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​Das Duzen Gottes

Mit dem, was der Papst am letzten Samstag über die heiligen Petrus und Paulus gesagt hat, hat er sein mittlerweile schon über sechs Jahre währendes Werk der Darstellung des Antlitzes Christi fortgesetzt. Im Übrigen ist gerade dies die Hauptaufgabe des Stellvertreters Christi: Ihn zu repräsentieren, uns sein Antlitz zu zeigen. Und am Samstag hat er gesagt, dass Christus, also Messias, »ein Wort [ist], das nicht auf die Vergangenheit, sondern auf die Zukunft verweist: Der Messias ist der Erwartete, der Neue, derjenige, der die Salbung Gottes in die Welt bringt. Jesus ist nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart und Zukunft. Er ist nicht eine ferne Gestalt, derer man sich erinnert, sondern derjenige, den Petrus mit Du anspricht: Du bist der Christus. Für den Zeugen ist Jesus mehr als eine geschichtliche Persönlichkeit, er ist die Gestalt des Lebens schlechthin: er ist der Neue, nicht der bereits Bekannte; die Neuheit der Zukunft, nicht eine Erinnerung an die Vergangenheit. Ein Zeuge ist deshalb nicht einer, der die Geschichte Jesu kennt, sondern jemand, der mit Jesus eine Geschichte der Liebe lebt.«

Gott duzen. Das ist der eigentliche Sinn des Christentums. Der heilige Paulus bringt das auf seine Art im Römerbrief zum Ausdruck: Wir Menschen haben »den Geist der Kindschaft empfangen, in dem wir rufen: ›Abba, Vater!‹«; Vater, aber es wäre besser, es mit »Papa« zu übersetzen. In der Generalaudienz vom 22. Mai hat der Papst, als er über das Vaterunser sprach, bekräftigt, dass dieses Gebet aus dem Wagemut entsteht, Gott als »Vater« anzusprechen: »Es handelt sich nicht nur um eine Formel, sondern um eine kindliche Vertrautheit, in die wir durch die Gnade eingeführt werden: Jesus offenbart uns den Vater und schenkt uns die Vertrautheit mit ihm.« Im Alten Testament bringen die Juden diesen Wagemut nicht auf, der Name Gottes ist heilig, unberührbar und unaussprechlich, auch wenn es diverse Vorwegnahmen dieser intimen Vertrautheit gibt wie beispielsweise in jenem besitzanzeigenden Adjektiv, das die erste Aussage des Dekalogs begleitet: »Ich bin der Herr, dein Gott«.

Intime Vertrautheit, Zärtlichkeit, Vertrauen. Drei Thematiken, auf denen der Papst bei seinen Predigten oft besteht, drei Charakteristika des Franziskus eigenen Stiles, der jeden öffentlichen Auftritt, auch wenn er sich inmitten einer Menge befindet, in ein face-to-face zu verwandeln sucht, in eine persönliche, direkte Begegnung, mit einem »Du«, das durch die Augen vermittelt werden soll.

An dem Punkt versteht man, weshalb der Papst auf der volkstümlichen Dimension des Glaubens besteht, einem Phänomen der Volksfrömmigkeit, die sich in Italien oft als eine Art von Schizophrenie entpuppt: da gibt es Menschen, die im Namen eines intellektuellen, »reifen« Zugangs zur Religion alles ablehnen, was allzu sehr nach Devotion klingt, dabei aber jede Form von Bindung und einer gemeinschaftlichen Dimension zerstört und den Glauben privatisiert, und andererseits gibt es Leute, die sich soweit mit dieser volkstümlichen Dimension identifizieren, dass sie daraus, möglicherweise im Namen eines falsch verstandenen Identitätsgefühls, eine Ideologie machen. Kurz, es gibt, genau wie der Papst sagt, Menschen, die sich einzig und allein deshalb für Zeugen halten, weil sie »die Geschichte Jesu kennen« (ohne deshalb aber »eine Liebesgeschichte mit Jesus« zu leben), und andererseits solche Menschen, die die Quintessenz dieser Geschichte vergessen haben und sie jemandem oder etwas entgegenhalten, als handle es sich dabei um einen Talisman, der ihnen gegen wirkliche oder eingebildete Ängste ein Gefühl der Sicherheit einzuflößen vermag. Just am Samstag hat der Papst vor dem Angelusgebet auf den offenkundigen Widerspruch verwiesen, der der zuletzt genannten Einstellung innewohnt, als er sagte, dass die Katholiken zweifellos sagen können: »meine Kirche, aber »wir sagen dies nicht mit dem Gefühl einer exklusiven Zugehörigkeit, sondern mit einer einschließenden Liebe. Nicht um uns von den anderen abzusetzen, sondern um die Schönheit des Miteinanders zu lernen, denn Jesus will, dass wir vereint und offen sind. Die Kirche ist in der Tat nicht ›meine‹, weil sie meinem Ich, meinen Wünschen entspricht, sondern damit ich meine Zuneigung in sie einfließen lasse.«

Die Zuneigung ist der neuralgische Punkt, der Schlüssel: in der Mitte zwischen den beiden einander entgegen gesetzten Standpunkten stehen die Christen, die genau wie Petrus und Paulus (und Franziskus) bekennen, dass sie Sünder sind und der Vergebung bedürfen und für die Jesus schlicht und einfach »die Person des Lebens ist«.

Andrea Monda

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19. November 2019

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