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Das Mädchen und der Fremde

· Die Heilige des Monats ·

Sobald es dunkel war, erhob sich die junge Agnes vom Bett, setzte sich an den Tisch und wartete vor dem eingeschalteten Bildschirm voller Unruhe darauf, dass dort der Fremde erscheinen würde. Und tatsächlich war er da. Auf dem himmelblauen Rechteck war das rote Stiersymbol aufgetaucht, das für ihn stand und das sie vom ersten Augenblick an angezogen hatte. 

»Also bist du da«, sprach er sie unverzüglich an, als hätte er ihre Anwesenheit gespürt. Die blinkende Mail löste in dem Mädchen freudige Zufriedenheit aus. In der Tat befand sie sich an der Schwelle der schon mehrfach mit dem Fremden geplanten Begegnung; schon lange hatte sie sich diesen Augenblick als den Beginn einer glücklichen Zukunft ausgemalt.

Und doch bremste einen Augenblick lang etwas – ein Gefühl der Furcht, das einem weißen Finger zu ähneln schien, der auf ihre Brust gerichtet war – die Hand, die im Begriff war, die Tasten zu drücken; aber inzwischen war bereits die Ermahnung des Fremden angekommen: »Morgen Abend!«

Sie schaute sie an und fühlte ein Gefühl des Jubels in sich aufsteigen, denn die anfänglichen Furchtgefühle hatten sich verflüchtigt. »Wo?« »Monte Sacro, Casale Giuliani 66, dritter Stock, vergiss’ nicht zu läuten, wenn du unten stehst.« »Wie komme ich dorthin?«, fragte das Mädchen. »Nimm ein Taxi, gib’ dem Fahrer die Adresse und läute dann. Ich zahle alles«, versicherte die blinkende Botschaft des Mannes, der sich hinter dem Stiersymbol verbarg. »Um wie viel Uhr?«, fragte Agnes nach. »Ich werde um halb sieben da sein. Schau zu, dass du nicht allzu viel Verspätung hast.«

Aber genau in dem Moment, in dem sie endgültig zusagen wollte, tauchte wieder dieser unsichtbare Finger auf, der sich an ihr Herz heftete. Sie wartete eine Minute lang, zwei, dann drei, atmete mühsam und fühlte sich außerstande, das Zittern zu beherrschen, das sie unversehens überkommen hatte. Und endlich schrieb sie, in der Manier des kleinen Mädchens, das sie vor ihrer Begegnung mit dem Fremden gewesen war: »Morgen nicht, ich muss lernen.«

Das »Wie bitte?«, das darauf antwortete, war wie eine Ohrfeige, fast hatte sie den Eindruck, dass das unversehens angewachsene Stiersymbol blutrot geworden sei. Der Fremde befahl ihr dann gleich noch: »Spiel’ jetzt nicht die heilige Agnes«.

In diesem Augenblick wurde sie sich erstmals der Tatsache bewusst, dass sie noch nicht einmal seinen richtigen Namen kannte. Und es überkam sie die seltsame Laune, wenigstens wissen zu wollen, wer diese heilige Agnes gewesen sei, der sie möglicherweise ähneln konnte. So verbannte sie das Stiersymbol in den untersten Winkel des Bildschirms und suchte schnell unter den unzähligen Hinweisen, die das Internet anbot, bis ein Bild erschien, das mit »Das Wunder der heiligen Agnes« überschrieben war. Und da las sie: »In ihrem dreizehnten Lebensjahr verlor sie den Tod und gewann das Leben, für dessen Urheber sie sich entschieden hatte … Als Agnes von der Schule heimkam, verliebte sich der Sohn des Stadtpräfekten von Rom in sie.«

Vergebens – so fuhr der Text fort, der sie wegen der Übereinstimmung des Namens und Alters der Heldin mit sich selbst in Erstaunen versetzte – hatte der Sohn des Präfekten sie mit allen Arten immer kostbarerer Geschenke überhäuft, um sie dazu zu bringen, in die Heirat mit ihm einzuwilligen; sie hatte stets und unweigerlich geantwortet, dass sie einen anderen liebe und wieder geliebt werde, wobei sie an Jesus wie an einen irdischen Verlobten dachte, ohne ihn aber namentlich zu nennen. Der Sohn des Präfekten aber, der ob der Abfuhr verletzt und wütend war, wandte sich an seinen Vater, und dieser ließ Nachforschungen anstellen, »wer jener Bräutigam sei, den Agnes so sehr liebte, und einer der Schmarotzer, von denen er umgeben war, sagte, dass Agnes bereits von Kindesbeinen an Christin und in den magischen Künsten erfahren sei, und dass sie sage, ihr Bräutigam sei Christus«.

