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Der wiedergefundene heilige Franziskus

· Im Gespräch mit dem französischen Historiker und Mittelalterspezialisten Jacques Dalarun ·

Neue Aspekte im Leben des heiligen Franziskus tauchen aus der Vergangenheit empor. Diesmal handelt es sich nicht nur um Fragmente oder indirekte Zitate in zeitgenössischen Werken, sondern um die zweitälteste Vita des Heiligen aus Assisi: ein bisher unbekanntes Werk, enthalten in einem scheinbar unbedeutenden und in Bibliothekskatalogen nicht verzeichneten Manuskript aus einer Privatsammlung. Ein kleiner Kodex von zwölf mal acht Zentimetern steht somit im Mittelpunkt einer komplexen Frage der Geschichtsschreibung, die vom dritten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts ohne Unterbrechung bis in unsere Tage reicht, Freud und Leid von Generationen von Mediävisten, nämlich die Suche nach biographischen Zeugnissen über den Poverello von Assisi, die nicht mit der 1263 offiziell anerkannten Lebensbeschreibung – der Legenda von Bonaventura – identisch sind. 

Es handelt sich um ein vielleicht gerade wegen seines ärmlichen Aussehens lange Zeit unbeachteter und unversehrt auf uns gekommenes Manuskript: ein kleiner Kodex, »franziskanisch im wörtlichen Sinn, ohne Verzierung oder Miniaturen«, erklärt uns von Paris aus sein Entdecker, der Mediävist Jacques Dalarun, den wir gebeten haben, uns von den Details einer spannenden Suche voller Überraschungen zu erzählen, quasi ein paleographischer Detektivroman.

Wie haben Sie das Manuskript gefunden?

Dank der Email eines Kollegen, Sean Field, der an der Universität Vermont lehrt und – ich nutze die Gelegenheit dies zu präzisieren – glücklich verheiratet ist: Er ist kein Franziskaner, wie ich das in diesen Tagen in den Medien gelesen habe! Da Sean weiß, dass ich mich seit langem mit den biographischen Zeugnissen über Franziskus beschäftige, hat er mich über die bevorstehende Versteigerung eines Manuskripts informiert, vielleicht interessant sein könnte. Und auch dank der gründlichen und klugen Arbeit von Laura Light. Die Wissenschaftlerin hat die Beschreibung des Manuskripts für das amerikanische Auktionshaus vorbereitet, das es im letzten Jahr in den Handel gebracht hat. Ich war seit sieben Jahren auf der Suche nach diesem Text. Bei meinen Forschungen war ich auf Fragmente und verstreute Spuren gestoßen, und alles ließ darauf schließen, dass es eine Art mittlere Fassung der Vita von Thomas von Celano geben musste: nach der ersten Niederschrift und vor der uns bekannten zweiten Vita, die unter dem zweiten Generalminister, Bruder Elias, verfasst wurde. Diesen Text zu finden war eine sehr, sehr wertvolle Bestätigung und natürlich eine große Freude. Sagen wir, dass diese Entdeckung auf einen Boden getroffen ist, der bereit war, sie aufzunehmen.

Wann ist Ihnen klar geworden, dass es sich bei dem lateinischen Text auf ihrem Computerbildschirm nicht nur um eine umbrische Legendensammlung aus dem späten 13. Jahrhundert handelte, sondern um ein unveröffentlichtes Werk von Thomas von Celano über das Leben des heiligen Franziskus?

Bei der Entzifferung des Prologs. Auf der Internetseite gab es einige Bilder des Manuskripts, nicht von überragender Qualität, aber dennoch lesbar, wenn auch mit etwas Schwierigkeit. Laura Light zitierte in ihrer Beschreibung des Kodex meine Studien und deutete die Möglichkeit an, dass es sich um ein wichtiges Steinchen eines Mosaiks handeln könnte, das von Vollständigkeit noch weit entfernt ist. An diesem Punkt war meine größte Sorge, dass der Text für die Wissenschaftler zugänglich wird. Beim Kauf durch eine Privatperson wäre das nicht gewährleistet gewesen. Aus diesem Grund habe ich mich an die Direktorin der Handschriftenabteilung der französischen Nationalbibliothek gewandt, die nach Verhandlungen mit dem Auktionshaus den Kodex gekauft hat. In der Zwischenzeit, das heißt seit September vergangenen Jahres, hatte ich die Möglichkeit, den Text genauer zu untersuchen, die lateinische Edition und die französische Übersetzung vorzubreiten sowie die Übersetzung ins Englische und Italienische in die Wege zu leiten. Erst am vergangenen 16. Januar wurde die Nachricht in der französischen Presse publik. Eine frühere Bekanntgabe war nicht ratsam, um die Kaufverhandlungen nicht zu stören, und mir lag auch daran, zuerst eine genauere Vorstellung von Datierung und Inhalt des Manuskripts zu haben.

Sind Sie im Text auf interessante Aspekte gestoßen?

