Geruch der Armut nicht, weil der Arme stört, er ist ein leidender Mensch, und sein Leiden ist allumfassend: physischer, affektiver, beziehungsmäßiger, spiritueller und intellektueller Art. Tatsächlich macht die Armut den Menschen verletzlich, subaltern, außerstande, die Augen zu heben, um die anderen anzusehen. Und folglich minderwertig, schwach, auszugrenzen, weil er sich nicht an die Regeln der Gesellschaft anpasst. Insofern kann von Diskriminierung gesprochen werden, die dem Geruch der Armut zuzuschreiben ist. Die Armut stinkt, in dem Sinne, dass der Arme sich schämt und versucht, seinen Lebensstatus, der ihn zu einem gesellschaftlich ausgestoßenen, verletzlichen Menschen macht, der keinen Widerstand leisten kann und außerstande ist, am Ritual des Gebens und Nehmens mitzumachen, zu verbergen.

Die Armut sondert einen üblen Geruch ab, weil davon ausgegangen wird, dass der Arme selbst für seine Armut verantwortlich ist, und der üble Geruch als der Beweis dafür gilt, dass der Arme keinerlei Anstrengungen unternimmt, seine Lebensumstände zu verbessern. Auch wenn sich der den Armen gewidmete Sprachgebrauch irgendwie geändert hat, so bleibt doch der Blick, mit dem Menschen betrachtet werden, die in großer Armut leben und von denen deshalb ein übler Geruch ausgeht, Zeichen einer sehr harten Ausgrenzung.

Äußerste Armut führt zu dem Gefühl, dem Schicksal ausgeliefert zu sein, die Armen beginnen zu glauben, geschaffen worden zu sein, um zu leiden und dass sie die Umstände, unter denen sie leben, akzeptieren müssten, und so verlieren sie jede Fähigkeit, zu reagieren, um etwas an ihrer Lage zu ändern. Man muss ihnen also dabei helfen, sich darüber klarzuwerden, dass sie durch Reflexion und Aktion dazu imstande sind, ihre Lebensumstände zu verbessern und die Voraussetzungen für ein Leben in Würde zu schaffen dank eines Prozesses, der als »Aufrüstung« bezeichnet wird.

Ein positives Beispiel. Im Straflager von Bouaké, in Côte d’Ivoire (Elfenbeinküste) forderte eine Krankenschwester, die dort dauerhaft als Volontärin arbeitete, die Sträflinge auf, sich zusammenzuschließen, um etwas gegen das Elend zu tun, in dem sie lebten. Im ersten Augenblick lehnten die Sträflinge aber ab, und sagten, dass im Gefängnis nichts als Verdacht und extreme Gewalt herrschten. Die Krankenschwester schlug ihnen einen »Club des Wissens« und der Solidarität vor, unter dem Motto »lasst die, die etwas wissen oder können, es denen beibringen, die nichts wissen oder können«. Da fragten sich die Sträflinge, was man in einem Gefängnis lernen könne, wo es ja ohnehin schon schwierig war, genügend Nahrung zu erhalten, um zu überleben. Die Krankenschwester brachte also einige Stücke Kreide ins Gefängnis und begann, auf die Mauern und die Zellentüren zu schreiben; so begannen einige Häftlinge, anderen, die Analphabeten waren, das Lesen beizubringen. Andere setzten sich ein, da sie schauspielern konnten. »Je größer der Klub wurde, desto mehr wuchs auch die Einheit der Gruppe«, erinnerte sich später ein ehemaliger Sträfling. Und nach der Alphabetisierung, nach dem Theater traten weitere Talente zutage.

Im Lauf des alljährlichen Besuchs des Justizministers wollten die Häftlinge dann der Basilika von Yamoussoukro eine Skulptur schenken. Einer der Sträflinge hatte nämlich anderen beigebracht, wie man Holzskulpturen macht. Dank dieser Kenntnisse, die Jahr für Jahr weitergegeben wurden, eroberten die Gefangenen ihr Selbstvertrauen zurück und fertigten das Modell einer Statue an, das dem Rektor der Basilika gezeigt wurde. Einige Zeit später wurde dem Minister eine schöne, sechseinhalb Meter hohe Statue der Jungfrau gezeigt, die den Namen »Unsere Liebe Frau aller Menschen« erhielt, und im Februar 1992 wurde sie in Präsenz von Justizvollzugsbeamten des Straflagers und politischen und kirchlichen Autoritäten in der Basilika aufgestellt.

Derselbe Ex-Sträfling versichert, dass just von diesem Augenblick an »die Gefängnisverwaltung, die Behörden und die Aufseher uns mit anderen Augen gesehen haben. Wir sind sehr stolz darauf; die Solidarität, die wir aufgebaut haben, ist immer noch lebendig. Unsere Ketten sind dadurch gefallen, dass wir diesen ›Klub des Wissens‹‹ gegründet haben. Unsere Gruppe hat demonstriert, dass sich etwas ändern kann, wenn sich die Menschen zusammentun«.

Wer Mut hat, kann also den Geruch, die Stille abschütteln. Im Falle der Sträflinge der Côte d’Ivoire brauchte das viel Zeit, viel Engagement und viel Mut, sowohl ihrerseits als auch seitens vieler anderer. Die Intelligenz der Menschen, die in äußerster Armut leben, ist aber eine Ressource, auf die unsere Menschheit nicht verzichten kann. In eben dem Maße, in dem sie anerkannt und ernst genommen wird, stellt diese Intelligenz einen Kompass dafür dar, in Richtung einer Welt voranzuschreiten, die frei ist von der Angst und dem Elend, von denen der Gestank ausgeht.

Daher sollte sich, auch wenn von der Armut üble Gerüche ausgehen, jeder Mensch, der seinerseits nicht stinkt, dafür einsetzen, dass niemand zurückgelassen wird. Das bedeutet, dass die tieferen Ursachen der Armut in Angriff genommen werden müssen, um sie ganz auszurotten; es heißt, dass man den Standpunkt und die Ansichten der Menschen, die in Armut und Gestank leben, anhören und ihnen begegnen muss; es heißt, sich in Würde zusammenzutun, um dem Gestank der Armut den Garaus zu machen.

Von Rita Mboshu Kongo

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15. September 2019

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