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Der Scoop von Erasmus

· Die erste Druckausgabe des griechischen Neuen Testaments vor 500 Jahren ·

Ein Jahrestag, dem wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde, ist die Erstausgabe (Editio princeps) des Neuen Testaments in griechischer Sprache vor 500 Jahren. Sie wurde am 1. März 1516 in Basel fertig gestellt, damals das wichtigste Zentrum für Druck und Verbreitung patristischer Texte dank des Druckers Johann Froben und seiner Zusammenarbeit mit dem genialen sowie berühmtesten Humanisten jener Zeit, Erasmus von Rotterdam, einem außerordentlichen Philologen. Letzterer, geboren zwischen 1466 und 1469, erhielt seine schulische Ausbildung unter dem gelehrten, reformorientierten Einfluss der Brüder vom gemeinsamen Leben.

Seit 1487 Augustinerchorherr und seit 1492 Priester, studierte er in Paris, Oxford und Italien. Er stand der Scholastik fern und war ein bissiger Kritiker der kirchlichen Institutionen. Genauso fremd war ihm allerdings die extreme Haltung Martin Luthers und der Reformatoren, mit denen er sich polemische Auseinandersetzungen lieferte. Erasmus starb 1536, während er die lateinische Origenes-Ausgabe abschloss und sich für den Frieden im Konfessionsstreit einsetzte. Er war überzeugt von der vollkommenen Harmonie zwischen dem Studium der »profani auctores« und der christlichen Heiligkeit, ein Ideal, das er in Hieronymus verwirklicht sah, mit dem er seine Herausgabe patristischer Texte begann.

Im Jahr der Veröffentlichung der Werke von Hiernoymus gelang Froben mit dem Druck des griechischen Textes des Neuen Testaments, was vielleicht das größte philologische Unternehmen von Erasmus war, einer der größten Würfe seiner brillanten Herausgeber-Karriere. In Wirklichkeit handelte es sich nicht um die Editio princeps, da mehr als zwei Jahre zuvor das griechische Neue Testament bereits in Spanien im Rahmen eines außerordentlichen Unternehmens gedruckt worden war: der Herausgabe der gesamten Bibel in Originaltexten mit ihren wichtigsten Übersetzungen, daher »Complutensische Polyglotte« genannt. Das in Alcalá de Henares (Complutum) verwirklichte Projekt war vom Erzbischof von Toledo, Kardinal Francisco Ximénez de Cisneros, gewünscht worden und befand sich seit 1502 in Vorbereitung. In einem relativ kurzen Zeitraum brachte es eine Gruppe von Gelehrten zum Abschluss, unter ihnen Diego López de Zúñiga und der Kreter Demetrio Ducas. Die wunderbare sechsbändige Ausgabe wurde zwischen dem 10. Januar 1514, als das Neue Testament abgeschlossen wurde, und dem 10. Juli 1517 gedruckt. Allerdings erhielt man das für die Veröffentlichung notwendige päpstliche Schreiben erst 1520, so dass das Werk erst ab 1522 in einer Auflage von 600 Stück Verbreitung fand. Inzwischen war auch die zweite Auflage (1519) des griechischen Neuen Testaments vergriffen, mit dem Froben Erasmus beauftragt hatte, so dass ebenfalls im Jahr 1522, als von den ersten beiden Auflagen über 3300 Exemplare verkauft worden waren, eine dritte Auflage besorgt wurde.

1515 hatte der Drucker in Basel, der sicherlich von der Initiative des spanischen Kardinals wusste, einen hervorragenden Riecher besessen, als er Erasmus anheuerte – dank der Vermittlung des gemeinsamen Freundes Beatus Rhenanus und dank des Versprechens, ihm mehr zu zahlen als jedem anderen. Erasmus hatte sich im Übrigen nicht lange bitten lassen: Die Vorstellung, den Spaniern zuvorkommen zu können, reizte den bereits damals in ganz Europa berühmten Intellektuellen, der als Philologe der Aufgabe vollkommen gewachsen war. Der Humanist machte sich im Juli 1515 an die Arbeit und sandte bereits wenige Wochen später Handschriften dürftiger Qualität, die er eben hatte auftreiben können, in die Druckerei. Der am 2. Oktober begonnene Druck wurde am 1. März 1516 in Rekordzeit abgeschlossen. In einem Brief vom 2. November bekannte Erasmus ehrlicherweise, dass der vor Druckfehlern nur so wimmelnde Text »in Wirklichkeit eher überstürzt durchgeführt als herausgegeben« (»praecipitatum verius quam editum«) worden sei. Auch wenn seine Hauptmängel eher im Texttypus zu suchen sind, der auf verschiedenen, relativ jungen Handschriften basierte. An einigen Stellen korrigierte Erasmus und vervollständigte anhand der Vulgata, wie zum Beispiel bei den letzten Versen aus dem Buch der Offenbarung, denn im Manuskript, das sein Freund Johannes Reuchlin ihm geliehen hatte, fehlten die Verse, weshalb er sie selbst ins Griechische zurückübersetzte.

An den anschließenden Ausgaben nahm der Humanist Veränderungen und Korrekturen vor, vor allem in der vierten Auflage (1527), wo er sich des wesentlich besseren Textes der Complutense bediente. Neben seine eigene lateinische Übersetzung stellte er den Text der Vulgata, der in der fünften und letzten Ausgabe von 1535 allerdings gestrichen wurde. Aber abgesehen davon war das Unternehmen geglückt und die Ausgabe von Erasmus fand sehr weite – allerdings von heftiger Polemik begleitete – Verbreitung, wie man das auch aus etwa dreißig nicht autorisierten Nachdrucken ersehen kann. Der sogenannte »Textus receptus« war geboren. Aber das ist noch eine ganz andere Geschichte.

Von Giovanni Maria Vian

Druckausgabe

 

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