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​Der Traum eines Sohnes

Bei der Verleihung des Karlspreises an Papst Franziskus wurde sein Wunsch respektiert, über den Aspekt eines rein ehrenden Festaktes hinauszugehen. In den Ansprachen der Feier, besonders in der Rede des Bürgermeisters von Aachen, waren denn auch Worte zu hören, die offen die Krise Europas benannten. Vor allem in der Ansprache des Papstes wurde sein Wunsch deutlich, den erhaltenen Preis als Beitrag »für diesen geliebten Kontinent« anzubieten, und das in einer Zeit offensichtlicher Ratlosigkeit: »Was ist mit dir los, Europa?«, fragte Bergoglio insgesamt dreimal nachdrücklich und erinnerte kurz an das, was der Alte Kontinent im Laufe der Jahrhunderte zu verwirklichen gewusst hatte.

Es ist sicherlich bedeutsam, dass dieser wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gestiftete und für Europa symbolische Preis 1989 zum ersten Mal an eine kirchliche Persönlichkeit verliehen wurde. In jenem Jahr wurde kurz vor dem Fall der Berliner Mauer Roger Schutz ausgezeichnet, Gründer und Prior der Gemeinschaft von Taizé, der mehr als drei Jahrzehnte ökumenische Fäden der Versöhnung und des Friedens geknüpft und dabei in aller Stille sogar den Eisernen Vorhang überwunden hatte.

Und 2004 wurde der Preis in außerordentlicher Form an Papst Johannes Paul II. verliehen, fast am Ende seines sehr langen Pontifikats – mit einer impliziten Anerkennung des jahrzehntelangen Wirkens auch seiner Vorgänger zur Unterstützung des europäischen Einigungsprozesses. Eine historische Dynamik, die im folgenden Jahr mit einem deutschen Papst als Nachfolger auf dem römischen Stuhl bestätigt wurde, gleichsam als Siegel der Versöhnung zwischen Polen und Deutschland, die bereits in der Konzilszeit von den beiden Episkopaten vorweggenommen wurde.

Heute stellt die Rede des Papstes eine Fortsetzung der 2014 in Straßburg gehaltenen Ansprachen dar. Mit wörtlichen Zitaten der drei »Gründerväter« des kontinentalen Einigungsprozesses, die es vor dem Hintergrund der vom Weltkrieg verursachten Trümmer »wagten, nach vielseitigen Lösungen für die Probleme zu suchen, die nach und nach von allen anerkannt wurden«: Robert Schuman, Alcide De Gasperi, Konrad Adenauer.

Nun, wo siebzig Jahre seit jenem »Neuanfang« nach dem schrecklichen Weltkrieg vergangen sind, wo in Syrien, im Nahen Osten, in Afrika weiter Krieg und Elend wüten und eine noch nie dagewesen Migrationswelle ausgelöst haben, wo sinnlose Mauern errichtet werden und sich der Lärm der Intoleranz erhebt, sagt der Papst, dass die Idee Europa »aktualisiert« werden muss, damit der Kontinent fähig ist zu Integration und Dialog sowie dazu, etwas hervorzubringen. So hält Bergoglio dem Bild »eines müden und gealterten Europa«, das verängstigt ist und sich verschanzen will, die Notwendigkeit entgegen, dass der Kontinent wieder »zu einer Mutter wird, die Prozesse hervorbringt«, neue und positive Prozesse.

Denn die europäische Identität war stets dynamisch und wusste im Laufe der Zeit »die verschiedensten Kulturen« zu integrieren, unterstrich der erste Papst aus Amerika. Aus einer Familie italienischer Einwanderer stammend sprach Bergoglio »als Sohn, der in der Mutter Europa seine Lebens- und Glaubenswurzeln hat«. Ein Sohn, der heute »von einem neuen europäischen Humanismus« träumt für das Wiederaufblühen eines Kontinents, der mit seinen Wurzeln und seiner Geschichte nicht brechen darf. Und an diesem Prozess »kann und soll die Kirche mitwirken«, das heißt: Zeugen des Evangeliums, Frauen und Männer, die den »Wurzeln Europas« das »reine Wasser des Evangeliums« schenken.

Giovanni Maria Vian

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11. Dezember 2019

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