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Der Intellektuelle, der es verstand, den einfachen Leuten zuzuhören

· Am 22. Juli 2018 starb Giovanni Guareschi ·

Es ist nun schon lange her, dass man das Wort »Ende« unter die Suche nach den Ursachen für den Erfolg geschrieben hat, den Giovanni Guareschis Don Camillo und Peppone [im Original: Mondo piccolo], vor allem aber die beiden breit angelegten Protagonisten, der Pfarrer Don Camillo und der Bürgermeister Peppone, verzeichnen konnten. Der Verfasser, der am 22. Juli 1968 einem Herzinfarkt erlag, ist nicht nur einer der beliebtesten Autoren seines Vaterlandes, sondern er ist unter den italienischen Autoren der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts auch jener, der im Ausland in die meisten Sprachen übersetzt wurde. So ist er beispielsweise einer der äußerst wenigen italienischen Autoren, die in Japan veröffentlicht wurden, wie auch, nach dem Fall der Berliner Mauer im Jahre 1989, in den Ländern des ehemals kommunistischen Ostens.

»Guareschi in Ketten« (1954)

Es war mit Sicherheit wesentlich für Guareschis Ruhm, dass er die beiden bereits genannten Antagonisten geschaffen hat und dass es die erfolgreichen Verfilmungen gab, die seine Protagonisten noch stärker ins Licht der Öffentlichkeit rückten. Die Gründe dafür, dass er geschätzt wurde, sind aber andere, so etwa die gutmütige Ironie, die sein Werk durchzieht und niemals höhnisch wird und die ihrerseits das Ergebnis einer bemerkenswerten Professionalität ist.

Er hatte als wenig mehr denn Zwanzigjähriger beim »Corriere Padano« angefangen, um dann 1936 zur satirischen Wochenzeitung »Bertoldo« überzuwechseln, an der auch andere Schriftsteller sich mit dem Metier vertraut machten, so etwa Cesare Zavattini, Giuseppe Marotta, Massimo Simili und Giovanni Mosca. In jenen Jahren sollte er nette, humorvolle Bücher schreiben, so etwa den Roman Il destino si chiama Clotilde, La favola di Natale oder Il marito in collegio [auf deutsch: Carlotta und die Liebe, oder Die Schule des Gatten].

Nach dem 8. September [dem italienischen Waffenstillstand mit den Alliierten] geriet er als italienischer Militärinternierter in deutsche Gefangenschaft; diese Erfahrung fand ihren Niederschlag im Diario clandestino – es sei daran erinnert, dass auf das Aufbewahren schriftlicher Erinnerungen dort die Todesstrafe stand –, das Zeugnis eines Mannes, der keinen Schritt vor der Arroganz der Invasoren zurückweichen wollte. Sein Stil widersteht der Versuchung des Schreiens, des lautstarken Protestes, dank des Korrektivs einer Ironie, die sich ganz bewusst weigert, sarkastisch zu werden und die sich auf die Suche danach macht, wie viel Gutes selbst in einer Lage, die keineswegs zu Optimismus verleiten konnte, noch in der Natur des Menschen überleben konnte.

In der Nachkriegszeit leitete Guareschi die Wochenzeitung »Candido«, ein gemäßigtes und monarchistisches Blatt, in dem die Geschichten des Mondo piccolo – deren Buchfassung unter den Titeln Don Camillo und Peppone und Don Camillo und seine Herde veröffentlicht wurde – erschienen. Sein Schreibstil ist volkstümlich, aber nicht platt, seine Wirkung unmittelbar, wie die Tatsache demonstriert, dass die außer Zweifel stehende und lange Zweiteilung der politischen Szene in Italien vor allem außerhalb Italiens mit den beiden genannten Protagonisten identifiziert wird.

Die menschlichen Qualitäten von Guareschis Erzählliteratur lassen sich in ein Porträt Italiens in jenen Jahren übersetzen, in dem die politische Gegenüberstellung einer Ebene der Konkurrenz standhält, die nicht zu Hass degeneriert (in Wirklichkeit traf das in dieser Form vielleicht nicht ganz so zu, aber das ist die Vorstellung, die sich vor allem die ausländischen Leser machen).

Einer der Gründe für die positive Rezeption dieser Geschichten ist seiner Fähigkeit zuzuschreiben, den einfachen Leuten zuzuhören und ihre Gefühle ins alltägliche Leben zu übertragen. Auch wenn man nicht für bare Münze nehmen will, was in der Gegenüberstellung, von der die Rede war, simplifiziert wird, ist doch die Anstrengung bemerkenswert (und das Ergebnis belohnt dies), dass er die Welt nicht in Gut und Böse, oder in sehr gute und sehr schlechte Charaktere unterteilt, dass seine Feder – und zwar in einer Dimension, die der Leser selbst ausfüllen muss – Raum für Wertschätzung lässt, einen Raum, den wir, um es anspruchsvoll zu formulieren, als (Nächsten)liebe bezeichnen könnten. Man erinnere sich etwa der keineswegs durchweg banalen Unterhaltungen Don Camillos mit dem gekreuzigten Christus, in denen es vor allem um die Sünden seines Ungestüms geht.

Die Gestalten, die seine Erzählungen bevölkern, sind ein Ergebnis der sanften Geduld des Journalisten (er sagte über sich selbst, dass er sehr tüchtig darin sei, ein »Stück« über eine alte Frau zu schreiben, die die Treppe herunterfällt), der sich aus einem inneren menschlichen Mitteilungsbedürfnis heraus in einen Literaten verwandelt hatte.

Dieses Porträt bliebe unvollständig, wenn wir es unterließen, die Episode zu erwähnen, die Guareschi und Alcide De Gasperi aufeinanderprallen ließ, wobei Letzterer aufgrund von Dokumenten, deren Falschheit dem Schriftsteller im Übrigen unbekannt war (sie waren ihm von einem ehemaligen republikanischen Offizier zugespielt worden, der sich in der Folge nach Argentinien absetzen sollte), beschuldigt wurde, die Alliierten dazu aufgefordert zu haben, Rom zu bombardieren. Es kam zu einem Prozess wegen übler Nachrede, der mit der Verurteilung zu einer (mit Würde akzeptierten) Haftstrafe endete, mit theatralischen Folgen auf Seiten der politischen Rechten, und der den aus der Gegend von Trient stammenden Staatsmann eher auf menschlicher Ebene leiden machte als auf jener der Sorgen wegen der ungerechten Zuweisung von Verantwortung.

Diese Polemik gehört der Vergangenheit an. Was hingegen aus dem Abstand eines halben Jahrhunderts bleibt, ist ein literarisches Erbe, das heutzutage, wo es wieder en vogue ist, den jeweiligen Gegner zu schmähen und zu verachten, völlig zu Unrecht nicht seiner positiven Auswirkungen wegen gewürdigt werden würde.

Von Angelo Paoluzi

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