Folglich – so las Agnes weiter – wurde sie vom Präfekten vor Gericht zitiert, und er machte ihr zunächst Verheißungen, und dann fürchterliche Drohungen, um sie von ihrem Glauben abzubringen: sie aber »lachte über alles« … So lange, bis er sie zu ermahnen gedachte: »Du wähle unter diesen beiden Möglichkeiten, diejenige, die du willst: entweder du opferst auf dem Jungfrauenhügel der Göttin Vesta, oder aber du wirst auf dem Hurenhügel in einem Freudenhaus enden.« Und so geschah es auch, weil die Jungfrau nicht nachgab, sondern bekräftigte, dass »das Wesen der Gottheit nicht aus Steinen bestehe, sondern aus dem Himmel«. Daher »wurde sie ins Freudenhaus verbracht und man zog sie aus, ihr aber wuchsen unverzüglich die Haare, und zwar in solcher Menge, dass sie von Kopf bis Fuß verhüllt war, und sie kleideten sie besser als jedes Gewand.« (An diesem Punkt konnte Agnes es sich nicht verkneifen, ihre eigenen Haare zu berühren, die sie in Rastazöpfchen trug), und erfuhr weiter, dass die ganze Zelle der Seligen von einem hellen Licht erleuchtet worden sei, »gebracht von Engeln«. Es sei so stark gewesen, dass es all die erschreckt habe, die nach ihrem Körper lüsteten, nicht aber den Sohn des Präfekten, der es ignorierte und sich ihr weiter näherte, um sich ihrer zu bemächtigen, dann aber unverzüglich »zu Boden fiel, sich die Hände vors Gesicht schlug und so sein Leben aushauchte«. Als sich diese Nachricht verbreitete, so las Agnes weiter, befiel den Präfekten ein Zweifel, der in Wirklichkeit Verzweiflung war, und er befahl ihr – genauer: er flehte sie an – seinen Sohn wieder ins Leben zurückzurufen, um zu beweisen, dass sie keine magischen Künste ausübte, sondern von einem sicheren und wahrhaften Glauben bewegt wurde. So wurde auf ihre Gebete hin der Sohn des Präfekten wieder lebendig und ging weg, indem er diesen Gott pries, der solche Wunder vollbrachte. Der Stellvertreter des Präfekten aber, der an dessen Stelle von der Menge herbeigerufen worden war, wollte deren Aufforderungen nachkommen und ordnete an, dass diese Hexe, wie man sie zu nennen beschlossen hatte, verbrannt würde. »Und da teilten sich die Flammen in zwei Lohen, eine hier und eine da, und die selige Agnes stand in der Mitte und spürte weder das Feuer noch dessen Hitze, und das Feuer fügte ihr keinen Schaden zu. Da ordnete der Stellvertreter, als er sah, dass das Volk sich nicht zufriedengab und auch nicht nachgab, an, dass der seligen Agnes mit einem Messer die Gurgel durchgeschnitten werden solle. Und sogleich sprudelte leuchtend rotes Blut hervor.«

»Auf diese Weise«, so endete der Bericht, »weihte Christus Agnes, Jungfrau und Märtyrerin, zu seine Braut.« An diesem Punkt wurde Agnes, die einen Sinneswandel spürte, von einem Zweifel befallen: War es möglich, dass der weiße Finger, der sie zuvor angerührt hatte, sich womöglich gerade als derjenige der Heiligen entpuppen könnte? Und bei dem bloßen Gedanken erschienen ihr Augen, die nass von Tränen waren. Da beschloss sie, zum ersten Bildschirm zurückzukehren, und schloss das himmelblaue Rechteck, aus dem das Stiersymbol mit ihr gesprochen hatte.

Aber der Fremde war nicht mehr da.

Dario Fertilio (geb. 1949), ein italienischer Journalist und Schriftsteller dalmatischer Herkunft, arbeitet in der Kulturredaktion des Corriere della Sera. Er hat gemeinsam mit dem russischen Schriftsteller Vladimir Bukovskij die »Komitees für die Freiheiten« gegründet und die Initiative »Memento Gulag« ins Leben gerufen, die am 7. November den Gedenktag für die Opfer des Kommunismus begeht. Er ist u. a. Autor von: Teste a pera e teste a mela (2001); La morte rossa. Storie di italiani vittime del comunismo (2004); La via del Che (2007); Musica per lupi (2010); L’ultima notte dei fratelli Cervi (2012). Keines dieser Werke liegt in deutscher Übersetzung vor.

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19. September 2019

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