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​Das Dreipäpstejahr

· Karol Wojtyła wurde am Nachmittag des 16. Oktober 1978 gewählt ·

Vor vierzig Jahren, mitten im Hochsommer, starb Paul VI. am 6. August 1978 ganz unvermittelt, und die folgenden siebzig Tage endeten am 16. Oktober im Konklave mit der Aufsehen erregenden Wahl des ersten Nicht-Italieners seit 1523, Kardinal Karol Wojtyła. Der Krakauer Erzbischof folgte auf dem römischen Bischofssitz dem Patriarchen von Venedig nach, der nach einem gerade einmal einen Monat dauernden Pontifikat plötzlich verstorben war. Und es war sogleich die Rede vom »Dreipäpstejahr«. Diese in Journalistenkreisen geprägte Formulierung war gleichermaßen einfach wie auch treffend. Schon deshalb, weil sich dieser einzigartige, wiewohl keineswegs neue, Umstand immerhin seit über dreieinhalb Jahrhunderten nicht mehr ergeben hatte, als 1605, nach dem Tod Clemens’ VIII., zunächst im Frühjahr das unglaublich kurze Pontifikat Leos XI.gefolgt war, der der Kirche »mehr vorgeführt wurde, als dass er gegeben hätte« (ostensus magis quam datus), wie auf seinem Grabmonument in Sankt Peter eingemeißelt wurde, und schließlich der Pontifikatsbeginn Pauls VI.

Der Tod des Montini-Papstes erfolgt ganz plötzlich, fast ohne Vorankündigung, in der drückenden Sommerhitze von Castel Gandolfo. Paul VI. hatte sich am 14. Juli in die im Umland von Rom gelegene päpstliche Sommerresidenz begeben, und nichts deutete auf das hin, was dann geschehen sollte. Auch wenn der mittlerweile achtzigjährige Papst zwei Wochen zuvor, am 29. Juli, dem Hochfest Peter und Paul, am 15. Jahrestag seiner Wahl zum Papst, eine regelrechte Bilanz seines Pontifikats gezogen hatte. Wenn »sich der natürliche Lauf Unseres Lebens seinem Ende zuneigt«, hatte er gesagt und dabei wieder, wie er es in den vorhergehenden Monaten bereits dreimal getan hatte, auf den Tod angespielt, den er unmittelbar bevorstehen fühlte. Montini hatte diese Predigt mit stellenweise dramatisch werdender Stimme gehalten: Er erinnerte an die Apostel, und »beide stehen uns vor Augen, wenn wir jetzt jenen Zeitraum überblicken, in dem der Herr uns seine Kirche anvertraut hat. Auch wenn wir uns für den geringsten und unwürdigen Nachfolger des hl. Petrus halten, fühlen wir uns doch an dieser entscheidenden Schwelle unseres Lebens bestärkt und getragen vom Bewusstsein, immer wieder und unermüdlich vor der Kirche und der Welt bekannt zu haben: ›Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes‹. Und wie Paulus so glauben auch wir sagen zu dürfen: ›Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, den Glauben bewahrt.‹«

Wenig mehr als zwei Wochen nach dem Transfer nach Castel Gandolfo will Montini am Nachmittag des 1. August in der näheren Umgebung, in Frattocchie, das Grab von Kardinal Giuseppe Pizzardo besuchen, der 1970 gestorben war. Dieser war, wiewohl er 1921 seinen Eintritt in den Dienst des Heiligen Stuhles begünstigt hatte, Anfang der Fünfzigerjahre dann einer jener Kleriker, die ihn am heftigsten angefeindet hatten. Den Vormittag brachte der Papst hingegen damit zu, wie gewöhnlich mit eigener Hand die Ansprache für die Generalaudienz abzufassen. Bei seiner Rückkehr aus Frattocchie hat der Papst hohes Fieber und wird von seinem Arzt, Mario Fontana, untersucht, der ihm eine Therapie verschreibt, um des Fiebers Herr zu werden.

Am nächsten Tag, am Mittwoch, 2. August, hält Paul VI. trotz allem ganz normal die Generalaudienz ab. »Alle müssen sich daran erinnern, dass die Kirche Schülerin war, ehe sie Lehrerin wurde«, denn »sie lehrt eine Lehre, die sie zunächst einmal lernen musste« und »verkündet ein Wort, das aus dem transzendenten Gedanken Gottes fließt. Darin besteht ihre Kraft und ihr Leuchten. Und was ist diese unvergleichliche Weitergabe göttlichen Denkens und göttlichen Wortes anders als der Glaube?« Trotz der Medikamente sinkt das Fieber nicht; aber dennoch empfängt der Papst am Donnerstag Vormittag, 3. August, den weniger als einen Monat zuvor gewählten italienischen Staatspräsidenten Sandro Pertini in Privataudienz.