Es handelt sich um eine zwischen 1232 und 1239 verfasste Zusammenfassung der ersten Version der Legenda, die von den Zeitgenossen als zu ausführlich angesehen wurde. Aber nicht nur das: Es wurden neue Elemente hinzugefügt und beim aufmerksamen Lesen wird auch deutlich, dass die Reflexion des Autors sich mit der Zeit beträchtlich vertieft hat, vor allem in Bezug auf die Themen der Armut und der Liebe zu den Geschöpfen. Thomas von Celano war ein sehr tiefgründiger Mensch und hat nie aufgehört, über die Lehre von Franziskus nachzudenken. In gewisser Weise könnte man sagen, dass der Biograph im Lauf der Jahre versteht, dass er die Botschaft von Franziskus nicht wirklich verstanden hat… Dass er von ihr erzählt, sie aber nicht wirklich verstanden hat. Es handelt sich um einen langen Text: die lateinische Edition umfasst circa 60 Manuskriptseiten. Viele in der ersten Version enthaltene Kommentare sind gestrichen worden und es gibt einige neue Punkte. Sehr viel stärker betont wird die Konkretheit der Erfahrung der Armut, des »experiri paupertatem« nicht im symbolischen, allegorischen oder nur geistlichen Sinn, sondern real: Es bedeutet, dieselbe Kleidung zu tragen und dieselbe Nahrung zu sich zu nehmen wie die Armen. Und das Thema der Geschwisterlichkeit mit der ganzen Schöpfung wird vertieft. Zu Beginn sprach Thomas davon, wie von etwas Wunderbarem, Seltsamem und Erstaunlichem, das aber seiner eigenen Erfahrung im wesentlichen fremd war. Gut beschrieben, aber aus der Distanz. Im überarbeiteten Text dagegen denkt er über die Tatsache nach, dass die Geschwisterlichkeit mit der Schöpfung auch die nicht vernunftbegabten Geschöpfe betrifft, nicht nur die Menschen. Wir sind verschieden, aber Geschwister, weil wir alle unseren Ursprung haben in der Vaterschaft des Schöpfers. Deshalb bin ich nicht einverstanden, wenn gesagt wird: »Franziskus liebte die Natur.« Das ist eine heidnische Vorstellung. Franziskus liebte seine Brüder, Menschen und Tiere, weil sie Kinder ein und desselben Schöpfers sind.

Gibt es etwas, das Sie besonders beeindruckt hat?

Eine Episode, die ich bereits kannte, die aber in der sogenannten Legenda trium sociorum [Dreigefährtenlegende] etwas anders erzählt wird. Was wir jetzt lesen können, das ist vermutlich die authentischste und älteste Version. Es wird von einer Reise berichtet, die Franziskus nach Rom unternommen hat, allerdings nicht als Pilgerfahrt eines bereits Bekehrten, der das Ordensleben gewählt hat. Im vorliegenden Fall ist von der Geschäftsreise eines Händlers die Rede, den die Armut der Bettler betroffen macht, die er in der Nähe von St. Peter sieht. Und der sich fragt, ob er in der Lage wäre, etwas Ähnliches zu leben. Das hat nicht viel zu tun mit der später verbreiteten Version: Franziskus, der sich bereits als Ordensmann über den Schmerz derer beugt, denen er auf seinem Weg begegnet. Hier ist der Kontrast sehr viel stärker. Es handelt sich nicht um einen graduellen Wandel, sondern um einen regelrechten Schock. Thomas fügt weitere konkrete und sehr realistische Details hinzu: Er erklärt, dass Franziskus die Löcher in seinem Habit mit Fasern flickte, die er aus Baumrinde und Gräsern gewonnen hatte. Genauso wie das jemand tat, der absolut nichts hatte, nicht einmal das zum Nähen notwendige Werkzeug.

Bleibt noch zu verstehen…

Der Krimi ist erst am Anfang: Wer trug diesen Kodex bei sich? Für wen wurde er angefertigt? Wahrscheinlich für einen Franziskaner in der Nähe von Assisi. Wer hätte von diesen Texten Kenntnis haben können? Bruder Leo vielleicht? Auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass das Leben nur 15 Seiten lang ist, ein Achtel des vorliegenden Kodex, der daneben die Ermahnungen des heiligen Franziskus und vieles Andere enthält. Aber es gibt viel, das erst noch verstanden werden muss. Auch der historische Augenblick, an dem dieses Zeugnis aus der Vergangenheit wieder aufgetaucht ist, ist interessant: in einer Zeit, die viele Gemeinsamkeiten hat mit der ökonomischen Expansion und den großen Bereichen der Armut des 13. Jahrhunderts. Es ist eine schöne Patenschaft des ersten Franziskus für den derzeitigen Papst, der gerade jetzt dabei ist, eine Enzyklika über die Liebe zur Schöpfung fertigzustellen.

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17. November 2018

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