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Der Schall des Schofars

· Entstehungsprozess und Bedeutung des jüdischen Erlassjahrs ·

Die Zierelemente hebräischer Kunstdenkmäler aus der Spätantike, unter besonderer Berücksichtigung der Grabkunst – also auf den seltenen Fresken in Katakomben bzw. auf den zahlreichen Grabplatten, aber auch die Ausstattung von Synagogen und insbesondere auch die Musivböden – pflegten auch eine kleine Zahl kultbezogener Geräte aufzuweisen. Wenn wir einmal von dem ausgemalten Synagogen-Komplex von Dura Europos aus der ersten Hälfte des3. Jahrhunderts absehen, dessen Wände eine große Zahl von Darstellungen von Geschichten aus dem Alten Testament aufweisen, und von dem etwas jüngeren Musivboden von Bet Alpha, der die Opferung des Isaak ikonographisch wiedergibt, so stellt ein Großteil der jüdischen Monumente der Spätantike – einer Theorie der Embleme vergleichbar – einige symbolische Geräte dar, die ganz mechanisch ohne eine bestimmte Ordnung immer wieder wiederholt werden. 

Unter diesen Geräten nimmt der siebenarmige Leuchter, die Menora, die unterschiedlich viele Leuchterarme, bis zu elf, und verschiedene Formen haben kann – mit geschwungenen, dreieckigen oder auch spiralförmigen Elementen –, einen privilegierten Platz ein. Nun, dieses Symbol steht für den Leuchter, der während des Exodus geschaffen wurde, um an den Leuchter des Tempels in Jerusalem zu erinnern. Für die Angehörigen der jüdischen Religion hat er eine Identität schaffende Bedeutung, insofern es sich dabei um ein heiliges Element handelt, das in der Synagoge aufbewahrt wird und dazu dient, die heiligen Schriften zu erleuchten.

Andere Symbole haben Gedenkcharakter, so etwa der Lulav, ein Strauß aus Dattelpalmen-, Myrten- und Weidenzweigen und Etrog (Zitronatzitrone), der beim Sukkot- bzw. Laubhüttenfest zur Erinnerung an die Gefangenschaft in Ägypten Verwendung findet. Auf den spätantiken Monumenten ist immer auch das Messer für die Beschneidung abgebildet; der Aron ha-Qodesch, der Schrein mit Flügeltüren und Tympanum, der zur Aufbewahrung der Tora-Rollen diente; das kreisförmige oder in konzentrischen Kreisen geformte ungesäuerte Brot (Azymon), die Tücher, die als Dochtschere für den Leuchter Verwendung fanden. Und schließlich ist da der Schofar, also das Widderhorn, das entweder in gerader oder auch gekrümmter Form dargestellt wird, das in zahlreichen rituellen Augenblicken geblasen wurde, dem aber eine bemerkenswerte Rolle vor allem in der feierlichen Zeit eines jüdischen Erlassjahres zukommt.

Der Schofar kann mit dem Terminus jobel in Verbindung gebracht werden, der auf den gewaltigen Ton verweist, den ein leeres Widderhorn beim Auftakt zu der besonderen Zeit erzeugt, die am Ende der sieben Zyklen des Schemittah steht: vgl. Levitikus: »Du sollst sieben Jahreswochen, siebenmal sieben Jahre, zählen; die Zeit von sieben Jahreswochen ergibt für dich neunundvierzig Jahre. Im siebten Monat, am zehnten Tag des Monats, sollst du das Signalhorn ertönen lassen; am Versöhnungstag sollt ihr das Horn im ganzen Land ertönen lassen. Erklärt dieses fünfzigste Jahr für heilig und ruft Freiheit für alle Bewohner des Landes aus! Es gelte euch als Jubeljahr. Jeder von euch soll zu seinem Grundbesitz zurückkehren, jeder soll zu seiner Sippe zurückkehren. Dieses fünfzigste Jahr gelte euch als Jubeljahr. Ihr sollt nicht säen, den Nachwuchs nicht abernten, die unbeschnittenen Weinstöcke nicht lesen. Denn es ist ein Jubeljahr, es soll euch als heilig gelten. Vom Feld weg sollt ihr den Ertrag essen. In diesem Jubeljahr soll jeder von euch zu seinem Besitz zurückkehren« (25, 8-13).

Die Bibelforscher brachten die Praxis des Jubeljahres in Verbindung mit dem Sabbatjahr, das dem siebten Jahr des Dienstes der jüdischen Sklaven entsprach, in dem sie endlich freigelassen werden konnten. Sie brachten diese Parallele in Verbindung mit Ezechiel (46,17), wo von dem Sabbatjahr die Rede ist, in dem den rechtmäßigen Eigentümern ihr Besitz zurückerstattet werden sollte, eine Freiheit, die offenbar mit dem Problem der Freilassung der Sklaven in Verbindung steht, wie bei Jeremia nachgelesen werden kann: »Alle sieben Jahre soll jeder von euch seinen hebräischen Stammesbruder, der sich ihm verkauft hat, freilassen; sechs Jahre soll er dein Sklave sein, dann sollst du ihn freilassen«. Diese besondere Zeit, in der nach langer Zeit die Beziehungen neugeordnet werden und Besitz zurückerstattet wird, wurde also, im Zeichen des Umstands einer großen Freiheit, mit dem Jobel angekündigt, dem Ton der Lärmposaune, des Schofar, des kleinen Widderhorns, das auf den jüdischen Denkmälern der Diaspora als Emblem der Gerechtigkeit, des Endes der Ungleichheit der Verzeihung, der Wiederherstellung der Weltordnung abgebildet wurde. Gerade der letztgenannte Interpretationsansatz begleitet uns zu jener semantischen Bedeutung der Worte und Werke Christi, der sich als der präsentiert, der das alte Jubeljahr zu seiner Erfüllung bringt. Tatsächlich betrat er eines Tages die Synagoge von Nazaret, und als er aufgefordert wurde, den aktuellen Tora-Text auszulegen, legte er die Worte aus Jesaia unter Bezug auf seine eigene Sendung aus und offenbarte sich als der Gesandte, der das Konzept des Jubeljahres in die Tat umsetzt: »Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde, und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe« (Lk 4,18-19).

Von Fabrizio Bisconti

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15. Juli 2018

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