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Der »alte Koch«, der »tolle Koch«

· Vor 250 Jahren wurde der Tiroler Landschaftsmaler geboren ·

Joseph Anton Koch, Maler, Kupferstecher und Zeichner. Er stammt aus Tirol, dort aus Obergiblen bei Elbigenalp im Lechtal. Noch heute steht in dem engen Tal das Geburtshaus, geschmückt mit einer Gedenktafel. Aber sein eigentlicher Platz befindet sich im deutschrömischen Künstlerkreis. Wenige Tage nach seinem Tod 1839 schreibt Friedrich Overbeck über Koch: »Wer von uns wäre nach Rom gekommen und hätte nicht durch seine so lebendige Anteilnahme vielfach Nutzen gezogen?« Zahlreiche Romreisende aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts wissen fast ohne Ausnahme vom »alten Koch«, dem Mentor und Freund vieler junger Künstler zu erzählen, von dem sprühenden Witz und von den Streichen des »tollen Koch« zu berichten.

Aber dies verschleiert oft den Kern seines Wesens. Bis heute wird er als bedeutendster Maler der deutschen Romantik gewürdigt. Seine Bilder hängen in den großen Museen von Wien, Berlin und München. Am 27. Juli 2018 jährt sich der Tag seiner Geburt zum 250. Mal. Besonders begangen wird der Jahrestag in Olevano, einem 30 Kilometer südöstlich von Rom in den Sabiner Bergen gelegenen malerischen Ort, dessen unbestrittener »Entdecker« Joseph Anton Koch ist – bis heute Treffpunkt und Impulsgeber zahlreicher Künstler aus der ganzen Welt. Nachdem eine Straße des Ortes bereits nach ihm benannt ist, plant das Kunstmuseum eine Ausstellung von Werken Kochs, die in besonderer Beziehung zu Olevano stehen.

Koch hatte im Jahre 1806 Cassandra Ranaldi aus Olevano geheiratet. »Ein Maler ist wie ein irrender Ritter, dessen Leben ohne eine Dulcinea einer Lampe ohne Oel, einem Mühlrad ohne Wasser, einem Ofen ohne Feuer gleicht«, schreibt er einmal. Cassandra bleibt ihm zeitlebens eine »stille, fleißige Penelope« und schenkt ihm drei Kinder: Elena (geb. 1811), Camillus (geb. 1814) und Augusto (geb. 1818).

Joseph Anton Koch entstammt einer armen Bauernfamilie, die zeitweilig elf Kinder zu ernähren hatte. Sein Vater betrieb nebenher einen kleinen Handel mit Südfrüchten und Kräutern und hatte auf einer Reise in Koblenz 1760 ein rheinisches Mädchen, Anna Elisabeth Burdi, geheiratet. Koch selbst erzählt später Ludwig Richter, wie er hoch oben im Gebirge die Ziegen gehütet habe. Schon damals zeigt sich sein besonderes Talent. Er habe mit Kohle, die er von seinem Hirtenfeuer nahm, große Geschichten und Landschaften an die glatten Felswände gezeichnet. Richter glaubt, dass schon im Hirtenbuben der Sinn für das Große und Gewaltige gesteckt habe. Der Weihbischof von Augsburg, Johann von Ungelter, wird bei einer Firmungsreise auf den begabten Jungen aufmerksam und ermöglicht ihm eine Ausbildung, zunächst im Seminar von Dillingen und dann an der hohen Carlsschule in Stuttgart. Wie nur acht Jahre zuvor den jungen Schiller störte den freiheitsliebenden Koch die strenge Zucht des Anstaltsbetriebs. Eines Nachts gelingt ihm mit Hilfe von Freunden die Flucht, die ihn an einem Strick vom Fenster aus über die Mauer hinabließen. Koch selber erzählt dem Maler Flatz von der Flucht: »Flugs eilte ich aus der Stadt… In Straßburg traf ich meine Freunde. Mir war wie einem Vogel, der eben aus dem Käfig entflohen, und in der ersten Freiheit und Freude schnitt ich mir – noch auf der Brücke – den statutenmäßigen Haarzopf ab und schickte ihn durch die Post an die Akademie.«

In Straßburg wird der junge Revolutionär bald ernüchtert. Er wolle »kein Jakobiner ohne eigenen Erwerb sein«. Er geht in die Schweiz, hält sich in Basel, Bern und Neuenburg auf und macht für ihn später wichtige Naturstudien. Eine Einladung des Engländers George Nott, den er in Neuchatel kennengelernt hatte, ruft ihn nach Italien.

