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​Der Tod: eine noch
unbeantwortete Frage
über das Leben

Eines Tages kommt in einer Schulklasse, die das letzte Gymnasialjahr absolviert, im Religionsunterricht die Diskussion auf das Thema »Tod«, und Giulia, die Klassenbeste, schnaubt und ruft: »Aber Herr Lehrer, warum wollen Sie uns denn aus dem Gleichgewicht bringen?« Damals (ich war der fragliche Religionslehrer) musste ich an jene Stelle aus dem Matthäusevangelium denken, wo zwei Besessene »schrien: ›Was haben wir mit dir zu tun, Sohn Gottes? Bist du hierhergekommen, um uns vor der Zeit zu quälen?‹« (Mt 8,28), aber das sagte ich Giulia natürlich nicht. Vielmehr nahm ich den Dialog wieder auf, indem ich sie darauf hinwies, dass es nicht ich war, der die Frage über den Tod aufwarf, sondern dass es das Leben selbst war, das dies tat.

Seit jener Episode sind über fünfzehn Jahre vergangen, aber ich erinnere mich immer noch daran, und die Worte, die der Papst am vergangenen 31. Oktober an die Teilnehmer am vierten von »Scholas Occurentes« organisierten Welttreffen der Jugendlichen gerichtet hat, haben sie mir wieder lebhaft in Erinnerung gerufen. Hören wir noch einmal diese auf Spanisch in einer Videobotschaft gesprochenen Worte, denn sie enthalten ein außerordentliches Potenzial: »Was würde aus dieser Begegnung, wenn sie nicht enden würde? Vielleicht wäre es keine Begegnung. Und was würde aus diesem Leben, wenn nicht auch dieses sein Ende hätte? Ich weiß, dass jemand einwenden wird: ›Vater, werden Sie nicht trübsinnig.‹ Aber denken wir gut darüber nach. […] Die Frage nach dem Tod ist die Frage nach dem Leben, und die Frage des Todes offen zu halten ist vielleicht die größte Verantwortung des Menschen, um die Frage des Lebens offen zu halten.«

Der Papst verweist auf eine – wie er sagt – menschliche Verantwortung, die aber vielleicht eben deshalb umso mehr auch eine Verantwortung des Christen ist, die Verantwortung, die Frage über das Leben offenzuhalten. Und der Tod kann hierbei eine wesentliche Rolle spielen: »So wie die Worte aus der Stille entstehen und dort enden, und uns ermöglichen, ihre Bedeutung zu verstehen, so ist es auch mit dem Leben. Es mag etwas paradox klingen, aber… es ist der Tod, der es dem Leben ermöglicht, am Leben zu bleiben! Es ist das Ende, das es ermöglicht, dass man eine Erzählung schreibt, ein Bild malt, dass zwei Körper sich umarmen.«

Der Sinn einer Geschichte, der Geschichte der Menschheit, die für die Christen gerade diese Umarmung zweier Körper versinnbildlicht, auf die der Papst anspielt, eine Umarmung in Gott und mit Gott, ergibt sich aus dem Ende. Dass am Ende der eigentliche Sinn des Lebens offenbart wird, ist auch eine Anmerkung zu dem Abschnitt aus der Bibel, den die katholische Liturgie an dem auf die Videobotschaft folgenden Tag, dem 1. November, aus Anlass des Hochfests Allerheiligen dem Volk der Gläubigen zuruft: »Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes. Doch ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist« (1 Joh 3,2).

Gerade das ist das Thema der Identität der Christen, einer dynamischen Identität, in der Spannung zwischen dem »Schon jetzt« und dem »Noch nicht«, ein grundlegendes Thema dieser Tage, in denen die Identität vielmehr auf strenge, rechthaberische, definitorische Art im Rahmen einer Logik des Ausschlusses und der Gegensätzlichkeit interpretiert wird. Es ist keineswegs ein Zufall, dass der Papst in seiner Predigt tags darauf, am 2. November, im Rahmen der heiligen Messe zum Gedenken an die Verstorbenen in den Priscilla-Katakomben auf die Frage der Identität zurückgekommen ist.

Hier sieht man die durchschlagende Tragweite des Christentums, das sich nicht an die Mentalität der Welt anpasst, sondern würzt (und Geschmack verleiht) wie das Salz: Gerade am Verhältnis zum Tod kann man auch die Protestkraft einer Religion beobachten, die den Auftrag hat, ein »Zeichen des Widerspruchs« zu sein. Der Tod wird in der Welt heutzutage einer schizophrenen Behandlung unterworfen: oft wird er hinausposaunt und zur Schau gestellt, ja er wird gar zur »Kultur« erklärt, und gleichzeitig wird er völlig verdrängt, aus dem Alltagsleben, aus den alltäglichen Gesprächen eliminiert, was soweit geht, dass er nicht einmal mehr erwähnt wird, sondern dass ständig auf ihn angespielt, das Thema umgangen und de facto umgangen wird.