Den ganzen Freitag über dauert das Fieber an, aber der Papst geht weiter seinen normalen Tätigkeiten nach. Bei Sonnenaufgang von Samstag, 5. August, kommt eine Atemkrise hinzu, die dank der Verabreichung von Sauerstoff überwunden wird, aber nichts sickert nach außen durch, es wird lediglich mitgeteilt, dass Paul VI. wegen einer Verschlimmerung der Arthrose, an der er seit geraumer Zeit leidet, das Angelusgebet nicht werde sprechen können, auch wenn seinen Anweisungen folgend eine kurze Ansprache vorbereitet wird, die dann am Sonntag veröffentlicht wird. Am Samstag Abend hat Montini allerdings nicht die Kraft, wie sonst bis spät zu arbeiten, und er bittet seinen Sekretär, Don Pasquale Macchi, ihm das Kapitel über Jesus aus Mon petit catéchisme des mit ihm befreundeten Philosophen Jean Guitton vorzulesen, der zwanzig Jahre zuvor die Dialogues avec Paul VI. veröffentlicht hatte. Nach der Lektüre ist der Papst vom Fieber völlig zermürbt und flüstert: »Jetzt wird es Nacht.« Und in der Tat werden es quälende Nachtstunden, ebenso wie die unruhigen Stunden von Sonntag, 6. August, dem Fest der Verklärung des Herrn. Am späten Nachmittag, gegen Ende der von seinem Sekretär gefeierten heiligen Messe, kommt es zu einem heftigen akuten Lungenödem und der kurze Todeskampf beginnt. Drei Stunden später, um 21.40 Uhr, haucht Paul VI. sein Leben aus, während er auf Lateinisch die ersten Worte des Pater noster murmelt.

Am 10. August wird das Testament des Papstes veröffentlicht, das er 1965 verfasst und 1972 und 1973 um Zusätze ergänzt hatte. Das bemerkenswerte Schriftstück überrascht und wirft für einen Augenblick Licht auf die Gestalt eines Papstes, den die Medien so gut wie nie mit seinen wirklichen Zügen dargestellt hatten. »Nun, da der Tag sich neigt und alles endet, da diese prachtvolle und dramatische irdisch-zeitliche Szenerie mir entschwindet — wie soll ich Dir, o Herr, über das Geschenk des natürlichen Lebens hinaus noch danken für jenes höhere, das Geschenk des Glaubens und der Gnade, zu dem allein am Ende mein Sein Zuflucht nimmt?«, so lesen wir in diesem wunderschönen Text.

Am selben Tag feiert Joseph Ratzinger, der Erzbischof von München und Freising, der vor wenig mehr als einem Jahr als Kardinal kreiert worden war, im Dom der bayerischen Hauptstadt das Totenamt für den soeben verstorbenen Papst. Seine Predigt erscheint nur im hektographierten Bulletin der Diözese und bleibt unbekannt, ja de facto unveröffentlicht, bis sie aus Anlass des 50. Jahrestags von Montinis Wahl wieder aufgespürt und im Osservatore Romano vom 21. Juni 2013 veröffentlicht wird.

In seiner Reflexion über das Fest der Verklärung des Herrn zeichnet Ratzinger ein beeindruckendes Porträt des Papstes nach, ohne natürlich ahnen zu können, welche Bestimmung ihn 35 Jahre später erwarten sollte: »Paul VI. hat seinen päpstlichen Dienst zunehmend als Metamorphose des Glaubens im Leiden angenommen« und »das Pontifikat bedeutete für ihn immer mehr, sich das Gewand von einem anderen anlegen zu lassen und ans Kreuz genagelt zu werden. Wir wissen, dass er vor seinem 75. Geburtstag wie auch vor dem Achtzigsten heftig mit der Vorstellung gekämpft hat, sich zurückzuziehen. Und wir können uns vorstellen, wie schwer die Vorstellung ihn belastet haben muss, nicht mehr sich selbst zu gehören. Keinen einzigen privaten Augenblick mehr zu haben. Bis zum letzten Augenblick angekettet zu sein, mit dem eigenen Leib, der einer Aufgabe, die Tag für Tag den vollen und lebendigen Einsatz aller Kräfte eines Mannes verlangt, erliegt.« Kurz, Ratzinger zufolge hat Montini »der Autorität – verstanden im Sinne von Dienst – neuen Wert verliehen, indem er sie als Leiden auf seinen Schultern trug«, und »am Ende bewahrt unsere Erinnerung das Bild eines Mannes, der die Hände ausstreckt«. In der Tat »streckt der Glaube die Hände aus«, so merkt der Kardinal in seiner Predigt an, und »sein Zeichen ist keineswegs die Faust, sondern die offene Hand«.