Ende Dezember 1794 tritt Koch »bei allgewaltiger Kälte« seinen Fußmarsch über den Gotthard, Mailand, Bologna, Florenz und Rom bis nach Neapel an. Dort versorgt ihn Nott mit Geld und verspricht ihm eine Unterstützung über drei Jahre. Im Frühling 1795 betritt der Künstler die Ewige Stadt, in der er mit Unterbrechungen über 40 Jahre bleiben wird.

Zunächst trifft er auf Jakob Asmus Carstens, der seit 1792 in Rom lebt. Dieser führt ihn in die Kunstschätze Roms ein, in die Monumente der Antike, zu Michelangelo und Raffael, macht ihn mit der Mythologie bekannt und mit allen großen Dichtern der Weltliteratur. Eine enge Freundschaft verbindet ihn auch mit dem Bildhauer Berthel Thorvaldsen, den man den »dänischen Phidias« nennt.

1804 entdeckt Koch vor den Toren Roms das Felsennest Olevano, das ihm mit seinem Eichenhain, der Serpentara, unerschöpfliche Motive schenkt. Die »Landschaft mit dem Dankopfer Noahs« und die »Regenbogenlandschaft« sind unter anderem die großartigen Früchte seiner neuen Naturanschauung. Wilhelm von Humboldt schreibt 1809 an den Präsidenten der Münchner Akademie der Wissenschaften über Koch: »Allein wenn von Genie, nicht bloß Talent, die Rede ist, so gibt es in Rom nur einen, der darin die meisten deutschen Künstler übertrifft.« Geschult durch die Größe der römischen Landschaft, geformt durch Erinnerungen an seine Jugend in den Alpen und durch seine Skizzen aus der Schweiz malt der Künstler 1811 seinen berühmten »Schmadribachfall«. Der »mächtige Gießbach aus von Wolken umgürteten Schneebergen und im Vordergrund die tobende Eile der wilden Wellen … das entzückt mich«, schreibt Ludwig Richter begeistert.

Trotz positiver Besprechungen dieses großartigen Werkes entschließt sich Koch 1812, mit seiner Familie nach Wien zu übersiedeln. In Wien beeindrucken ihn weniger die dortige Natur, als vielmehr die Gemälde von Dürer, Rubens und Brueghel in der Galerie. Seine eigenen Bilder finden jedoch wenig Anklang. Kaum Verkäufe und wieder finanzielle Not – aber Kontakte mit jungen Künstlern wie Carl Philipp Fohr und Franz Horny, die ihm später nach Rom folgen werden. Seine Rückkehr nach Rom wird 1815 durch den Ankauf seiner »Regenbogenlandschaft« durch die Münchner Akademie möglich.

Endlich ist er wieder in »seinem Rom« und wieder in seinem »Caffè Greco«, wo er trotz schon gesetzterer Jahre seinen Witz und seinen Übermut ausleben kann. Ab 1817 gibt der Marchese Carlo Massimo jungen deutschen Künstlern den Auftrag, drei Gartenräume seiner Villa in der Nähe von San Giovanni in Laterano mit Fresken zu bemalen. Overbeck fällt eine Szenenfolge aus Tassos Befreitem Jerusalem zu, Cornelius der Zyklus zu Dantes Divina Comedia. Ab 1825 führte Koch die vier Seitenwände aus. Die auf zwei Wänden zusammengezogenen Hauptereignisse der Höllen- und Fegefeuergesänge stellen das künstlerische Fazit von Kochs jahrzehntelanger Vertrautheit mit Dantes »Göttlicher Komödie« dar. Bis heute geben die Dantefresken im Casino Massimo Zeugnis von seiner großen Fantasie und überragenden Malkunst.