Die Christen hingegen halten die Frage nach dem Tod offen, wie vom Papst gefordert. Dieser geht allerdings in der schon an sich atemberaubenden Botschaft vom 31. Oktober noch weiter. Franziskus führt uns noch weiter voran, er begleitet uns über jene »Grenze« hinaus, die der Tod ist: »Aber Vorsicht, das Ende besteht nicht nur aus dem Ende. Wir sollten vielleicht jedem kleinen Ende des Alltagslebens Aufmerksamkeit schenken. Nicht erst dem Ende der Erzählung, von der wir nie wissen, wann sie endet, sondern auch dem Ende eines jeden Wortes, jedes Schweigens, jeder Seite, die man schreibt. Nur ein Leben, das sich dieses Augenblicks bewusst ist, endet so, bringt es fertig, dass dieser Augenblick ewig währt.« In diesem Zusammenhang hat die polnische Dichterin Wisława Szymborska einen Vers formuliert, der wahrlich »unsterblich« ist: »Es gibt kein Leben, / das nicht zumindest für einen Augenblick / unsterblich gewesen wäre. / Der Tod / kommt stets um jenen Augenblick zu spät.«

Dieses Bewusstsein, das den Menschen zum Sieger über den Tod macht, hat für den Papst einen Namen: Demut. »Andererseits«, so sagt Bergoglio, »erinnert uns der Tod an die Unmöglichkeit, alles zu sein, zu verstehen und zu umfassen. Er ist eine Ohrfeige für unsere Allmachtsillusion. Er lehrt uns, uns im Leben mit dem Mysterium in Verbindung zu setzen. Das Vertrauen, ins Leere zu springen und zu erkennen, dass wir nicht fallen, dass wir nicht sinken; dass seit jeher und auf immer jemand da ist, der uns unterstützt. Vor und nach dem Ende.«

»Das ›Nicht-Wissen‹ dieser Frage ist der Ort der Schwäche, der uns öffnet fürs Zuhören und für die Begegnung mit dem anderen; es ist dieses Aufkommen von Ergriffenheit, das uns zum Schöpfen anregt, und des Verständnisses, das uns zusammenführt, um ihn zu feiern.«

Aus diesem Bewusstsein ergibt sich die Franziskus zufolge äußerst dringliche Notwendigkeit, sich der Frage über den Tod zu stellen, im Versuch, die zeitgenössische Welt zu erschüttern, die sich ›bereits konfiguriert hat‹ und ›der offenen Frage‹ keinen ›Raum‹ lässt. Die Analyse des Papstes ist streng und klarsichtig: »In einer Welt, die die Autonomie, die Unabhängigkeit und die Selbstverwirklichung zum Kult erhebt, scheint es keinen Platz für alles Übrige zu geben. Die Welt der Projekte und der unendlichen Beschleunigung, der ›Rapidisierung‹, lässt keine Unterbrechungen zu. Daher versucht die versklavende weltliche Kultur, uns zu betäuben, um uns vergessen zu machen, was es bedeutet, am Ende stillzustehen. Aber das Vergessen des Todes ist zugleich auch dessen Anfang, und im Übrigen beginnt eine Kultur, die den Tod vergisst, innerlich zu sterben. Wer den Tod vergisst, hat bereits begonnen zu sterben.«

Kraftvolle und unbequeme Worte seitens des Papstes, die, wie Giulia sagen würde, riskieren, »uns aus dem Gleichgewicht zu bringen«. Ja, genau dies sollen sie tun, sofern die Aufgabe der Katholiken darin besteht (wie der Papst am 9. Mai den Teilnehmern der Studientagung der Diözese Rom in St. Johann im Lateran gesagt hat), das »Ungleichgewicht zu halten«. Worte, die uns unsere Gewohnheiten vor Augen halten – aber nur so können wir uns für die Hoffnung öffnen, die da ist und groß ist und auf der Liebe gründet, denn, so endet Franziskus: »Erinnert euch daran: wenn der Tod nicht das letzte Wort behält, dann deshalb, weil wir im Leben gelernt haben, für anderes zu sterben.«

Von Andrea Monda

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14. November 2019

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