Wie Paul VI. in seinem Testament gewünscht hatte, hat er ein ganz schlichtes Begräbnis. So wird das geöffnete Evangelienbuch am Abend des 12. August auf dem Petersplatz auf den direkt auf dem Boden stehenden Sarg gelegt und eine leichte Sommerbrise blättert seine Seiten um. Am Ende der Exequien wird der Leib des Papstes im Untergrund der Basilika in die Erde gebettet, wo eine lateinisch beschriftete Marmorplatte nichts als den Namen des Papstes angibt.

Es liegen zahlreiche journalistische Berichte und Rekonstruktionen der beiden Sedisvakanzen und der beiden Konklaven des Jahres 1978 vor, sie alle können aber aus Mangel an Dokumenten und objektiven sicheren Anhaltspunkten nicht kontrolliert werden, aber in großen Linien scheinen sie durchaus klar zu sein. In jenen Augusttagen taucht der Name des Kardinals Albino Luciani immer wieder als papabile in den Druckmedien auf. Und die wichtigsten Analysen stimmen darin überein, dass alle den Patriarchen von Venedig als den vor allem von der Persönlichkeit des Erzbischofs von Florenz, Giovanni Benelli – der zehn Jahre lang als Substitut im Staatssekretariat ein treu ergebener Mitarbeiter Pauls VI. gewesen war –, geforderten Kandidaten für eine Fortsetzung der Montinischen Linie sehen. Als Konkurrent wir ihm Kardinal Giuseppe Siri gegenübergestellt, der von Pius XII. kreierte Erzbischof von Genua und bedeutendste Exponent des konservativen Lagers. Und gerade Luciani wird in dem sehr kurzen Konklave gewählt, das am Nachmittag des 25. August beginnt und kaum vierundzwanzig Stunden später endet, genauso wie seinerzeit am 2. März 1939, als kurz vor Kriegsbeginn der Staatssekretär und letzte römischstämmige Papst, Eugenio Pacelli, gewählt wurde. So besteigt zum dritten Mal in weniger als einem Jahrhundert ein Patriarch von Venedig den Stuhl Petri, nach der Wahl Giuseppe Sartos (Pius’ X.) 1903 und jener Angelo Roncallis, die 1958 erfolgte.

Seine Namenswahl – Johannes Paul: das erste Mal, dass ein Doppelname gewählt wird – erinnert an seine beiden unmittelbaren Vorgänger, in einem möglicherweise während der Versammlungen vor dem Konklave entwickelten Idee, die Entgegenstellung von Roncalli und seinem Nachfolger Montini zu überwinden, die bereits zu Zeiten des Konzils in fortschrittlichen katholischen Kreisen aufgekommen war und auch später immer wieder angeführt wurde (Alberto Cavillari etwa schreibt 1966 über »einander gegenüberstehende Cliquen: die ›Johanneische‹ und die ›Paulinische‹«).

Und ein ungewöhnliches, im Lichte des plötzlichen Todes des neuen Papstes als unheilvoll geltendes Detail kommt noch hinzu. Am Abend des 26. August fügt der Kardinalprotodiakon, Pericle Felici, bei der Verkündigung des habemus papam dem neuen Namen nämlich die Ordinalzahl hinzu (qui sibi nomen imposuit Ioannis Pauli primi), die Felici selbst nur anderthalb Monate später weglässt (qui sibi nomen imposuit Ioannis Pauli). Und 2013 wird auch der Protodiakon Jean-Louis Tauran die Ordinalzahl weglassen (qui sibi nomen imposuit Franciscum), indem er nur den Namen verkündet, auch das ohne Präzedenzfälle bei den Papstnachfolgen (wobei er den Namen außerdem im Akkusativ dekliniert statt im Genitiv).