1989 fand in der Stuttgarter Staatsgalerie anlässlich des 150. Todestages von Joseph Anton Koch eine Gedenkausstellung statt, die ihn – so das Vorwort des Kataloges – »als den bedeutendsten Landschaftsmaler des Klassizismus in allen Schaffensphasen vor Augen führt«. Auch wenn seine herausragende Stellung in der Fachwelt unumstritten ist, fehlt jedoch in der breiten Öffentlichkeit

eine entsprechende Bekanntheit und Würdigung. Ursache ist vermutlich das oft nur schwer zugängliche und breit gestreute Gesamtwerk des Künstlers, aus dem wichtige Teile verloren oder zerstört sind. Kochs Beitrag zur deutschen und europäischen Kunst kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Umso begrüßenswerter ist es, dass die Bürger von Olevano sein Erbe wie jetzt zum 250. Jahrestag seiner Geburt in so großartiger Weise pflegen. Beteiligt ist auch die »Villa Massimo«, die Deutsche Akademie in Rom, die in Olevano an zwei Orten ein Stück mitteleuropäischer Kulturgeschichte pflegt, in der Casa Baldi – ursprünglich ein Gasthaus, das sich zur Künstlerherberge entwickelte – und in dem schon erwähnten und von Koch entdeckten Eichenhain »La Serpentara«.

Hier bewerben sich Jahr fuür Jahr zahlreiche Künstler um ein Stipendium, leben und arbeiten dort für jeweils drei Monate und werden wie Joseph Anton Koch vom ersten Moment ihres Aufenthaltes als »eingebürgert« akzeptiert.

Der Künstler ahnte sicher nicht, dass er eine traditionsreiche römische Familie gegründet hatte, von der zwei große Stammbäume, einer aus den 30er-, ein anderer aus den 90er-Jahren, Zeugnis geben. Er wäre sicher stolz darauf gewesen zu wissen, dass ab dem Zeitpunkt der Taufe seines Sohnes Augusto bis heute fast ausschließlich Vornamen von römischen Kaisern für die Kinder gewählt wurden. Sein Enkel Gaetano Koch war der berühmte Stadtarchitekt von Rom und schuf so wunderbare Bauwerke wie unter anderem die heutige Piazza della Repubblica.

In seinen letzten Lebensjahren leidet Koch an starkem Rheuma, verliert aber niemals seinen Lebensmut und seinen Humor. Im August des Jahres 1838 gewährt ihm Kaiser Ferdinand I. ein Ehrengehalt. Nun ist er seine lebenslangen Geldsorgen endlich los, kann sich aber nur kurz daran erfreuen. Während er noch an seinem letzten Bild »Landschaft mit dem Raub des Ganymed« arbeitet, erleidet er im Dezember 1838 einen Schlaganfall. In seiner Wohnung in der Nähe der Quattro Fontane in Rom verbringt er seine letzten Tage. Sein Schwiegersohn Wittmer muss ihm noch ein Bild, das er gerade malte, ans Sterbebett bringen, um von der Kunst, die sein ganzes Leben erfüllt hatte, Abschied zu nehmen. Vor seinem Tod spricht er noch wiederholt von seinen »lieben Tirolern« und von der Gnade des Kaisers, welche »hoffentlich auch seine Frau nicht verlassen werde«. Am 12. Januar 1839 stirbt er.

Die »Allgemeine Zeitung« vom 25. Januar 1839 berichtet: »Die deutschen Künstler versammelten sich vor dem Trauerhaus, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Der Sarg war mit einem Lorbeerkranz, der sich um Pinsel und Palette schlang, geschmückt… Der Zug geleitete die Leiche bis zur Kirche San Vincenzio e Anastasio bei der Fontana di Trevi, wo sie die Nacht ü über blieb, um nach abgehaltenem Totenamt auf dem Kirchhofe von San Pietro beigesetzt zu werden.« Im Campo Santo Teutonico im Schatten der Peterskuppel befindet sich noch heute des Meisters letzte Ruhestätte. An ihn erinnert eine Gedenktafel mit einer lateinischen Inschrift von Johann Christian Reinhart, der seinen Malerkollegen mit folgenden Worten würdigt: »Joseph Anton Koch aus Tirol, geb. 27. Juli 1768, gest. zu Rom 12. Jänner 1839, dem ausgezeichneten Historienmaler, dem ersten Landschaftsmaler seiner Zeit, im Vereine mit Jakob Asmus Carstens, Wiedererwecker der deutschen Kunst, dem aus eigener Kraft hochverdienten Manne. Die Freunde und Mitbürger.«

Von Elmar Bordfeld

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