In einer historischen Geste hatte Paul VI. am 13. November 1964 de facto auf die Tiara verzichtet, die er auf dem Altar von Sankt Peter niedergelegt und nie mehr getragen hatte. So beginnt sein Nachfolger sein Pontifikat am 3. September offiziell mit einer feierlichen Messe und verzichtet auf die antike Krönungszeremonie mit der dreifachen Krone, die seitdem nicht mehr wiederholt wurde.

Der plötzliche Tod des Papstes, der am 28. September zu nächtlicher Stunde erfolgt, wird am 29. bei Tagesanbruch entdeckt. So beginnt eine neuerliche Sedisvakanz. Lucianis dreiunddreißig Tage scheinen sich verflüchtigt zu haben, auch wenn in Wirklichkeit vor allem die Einfachheit und die Kommunikationskraft des Erwählten in Erinnerung bleiben, wie auch das Trauma seines plötzlichen Todes. Dieser unerwartete Todesfall erschüttert natürlich die Öffentliche Meinung und bleibt mit einer Aura des Geheimnisses und des Verdachts umgeben, die auch durch die gewiss schwierige, aber letztendlich keineswegs weitsichtige Entscheidung des Kardinalskollegiums geschürt wird, keine Autopsie des Papstes – eines 66-Jährigen, der, wie späteren Zeugnissen entnommen werden konnte, mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte – vornehmen zu lassen. Eines Mannes, der sich in der Einsamkeit des ersten in der päpstlichen Wohnung verbrachten Abends verirrte und dem es nicht gelang, auch nur ein Glas Milch zu finden, und dessen Geschichte in einer Karikatur von Kronk gut getroffen ist, die am 30. September auf der Titelseite von Le Monde gut getroffen ist: Der Papst liegt entseelt am Boden, ein Opfer des Gewichts einer riesigen Tiara, die er im Übrigen nie getragen hatte (und die überraschenderweise über ein halbes Jahrhundert nach Montinis Verzicht von Paolo Sorrentino in seinem barock überladen anmutenden Film The Young Pope wieder ausgegraben wurde und die genau jener gleicht, die Paul VI. von den Mailändern geschenkt worden war). »Als es ihm diese Bürde auflastete, wünschte ihm das Konklave auch die Kraft, sie tragen zu können. Die Antwort ist leider grausam: Unser Jahrhundert ist derart schwer, dass niemand sich einen Teil davon auf seine Schultern laden kann, ohne zu riskieren, davon erdrückt zu werden«, kommentiert Robert Escarpit in der Pariser Tageszeitung.

Die Berichterstattung und die späteren Rekonstruktionen der Dynamiken, die dem am 14. Oktober beginnenden Konklave vorausgingen, stellen erneut die Kontinuität der Montinischen Linie, die diesmal von Benelli persönlich vertreten wird, in Gegensatz zur neuerlichen Kandidatur Siris; die Auseinandersetzung zwischen den beiden Italienern sollte Wojtyła nach oben bringen. Zwanzig Jahre später sollte der US-amerikanische Historiker Francis A. Burkle-Young in Passing the Keys einen nuancierteren Bericht vorlegen, ergänzt um die präzisen Ergebnisse der acht Wahlgänge, aber ohne jedwede Nennung seiner Quellen: Angesichts der Unmöglichkeit, den Erzbischof von Genua zu wählen, soll die dem Erzbischof von Florenz feindlich gegenüberstehende Seilschaft vom zweiten Wahlgang an auf den Metropolitanerzbischof von Krakau gesetzt haben, dessen Wähler progressiv immer mehr werden sollten, bis sie am 16. Oktober über eine große Mehrheit verfügten.

Die absolut plausible Rekonstruktion wird noch gestärkt durch ein mit Siri geführtes Interview, das unter dem Titel Io Papa? (Ich – Papst?) kurz vor Beginn des Konklaves in der Turiner Tageszeitung »La Gazzetta del Popolo« vom 14. Oktober veröffentlicht wurde und das der Kardinal gewährt hatte, um seine entschiedene Opposition gegen die Linie zu betonen, die im und nach dem Konzil den Sieg davongetragen hatte. Angesichts des Aufsehens, den diese Veröffentlichung unverzüglich erregt, bestätigt Siri am späten Vormittag eine »zufällige Begegnung« mit dem Journalisten Gianni Licheri, der das Interview allerdings bis zum folgenden Tag nach dem Beginn des Konklaves hätte zurückhalten sollen, also bis die Wähler es nicht mehr hätten zur Kenntnis nehmen können. Die Interpretationen dieser Episode sind unterschiedlich und widersprechen einander. Es scheint sich dabei weniger um einen Unfall oder eine Falle zu handeln, sondern sehr viel wahrscheinlicher um eine im Voraus geschaffene Rechtfertigung für ein Ziel, das wie absehbar verfehlt wurde, worauf der symptomatische Satz »ich brauche nicht herumzulaufen, um mich eliminieren zu lassen« hinweist; zugleich handelt es sich bei dem Interview aber auch um ein Manifest und ein klares Signal für die Kardinäle, die im Begriff sind, sich in die Klausur des Konklaves zu begeben.

Wie seit nahezu vierzig Jahren seit der Lösung der römischen Frage üblich, erscheint der neue Papst nach der Ankündigung des Kardinalprotodiakons am Abend des 16. Oktober in der Loggia von Sankt Peter zur Erteilung des Segens »der Stadt und dem Erdkeis« (urbi et orbi). Völlig ungewohnt hingegen ist, das Wojtyła das Wort ergreift, was dagegen seinem Vorgänger am Abend des 26. August nicht gelungen war, der davon von jemand, der die übliche Praxis unbedingt beibehalten wollte, mit Nachdruck abgehalten worden war.

Johannes Paul II. improvisiert also bewusst langsam und mit tiefer Stimme die folgenden Worte, die leicht normalisiert veröffentlicht wurden, hier aber exakt transkribiert wurden: »Gelobt sei Jesus Christus! Liebste Brüder und Schwestern, wir alle sind noch von Schmerz erfüllt nach dem Tod unseres geliebten Papstes Johannes Paul I. Und hier haben die ehrwürdigen Kardinäle einen neuen Bischof von Rom berufen. Sie haben ihn aus einem fernen Land gerufen; es ist weit weg, aber doch immer nahe durch die Gemeinschaft im Glauben und in der christlichen Überlieferung. Ich hatte Angst davor, diese Ernennung anzunehmen, aber im Geist des Gehorsams gegenüber unserem Herrn Jesus Christus und im ganzen Vertrauen auf seine Mutter, die heiligste Madonna, habe ich es getan. Ich weiß nicht, ob ich mich gut in eurer, in unserer italienischen Sprache ausdrücken kann. Wenn ich einen Fehler mache, werdet ihr mich korrigieren! Und so stelle ich mich euch allen vor, um unseren gemeinsamen Glauben zu bekennen, unsere Hoffnung, unser Vertrauen auf die Mutter Christi und der Kirche, und auch um von neuem einen Anfang zu machen auf diesem Weg der Geschichte und der Kirche, mit der Hilfe Gottes und der Hilfe der Menschen.« Die Sprache und die fast perfekte Aussprache gleichen die Überraschung über den unbekannten Namen, der aber seit mindestens anderthalb Jahren schon in engstem Kreis als jener des meistgehandelten nichtitalienischen Papabile gehandelt wurde (er taucht beispielsweise in dem Artikel E passi lo straniero von Marcella Leone im »Panorama« vom 22. März 1977 auf).

Mit Wojtyłas Wahl endet die Jahrhunderte alte Reihe italienischer Päpste, die seit 455 Jahren aufeinander folgten, und 1978 beginnt auch die längste Phase nichtitalienischer Päpste seit den siebzig Jahren in Avignon, als zwischen 1305 und 1378 ausschließlich aus Frankreich stammende Päpste gewählt wurden. Mit 58 Jahren ist Johannes Paul II. auch der jüngste Gewählte nach Pius IX., und sein Pontifikat (1978-2005) sollte auch das zweitlängste sein, nach der fast 32 Jahre langen Herrschaft Mastai Ferrettis.

Die Nachfolge des deutschen Papstes auf seinen polnischen Vorgänger schloss dann symbolisch die Wunde des Zweiten Weltkriegs, der mit dem Einfall des Dritten Reichs in Polen begonnen hatte. Und der Amtsverzicht Benedikts XVI. im Jahr 2013, der erste seit über sechs Jahrhunderten, wird dann den Weg freimachen für den ersten amerikanischen Papst, den ersten Nichteuropäer seit nahezu 13 Jahrhunderten. Im Verlauf von bisher vierzig Jahren, deren Voraussetzungen geschaffen wurden durch die Internationalisierung der Kardinalskreationen, die 1946 von Pius XII. begonnen und dann vor allem von Paul VI. ausgebaut wurde. Vierzig Jahre, deren Auswirkung auf den Weltkatholizismus wie auch auf dessen Zentralregierung erst noch untersucht werden muss.

(Giovanni Maria Vian)

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25. März 2019

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